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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Ich habe gehört, daß sie zu Sklaven des Staates erklärt wurden.«

»Sie waren Sklaven, bis Emanuel den portugiesischen Thron bestieg und ihnen die Freiheit zurückgab. Doch als er dann um die Hand der jungen Isabella anhielt, der Tochter unseres Ferdinands und unserer Isabella, tadelten unsere spanischen Monarchen ihn wegen seines allzu weichen Herzens. Nun war Emanuel in Schwierigkeiten, denn einerseits wollte er das Judentum in seinem Reich ausrotten, andererseits aber konnte er es sich nicht leisten, die Juden zu verlieren, denn sie haben in Geschäftsdingen eine verflucht glückliche Hand.«

»Das habe ich schon gehört«, sagte Jona. »Stimmt es denn wirklich?«

»O ja. Ich weiß, daß es in meinem eigenen Webwarengewerbe wie auch in vielen anderen so ist. Auf jeden Fall wurden auf Ema-nuels Befehl hin alle jüdischen Kinder zwischen vier und vierzehn Jahren zwangsweise getauft. Etwa siebenhundert dieser frisch getauften Kinder wurden auf die Insel San Tomas vor der Küste Afrikas geschickt, damit sie dort ein christliches Leben führten, doch die allermeisten starben sehr schnell am Fieber. Alle anderen Kinder durften jedoch bei ihren Familien bleiben, und die jüdischen Erwachsenen hatten die Wahl, entweder Katholiken zu werden oder das Land zu verlassen. Wie in Spanien konvertierten einige, doch unserer Erfahrung nach ist es zweifelhaft, ob ein Mann, der judio mamas, eigentlich ein Jude, war, je ein guter und ehrlicher Christ wird, oder?«

»Wohin sind die anderen gegangen?« fragte Jona.

»Ich weiß es nicht, und es ist mir auch egal, solange sie nie wieder zu uns zurückkehren«, sagte der Händler, doch dann lenkte ein Aufstöhnen seiner Frau ihn ab und rief ihn an ihre Seite.

Eines Tages führten zwei Totengräber einen Esel mit einer schlaff über dem Rücken des Tiers hängenden Gestalt Nunos Zufahrt hoch. Als sie vor der hacienda anhielten und um Wasser baten, fragte Reyna sie, ob die Dienste des Arztes erforderlich seien. Die Männer lachten und meinten, dafür sei es zu spät. Die Leiche auf dem Esel war die eines namenlosen Mannes mit schwarzer Haut, eines Wanderers, der sich auf der plaza mayor am hellichten Tag selbst die Kehle durchgeschnitten hatte. Die Totengräber bedankten sich höflich für das Wasser und zogen gemächlichen Schrittes weiter zum Ort der Verlorenen.

In dieser Nacht weckte Nuno Jona aus tiefem Schlaf.

»Ich brauche Eure Hilfe.«

»Sehr gerne, Senor Fierro. Was kann ich für Euch tun?«

»Ihr solltet wissen, daß es um eine Sache geht, die von der Kirche als Hexerei und Todsünde betrachtet wird. Wenn Ihr mir helft und man uns ertappt, werden wir beide brennen.«

Jona war schon vor geraumer Zeit zu dem Schluß gekommen, daß Nuno Fierro ein Mann war, dem man vertrauen konnte. »Auf mich wartet der Scheiterhaufen bereits, Meister Arzt. Mehr als einmal können sie mich nicht verbrennen.«

»Dann holt einen Spaten und zäumt einen Esel.«

Die Nacht war klar, und Jona spürte ihre Kälte. Gemeinsam führten sie den Esel zum Friedhof der Selbstmörder. Nuno war schon vor Einbruch der Nacht dort gewesen, um sich die Stelle des Grabes einzuprägen, und ging jetzt im hellen Licht des Mondes voran.

Er ließ Jona sofort mit dem Graben anfangen. »Die Leiche liegt nicht sehr tief, denn die Totengräber sind Faulpelze und waren schon angetrunken, als Reyna mit ihnen sprach.«

Es kostete Jona nur wenig Mühe, den in ein Tuch gehüllten Leichnam aus dem Grab zu heben, und mit des Esels Hilfe brachten sie ihn zurück über die Hügelkuppe und in den Stall, wo sie ihn aus dem Tuch wickelten, auf einen Tisch legten und mit hellen Öllampen umstellten.

