Die Frequenzen
- Автор: Setz Clemens J.
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Residenz Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
Von allen Gedichten, die er geschrieben hatte, erinnerte er sich nur mehr an das eine im Wortlaut, das von dem schlafenden Hund inspiriert worden war.
Ich hörte einen schwarzen Hund
vor meiner Haustür weinen
Ich sprach ihn an mit vielen Namen
Er hörte nur auf meinen
Das war wirklich gut. Hübsch und kompakt. Ein Gedicht wie ein Butterkeks. Erst nach langem Kauen entfaltete sich sein Geschmack.
Obwohl er keine besondere Lust hatte, sich zu betrinken, machte er sich einen Cocktail. Zutaten gab es reichlich, sein Vater war seit vielen Jahren Alkoholiker, ohne es zu wissen und ohne großen Schaden anzurichten.
Joachim, dachte er, hatte immer gute Cocktails gemacht. Wie es ihm wohl gehen mochte?
Der Cocktail (wenn man das Gemisch überhaupt so nennen wollte) war stark geraten und brannte in der Kehle. Egal, dachte er, es sieht mich ja niemand. Ich kann tun, was ich will.
Er machte sich einen zweiten und dritten. Auf unsicheren Pfoten wankte er zwischen dem Kühlschrank, der Bar und dem alten, knarrenden Ledersessel, der vor dem Fernseher stand, hin und her. Gerade balancierte er mit einer eigens zu diesem Zweck entwickelten Metallklammer einen Eiswürfel, als ihn ganz in seiner Nähe eine laute, volltönende, registerreiche Stimme ansprach.
Walter fiel vor Schreck fast über den Fernsehtisch, und der Eiswürfel fiel klirrend zu Boden.
Besuch am Morgen
Es war nicht einfach gewesen, aber nach einer halben Stunde hatte ich endlich alle größeren Teile des Spiegels aufgesammelt und zusammengeklebt. Die Haut auf meinen Fingerspitzen war vom Superkleber schwarz verätzt. Außerdem war mir vom Gestank der Chemikalien schlecht geworden. Entweder das, oder ich hatte feinsten Glasstaub eingeatmet, der nun meine Eingeweide zersetzte.
Anfangs hatte ich ein paar Ecken des großen Puzzles falsch zusammengesetzt (es gab mehr als einen Splitter, der die Form eines perfekten gleichseitigen Dreiecks hatte), und als ich in den reparierten Spiegel blickte, saß mein linkes Auge plötzlich unsicher blinzelnd auf meiner Wange. Missmutig grinsend vertauschte ich die beiden Teile.
Jetzt war alles wieder an seinem Platz. Zwar befand sich ein feines Netz von Bruchstellen, zwischen denen schwarzer Kleber hervorquoll, auf dem Spiegel, aber damit konnte man leben. Zur Feier der geglückten Instandsetzung schnitt ich Grimassen.
Mein linkes Auge fiel mir auf. Ich zog das Lid etwas herunter, und ein ungesundes Rot kam zum Vorschein, wie brennende Wolken am Horizont. Bestimmt hatten die giftigen Dämpfe des Klebstoffs meine Schleimhäute entzündet.
Es war früher Morgen, als ich mich zu Valeries Praxis aufmachte. Ich war etwas unsicher beim Gehen, denn ich hatte eine Nacht hinter mir, in der ich nicht mehr als zwei Stunden geschlafen hatte. Um sieben Uhr waren die Straßen bereits voller Menschen, aber die Praxis befand sich in einer jener besonders windstillen und ruhigen Seitengassen, die zwar so breit sind wie manche Hauptverkehrswege, aber trotzdem unter einem merkwürdigen Schutzzauber daliegen und sich einfach nicht von der Stelle rühren. Lässt man in einer solchen Straße etwas fallen, einen Knopf, eine Münze oder eine Zigarette, erscheint es einem fast wie ein unnötiger Eingriff in ein natürliches Gleichgewicht.
In einem kleinen, kompakten Café, das entweder CHILL oder WLAN hieß (genau ließ sich das nicht feststellen), kaufte ich mir einen Kaffee. Der weiche Pappbecher wurde nach wenigen Augenblicken bereits brennend heiß, außerdem schwappte die Flüssigkeit trotz des schnabelförmigen Schutzdeckels, durch den man trinken musste, ständig über meine Finger. Ich ging viel zu schnell, dabei hatte ich nicht einmal einen Grund, mich sehr zu beeilen. Die Praxis sperrte erst um acht Uhr auf.
