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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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— Bei uns nicht, auf keinen Fall! meinte meine Mutter. Ich will keine Überlaufbehälter oder Entlüftungsventile sehen, ich will kein Gluckern hören, das in meinem Zimmer herumwandert. UMLAUF! Wenn ich das schon höre. Kein Umlauf bei mir! Ich brauche meine Autonomie.

— Es wird nicht gluckern! — Wozu dann die Entlüftungsventile?

— Aber nein! Die sind nur in der Phase der Auffüllung des Systems von Bedeutung.

Mein Onkel verstand es geschickt, die technisch ahnungslosen Frauenhirne durch weitere, spitzentechnologisch demagogische Überzeugungsarbeit zu manipulieren. Nur meine Mutter zeigte sich von ihrer harten Seite, und bei ihrem NEIN blieb es auch.

Die ultimative Schlacht um die Etagenheizung sollte praktisch Onkels letzte ernstzunehmende sein. Ein Triumph wäre ihm und uns allen aus mehreren Gründen zu wünschen gewesen, auch wenn die Gefahr bestanden hätte, daß er seine abgesteckten Befugnisse mißbraucht und seine erstarkte Definitionskompetenz auf andere Gebiete umgelegt hätte. Es kam aber, wie es kam, unsere Wohnung sollte nie wieder das werden, was sie einmal gewesen war. Und weil die mit diesem Vorhaben verbundenen Eingriffe in ihrer Mehrzahl irreversibel waren, konnten uns leider keine Schönheitsreparaturen oder reuigen Wiederherstellungsmaßnahmen mehr retten. Wir mußten unsere Vergangenheit vergessen und uns — wie die allein gebliebenen Frauen nach dem Krieg — neu sammeln und orientieren. Onkels revolutionäre Strafaktion bedeutete einfach das Ende unserer egal wie unschönen, trotzdem funktionierenden Idylle. Während der Bauzeit sollten wir eine ganze Weile auf einer Schutthalde leben und auf dieser auch Knochensplitter und Knochenstaub, Muskelfasern und Sehnenschnipsel, Nervenzellen und Synapsen zurücklassen. Seitdem hasse ich jegliche Bautätigkeit in Objekten, in denen ich gleichzeitig wohnen muß. Nebenbei läutete mein Onkel — symbolisch auf jeden Fall — das endgültige Ende meiner Kindheit ein. Gerechtigkeitshalber wurde der Schreckensherrscher nach dieser Aktion gezwungen, sein manuell aktives Leben auf unserer Etage einzustellen. Aber der Reihe nach. Onkel ONKEL wurde wegen einiger kleiner, ihm schon anfangs unterlaufener Mißgeschicke gereizt und war sicher auch wegen des REIN THEORETISCH möglichen Mißerfolgs so verbissen, so erfüllt von Rachelust gegen bestimmte widerspenstige Materialien, daß in seinem mächtigen Körper punktuell zu viel an roher Kraft frei wurde. In ihm tickten etliche TNT-Megakilos einer falsch berechneten Sprengladung. Und er schoß tatsächlich einfach schon im Vorfeld mehrmals über das Ziel hinaus. Zweimal hämmerte er sich — sauber arbeitende Kernbohrer oder Steinfräsen gab es damals noch nicht — in ein anderes Zimmer durch. Beim ersten Vorfall gehörte dieses Zimmer zu unserer Wohnung, im anderen Fall lag der Raum dummerweise im Nebenhaus. Zwischen unserem und dem in der gleichen Zeit gebauten Gebäude nebenan gab es nur eine relativ dünne Wand.

Bei dem gutgemeinten Aufklärungsgespräch hatte sich alles relativ problemlos, vor allem wirklich machbar angehört, logisch und fortschrittlich sowieso. An dem Projekt konnte — das war auch mein Eindruck — nur eine irrational veranlagte Frau wie meine Mutter etwas auszusetzen haben. An sich würde diese wärmespendende Einrichtung so ideal sein und so genial funktionieren müssen, wie eine neu errichtete Gesellschaftsform funktioniert hätte, wenn in sie nur das Beste, was die Menschheit zu bieten hat, hineingerettet worden wäre. Ein alter großer Metallofen — beheizbar allerdings möglichst nur mit gutem Koks — stand schon irgendwo bereit und wartete auf seinen neuzeitlichen Einsatz; in den Ofen sollte nach seiner Aufstellung ein maßgerecht vom Fachmann zusammengeschweißter Kessel versenkt werden — mit vertikal verlaufenden Öffnungen für die lodernden Flammen und zugstarken Ströme von Rauch und Heißluft. Das kalte Wasser würde hinein-, das warme aus dem Kessel hinausfließen. Eine kleine Pumpe würde dieses» Zirkulat«- mit speziellen Zusätzen angereichert — in Bewegung halten. Noch Fragen?

— Wie groß ist die Pumpe? — Nicht groß.

— Ist sie aber vielleicht laut?

— Ist nicht sehr laut. Natürliche Zirkulation durch Schwerkraft ist in der waagerecht verlaufenden Rohrleitung nicht möglich.