Es handelte sich um einen Mann mittleren Alters, mit krausen schwarzen Haaren, dünnen Gliedern, blutunterlaufenen Schienbeinen, einer Vielzahl von Narben von alten Verletzungen und der häßlichen Halswunde, die ihm den Tod gebracht hatte.

»Die Farbe der Haut ist kein Anlaß für Mutmaßungen«, sagte Nuno Fierro. »In Landstrichen großer Hitze, wie etwa in Afrika, haben die Menschen im Laufe von Jahrhunderten eine dunkle Haut entwickelt, die sie vor den sengenden Strahlen der Sonne schützt. In nördlichen Gegenden, wie etwa dem Land der Slawen, hat das kalte Klima dagegen eine sehr blasse Haut hervorgebracht.«

Er nahm eins der schönen Skalpelle zur Hand, die sein Bruder für ihn angefertigt hatte. »Dies wird gemacht, seit es die Heilkunst gibt«, sagte er und öffnete mit geradem, sicherem Schnitt die Leiche auf dem Tisch vom Brustbein bis zur Scham.

»Sowohl dunkle wie helle Haut und das Fleisch darunter enthalten verschiedene Arten von Drüsen, die grundlegend sind für die körperlichen Prozesse.«

Jona hielt den Atem an und wandte den Kopf von dem Verwesungsgestank ab. »Ich weiß, was Ihr empfindet«, sagte Nuno, »weil ich dasselbe empfunden habe, als ich Montesa dies das erste Mal tun sah.«

Er arbeitete mit großem Geschick. »Ich bin ein einfacher Arzt und kein Priester oder Teufel. Ich weiß nicht, was mit der Seele geschieht. Aber eins weiß ich sicher: daß sie nicht hier in diesem Haus des Fleisches bleibt, in diesem Haus, das gleich nach dem Ableben danach trachtet, sich in Erde zu verwandeln.«

Er erzählte Jona, was er über die Organe wußte, die er der Leiche entnahm, und wies ihn an, ihre Größe und ihr Gewicht in ein ledergebundenes Buch einzutragen.

»Das ist die Leber. Die Nährstoffversorgung des Körpers hängt von ihr ab. Ich glaube, sie ist auch der Ort, wo das Blut entsteht... Das ist die Milz... und das ist die Gallenblase, die das Temperament bestimmt.«

Das Herz... Als es herausgenommen war, hielt Jona das Herz eines Menschen in der Hand.

»Das Herz zieht das Blut an sich und verteilt es wieder im Körper. Das Wesen des Blutes ist verwirrend, offensichtlich aber ist, daß das Herz Leben gibt. Ohne Herz wäre der Mensch eine Pflanze.« Nuno zeigte ihm, daß es gebaut war wie ein Haus mit vier Kammern. »In einer dieser Kammern dürfte mein Untergang begründet liegen. Ich glaube, Gott hat, als er mich schuf, hier einen Fehler gemacht. Es kann aber auch sein, daß die Ursache in den Flügeln der Lunge liegt.«

»Ist es denn sehr schlimm für Euch?« Jona konnte nicht anders, als diese Frage zu stellen.

»Manchmal ist es schlimm. Schwierigkeiten beim Atmen, das kommt und geht.«

Nuno zeigte ihm, wie die Knochen, Bänder und Sehnen den Körper stützten und schützten. Er sägte die Schädeldecke des dünnen Mannes auf und zeigte Jona das Gehirn und dessen Verbindungen zum Rückenmark und bestimmten Nerven.

Es war noch dunkel, als er alle Organe in die Körperhöhle zurücklegte und die Schnitte mit der Genauigkeit einer Näherin verschloß. Dann wurde der Leichnam in sein Tuch eingewickelt, und die beiden Männer führten den Esel wieder den Hügel hoch.

Jona schaufelte dem dünnen Mann nun ein tieferes Grab, und die beiden erwiesen ihm die letzte Ehre eines christlichen und eines jüdischen Gebets. Als das Tageslicht über den Hügeln heraufzog, lagen sie beide bereits in ihren Betten.

In den folgenden Tagen wurde Jona von einer merkwürdigen Unruhe erfaßt. Avicennas Worte: Medizin ist die Erhaltung der Gesundheit und die Heilung von Krankheiten, die aus bekannten Ursachen innerhalb des Körpers entstehen, ließen ihn nicht los. Wenn er jetzt mit Nuno Kranke besuchte, betrachtete er sie mit

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