Die Straße lag da wie immer, unbeweglich und rein. Vielleicht war in der Nacht eines jener großen, orangen Kehrfahrzeuge hier durchgefahren, lautlos, die Rotationsbesen und Wasserdüsen ausgeschaltet, und der Fahrer lächelte aus seiner schalldichten Kabine hinunter auf den Asphalt der in einen Dornröschenschlaf versunkenen Straße.
Ich kam an einer Reihe geöffneter Fenster vorbei, die zu einem Lern- und Nachhilfeinstitut gehörten und in denen breite Gitterstäbe wuchsen. Ein Geruch nach Turnhallen und Umkleidekabinen drang aus den Fenstern und beschwor dunkel verworrene Schulerinnerungen herauf. Fußballspiele, verbissen, in zu kurzen Hemden. Der unüberwindliche Barren, mit jahrhundertealten Wetzstellen auf dem bleichen Holz. Ein asthmatisches Trampolin. Ein düsterer Metallschrank voller Hockeyschläger. Nie verwendete Medizinbälle, schwergewichtig und in sich ruhend wie Buddhastatuen.
Es tat gut, hier entlangzugehen, der Körper erledigte alles von allein: ganz oben der wachsame Kopf, der Pilot, dann der bewegliche Oberkörper, die Balance, und darunter die automatisch dahintrabenden Beine, links, rechts, links, rechts. Sie irrten sich nie. Niemals kam zweimal hintereinander rechts oder links.
Ein herrlicher Tag. Ich hatte zwar nicht viel geschlafen, aber ich hatte einen Kaffee getrunken und ich hatte etwas vor.
Als ich das Haus Nummer 14, wo Valerie ihre Praxis hatte, erreichte, sah ich etwas Seltsames. Direkt vor dem Haustor lag ein schwarzes Knäuel aus Kleidern, das sich hob und senkte. Ein Bettler vermutlich. Ein Zahn, der der Gesellschaft über Nacht ausgefallen war. Er trug eine braune Pelzmütze, so wie sie Eskimos tragen mochten. Er hatte die Augen geschlossen, aber man konnte sehen, dass er nicht wirklich schlief. Er wartete.
Ich beachtete ihn nicht weiter, nahm mir aber vor, ihn um fünf vor acht von dem Hauseingang zu vertreiben. Gehen Sie! Das hier ist kein Stundenhotel! Dummer Satz. Hauen Sie ab! Ob er gewalttätig werden würde? Bestimmt übertrug er Krankheiten wie die Stadttauben und die unscheinbaren Spatzen in den Gastgärten irgendwelcher Cafés. Schau zu, dass du weiterkommst, dreckiges Schwein! Möglichst ordinär, um gleich durchzudringen. Versoffene Wracks. Tun alles für Geld.
Ich durchsuchte sicherheitshalber meine Hosentaschen nach Kleingeld. Wenn der Penner tatsächlich Widerstand leisten würde, konnte man ihn immer noch bestechen. Da! Geh Bier kaufen. Aber komm nicht zurück!
Ich ging bis ans Ende der Straße. Ein Lieferwagen stand dort vor einem Haus und wartete, dass irgendetwas passierte. Ich wartete ein paar Minuten mit ihm, aber es geschah nichts. Niemand kam. Das Dach des Hauses war teilweise abgedeckt. Über die freien Flächen waren große farbige Leintücher gespannt.
Ich fand eine Zwei-Euro-Münze und steckte sie griffbereit in die äußere Manteltasche. Los, fang! Hepp!
Meine Armbanduhr sagte mir, dass es höchste Zeit war umzukehren. Schon von fern sah ich, dass der Bettler immer noch in der gleichen Stellung vor dem Hauseingang kauerte. Ich betete im Stillen darum, dass er sich nicht angemacht hatte oder womöglich verletzt war. Das waren diese Gestalten ja oft. Manchmal, vor allem im Sommer, konnte man sie mit notdürftig verbundenen Unterarmen herumlaufen sehen. Eine Unmenge rotfleckiges Klopapier um einen Fingerstumpf gewickelt. Aufgeplatzte Lippen, wie das Innere einer Muschel, die auf dem Herd verbrannt ist.
Als ich vor den Mann hintrat, schreckte er hoch. Er stand auf, putzte sich den Ärmel ab. Ich wollte etwas sagen, meine Hand versank in der Manteltasche, berührte die warme Münze, mein Notargument — da nickte mir der Mann zu, als würde er mich erkennen, und drehte mir den Rücken zu. Sein Blick richtete sich auf die geschlossene Tür, neben der sich das Messingschild mit Valeries hübschem Namenszug befand. So blieb er stehen und rührte sich nicht.