— Aha???!

Ein kleines Risiko bestand natürlich darin, daß es mit kleinen Etagenheizungen für Einzelhaushalte damals kaum Erfahrungen gab. Niemand im weiten Umkreis besaß etwas Vergleichbares, keine einheimische Firma produzierte solche Anlagen. Der Kapitalist hatte zwar angeblich schon vor dem Krieg welche gebaut und eingesetzt, die Gerüchte darüber ähnelten leider informationsarmen Legenden aus prähistorischer Zeit. Vielleicht wollte mein Onkel nebenbei in die Geschichte der sozialistischen Volkswirtschaft eingehen. Er wäre sicher einer der energiepolitischen Pioniere der Neuzeit gewesen, die ein solches Höllensystem eigenhändig gebaut und in Betrieb genommen hätten. Und noch eine große Unbekannte gab es, von der niemand von uns etwas ahnen konnte: Diese Heizung verfügte selbstverständlich über keinerlei Elektronik — aber auch über keinerlei andere einfachere Regulierungs- und Steuerungselemente. Außerdem war sie nicht in der Lage, sich in kritischen Situationen eigenständig abzuwürgen. Alles hing vom Geschick des Heizers ab — aber auch von der Disziplin der Flammen, des Wassers und der Qualität der beim Bau des SYSTEMS eingesetzten Materialien.

Einiges wurde uns sicher bewußt verschwiegen, manches an Hürden und Schwierigkeiten ahnte garantiert aber auch der arme Onkel nicht. Sein Enthusiasmus riß einige mit, mich persönlich sogar mit einer ungeheuren Kraft, obwohl ich von der Neuerung dank meiner Mutter ausgeschlossen bleiben sollte. Seit Gagarins mutiger Erdumrundung war ich für technische Wunder leicht zu begeistern, meinen Freund und technikkundigen Vorkämpfer Skopka hatte ichals leuchtendes Beispiel immer vor Augen. Ich sah eine glänzende moderne Heizapparatur vor mir, sah unsere zufriedene Familie, die voller Bewunderung meinen Onkel beim Nachlegen von jederzeit bestellbarem Koks zusah. Ich witterte regelrecht schon die Wärme, wie sie sich durch die überall in der Wohnung sich windenden Rohre bewegen und die aufnahmebereiten Heizkörper füllen würde. Die in der Luft wirbelnde Asche, der ätzende Rauch oder zischende Wasserdampf kamen in meinen Visionen nicht vor. Bei der Familie Skopka wurde selbstverständlich noch mit Öfen geheizt.

Als der BODY — ein riesiger eckiger Eisenofen — angeliefert wurde, war ich leicht entsetzt. Er sah ausgesprochen vorsintflutlich aus. War aber wirklich imposant — so einen Koloß, der früher sicher eine ganze Werkhalle mit Kohlen beheizen konnte, hatte ich noch nie gesehen. Und ich wußte sowieso, daß dies nur die äußere Hülle war, daß das eigentliche Herz der Anlage erst noch hinzukommen würde, um passend im Bauch des Monstrums versenkt zu werden. Der Heizvorgang an sich würde dann — unabhängig von ästhetischen Äußerlichkeiten — sowieso durch die Bewegung des Wassers geschehen: unsichtbar, dynamisch, eben dank Wärmeleitfähigkeit des Wassers, dank Wärmetauschvorgängen in den Heizkörpern und dank anschließender Luftzirkulation.

Onkels Haus auf dem Lande wurde für die nächsten Monate den Winden, dem Regen, wilden Tieren und tobenden Jugendlichen aus dem Dorf überlassen. Mein Onkel rückte unterdessen mit einem Helfer an — einem schon rein äußerlich gewalttätig wirkenden Spezialisten. Die beiden Männer wuchteten einige beeindruckend aussehende Geräte die Treppe hoch und legten an den Wochenenden regelmäßig los. Daß wir alle uns vor dem Onkel aus gutem Grund zu fürchten hatten, wurde jetzt offensichtlich. So große Stemmeisen, Vorschlaghämmer, Bohr- und Säge-Gerätschaften hatten wir noch nie gesehen. So gewaltige Schläge und Hiebe waren in unserer Gegenwart noch nie ausgeführt worden, so brutale Kraftakte und Materialabsonderungen für unser Glück noch nie nötig gewesen. Onkel und sein Kumpel hatten dabei vorerst blendende Laune und strahlten unerschöpfliche Zuversicht aus — mit oder ohne einer Bierflasche in der Hand. Die primäre Zerstörungsarbeit machte ihnen einfach riesigen Spaß. Alle Wohnungsbewohnerinnen zitterten während der akutesten Arbeitsschübe und flüchteten nach Möglichkeit. Dadurch erhielten die beiden Männer genau das, was sie wollten — die vollständige BAUFREIHEIT. Manche der Arbeitsgeräusche waren beeindruckend und unvergeßlich, man hörte die Fleißarbeit der beiden auch auf der Straße und im Hof.

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