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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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— Ach, bitte, sei endlich still!

— … der Geduld. He, weißt du was? Vielleicht sollten wir einfach ins Nebenzimmer gehen, wo unsere ganzen guten Eigenschaften auf uns warten!

— Idiot! Verdammter Idiot! sagte Lydia und drehte sich um.

— Ja, genau, geh nur! rief ich ihr nach. Geh zu deiner Geduld und zu deiner Hoffnung, aber schnell, bevor sie sich auflösen!

Der Baron oder Jäger auf dem Flaschenetikett starrte mich an. Ich stellte die Flasche auf den Küchentisch. Was war da überhaupt drin? Langsam verliere ich den Verstand, dachte ich. Warum hatte Valerie mich versetzt? Verdammte Drecksoper.

— Alex, sagte sie traurig.

— Was denn?

— Alex, hör doch zu …

— Hör auf.

— Nein, sagte Lydia, du verstehst immer alles falsch. Ich steh unter Druck. Ich muss zu meinen Eltern fahren, das bringt mich vollkommen durcheinander. Sie kommen in ein paar Tagen auf Besuch und ich fahre ihnen entgegen. Das hat nichts mit dir zu tun …

Und sie ging aus dem Zimmer. Die Tür öffnete sich eine Zehntelsekunde, bevor sie sie berührte, aus Angst davor, eingeschlagen zu werden.

Ich blieb allein zurück, mit einem unangenehmen Rauschen in den Ohren, das eigentlich immer da ist, nur meist friedlich und vertraut, ein Hinweis, dass der eigene Körper noch da ist und seinen Dienst tut. Aber diesmal war das Geräusch nur hoffnungslos. Wie ein hoher Raum in einer Kirche. Ihre Eltern also, na, das kam ja gelegen. Diese elenden Snobs.

Dann kam Lydia zurück und entschuldigte sich. Die Anspannung wegen ihrer Eltern, die vielen Veränderungen. Sie ließe mir ja meinen Freiraum.

Nachdem sie mit ihren Erklärungen fertig war, tätschelten wir uns die Schultern. Sie gab mir einen Abschiedskuss auf die Nasenwurzel und bat mich, ihr einen Film aufzunehmen, während sie weg war.

Als sie gegangen war, berührte ich ein paar Dinge auf dem Schreibtisch. Eine Zigarettenpackung. Einen Tixospender, der die Zunge zeigte. Ein paar gebrauchte Batterien. Einen magischen Kugelschreiber, der mit Hilfe eines Magneten auf seiner Spitze balancierte: Man konnte ihn schwebend zum Rotieren bringen und er hörte damit eine ganze Weile nicht mehr auf; oder man stieß ihn mit der Fingerspitze ganz leicht an und er zitterte nervös hin und her. Der Stift war leuchtend violett und trug den Werbeschriftzug für irgendein Medikament. Ein herannahendes Erdbeben würde man als erstes an ihm ablesen können.

Während meine Gedanken noch um das Erdbeben kreisten (Häuser fallen in sich zusammen, Autos stürzen in Löcher, die sich im Boden auftun, die Kanalisation geht über und Rattenfamilien fluten quietschend ans Tageslicht), dachte ich: Das ist das Ende, ein Ende, das niemals aufhört. So würde es immer weitergehen. Lydia ließ mir meinen Freiraum, wiederholte dabei dieses Wort sooft es ging, bis es keinen Sinn mehr ergab, und hinterher vertrugen wir uns wieder, redeten, streichelten uns und versuchten, wenn es auf diese ganz spezielle Weise still wurde zwischen unseren ratlos im Raum herumstehenden Körpern, Geständnisse zu murmeln, ehrlich und verzagt, als ob wir noch ganz am Anfang stünden. Ja, damals … Lydia verwechselt ihre Handschuhe und glaubt, ihre Finger seien über Nacht angeschwollen.

— Eine allergische Reaktion vielleicht.

— Nein, du hast nur links mit rechts verwechselt.

— Passiert mir andauernd.

Sie taumelt gegen mich.

— Ja, man sagt doch, links und rechts, bei Frauen —

— Pass bloß auf, was du sagst, Macho.

Ein weiteres, kleines Taumeln. Nur ihre Hüfte, gedämpft von einer Handtasche.

— Nein, das ist eine Tatsache, kein Macho-Gerede. Frauen verwechseln tatsächlich links und rechts. Das hat irgendwie mit dem Gehirn zu tun.

— Du solltest hören, was du für einen Unsinn daherredest. Das hat wahrscheinlich auch mit dem Gehirn zu tun.

Ich stieß den Magnetschwebestift an, er zitterte vor sich hin. Dann ging ich durch die Wohnung, die auf eine niederschmetternde Weise still war, auf der Suche nach einem Wasserglas; nie stand eines in der Nähe, wenn man es brauchte. Der Küchenschrank war leer. Die drei Gläser, die ich besaß, waren ständig an unauffindbaren Orten in der Wohnung versteckt. Wenn sie bei mir war, trank Lydia nie zweimal aus demselben Glas.

Ich fand eines auf dem Klavier. Es stand, etwas schief, auf der Holzabdeckung, die zum Schutz über die Tasten geklappt war, und wartete darauf, dass man es wieder befüllte. Ich warf zwei Aspirintabletten hinein. Während sie sich zischend und schäumend dagegen wehrten, ließ ich das Rollo in meinem Zimmer herunter, bis auf eines. Die Sonne war bereits untergegangen, also würde ich nicht viel verpassen; der kleine Ausschnitt auf die Welt genügte. Irgendwann gingen die Leuchtreklamen auf den höheren Gebäuden und Baukränen an.

Als ich zu meinem Glas Schaumwasser zurückkehrte, war darin eine winzige Fliege ertrunken. Ich fischte sie mit dem kleinen Finger heraus. Warum war sie da überhaupt hineingeraten? War sie ausgerutscht? Spürte sie nicht, dass es darin giftig war? Acetylsalicylsäure. Dummes Vieh.

Bevor noch ein Tier darin verenden konnte, trank ich das Glas halb aus, mehr bekam ich nicht hinunter. Der seltsam steife und ungelenkige Geschmack von Aspirin, mehr wie die Vorstellung eines Geschmacks.

Ich blieb lange wach und saß am Fenster. Ein unsagbar angenehmes Geräusch mischte sich in meine Niedergeschlagenheit. Früher fuhren sie noch lautlos im Rückwärtsgang durch die Nacht, LKWs und größere Spezialfahrzeuge, und man rannte ihnen ahnungslos in den Weg, wurde angefahren oder kam unter die Räder. Heute jedoch ertönt dieses charakteristische Warnsignal, ein schwerfällig wiederholter Sinuston, bei jedem Zentimeter, den sie zurücklegen, und natürlich sind diese insistierenden und echolosen Warntöne längst zu einem Refrain unserer Zeit geworden: In den Nächten machen sie sogar den Turmuhren Konkurrenz, sie alarmieren und sie halten wach, laut und unnachgiebig, selbst wenn das Fahrzeug nur daran zu denken scheint, rückwärts zu fahren, und völlig still vor einem Lieferanteneingang oder einem mit Engeln verzierten Eisentor eines Friedhofs steht und darauf wartet, in Bewegung gesetzt zu werden.

Von meinem Fenster aus sah ich eines dieser Fahrzeuge, ein friedliches Monster, von einer albernen Firmenaufschrift verhöhnt wie ein seelenloser Formel-Eins-Pilot, und schlaflos wie ich.

Schon nach wenigen Minuten denke ich wieder an Valerie. Ich halte meinen halb erigierten, schmerzenden Penis mit der rechten Hand umklammert. Ich bewege die Hand nur ganz leicht auf und ab (die gestutzte Vorhaut über der Eichel zwinkert, obwohl sie seit der Operation viel zu kurz ist), gerade kräftig genug, dass man es noch Masturbation nennen kann.

Ich genieße den herrlichen Anblick einer Stadt, die langsam in Nacht und Schwärze übergeht. Die Menschen auf der Straße ziehen für eine Weile diese langen, majestätischen Abendschatten hinter sich her, welche mit dem Niedergang des Tages immer länger und imposanter werden, bis es unvermittelt dunkel wird — und die Schatten in die Unendlichkeit davonschießen, in jene seltsame Vorhölle des dreidimensionalen Raumes, in der sich nur noch parallele Geraden schneiden.

Etwas später zieht ein leichtes Gewitter über die Dächer.

Regen, ein wenig Lärm.

Blitze, wie plötzlich im Himmel freigelegte Nerven.

Von draußen dringen die üblichen Geräusche herein: eine Gruppe Arbeiter gegenüber belädt den LKW, dazwischen die Morsetänze des Regens, hie und da Betrunkene, die ihre Stimmen ausprobieren, ein Frauenlachen, dann später auch ein Hund. Der Regen wird schwächer und erstirbt. Vor mir, auf dem niedrigen Heizkörper unterhalb des Fensterbretts, steht das halbvolle Glas Wasser. Warmes, sauberes, luftbläschenreiches Wasser.

Anstelle eines Taschentuchs.

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Сюжет
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