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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Es war kurz nach zwei. Auf den verzinkten Fenstersimsen tickte das Schmelzwasser. Im Küchenradio liefen die Nachrichten des Deutschlandfunks. Gerade war von der bevorstehenden Auflösung der Sowjetunion die Rede.

Irina schälte die Quitten dünn ab und schnitt sie dann in etwa ein Zentimeter große Würfel. Die Quitten waren hart, die Finger taten ihr weh. Bei solchem Wetter schmerzten ihre Gelenke besonders: der Rücken, die Hände … Und wer weiß, dachte Irina, während im Radio wieder einmal von der aserbaidschanischen Region Berg-Karabach die Rede war, wo Armenier (die Irina, und zwar nicht nur wegen ihres vorzüglichen Kognaks, für ein großes Kulturvolk hielt) heute Nacht zwanzig Zivilisten umgebracht hatten, wer weiß, dachte sie, was sie sich noch für Schäden zugezogen hatte: die Holzschutzmittel, die sie eingeatmet hatte. Der Kamilit-Staub, von dem es auf einmal hieß, dass er krebserregend sei … und alles vergeblich.

Irina spreizte ein paarmal die Finger und erinnerte sich an ihren Vorsatz, heute nicht an das alles zu denken — ein Vorsatz, der nicht leicht zu erfüllen war, wenn man schon morgens mit einem unguten Gefühl im Bauch zum Briefkasten ging und die Post zuerst daraufhin überprüfte, ob ein gerichtliches Schreiben dabei war … Dumm, ja natürlich! Dumm war es gewesen, das Haus nicht zu kaufen. Andererseits: Wer weiß, ob die Kommunale Wohnungsverwaltung das Haus überhaupt verkauft hätte? Hätte sie fragen sollen? Niemand hatte gefragt. Alle Häuser in der Umgebung hatten der Kommunalen Wohnungsverwaltung gehört, und kein Mensch (außer diesem merkwürdigen Harry Zenk) war auf die Idee gekommen, das Haus, in dem er wohnte, auch noch zu kaufen: Wozu, wenn man irgendwelche hundertzwanzig Mark Miete bezahlte?

Und schon war sie mittendrin, in diesem Hätte-würde-könnte-Spiel. Ein Kognak täte gut, dachte Irina, während der Bundestag ein Gesetz zur Einführung der Mütterunterstützung in den sogenannten neuen Bundesländern beschloss — damit waren sie gemeint, der Osten, seltsame Wortbildung, die neuerdings auftauchte: als hätte man diese «neuen» Länder gerade entdeckt, wie Kolumbus Amerika … O ja, ein Kognak täte jetzt gut, dachte sie, um das Gehirn ein bisschen von den immer gleichen Gedanken abzubringen … aber sie hatte sich vorgenommen, heute nicht zu trinken, nicht nur wegen Charlotte, die sie nachher noch aus dem Pflegeheim abholen musste. Anschließend kamen die Kinder, Sascha mit dieser Catrin. Da musste sie nüchtern sein, wenn es nicht wieder zum Eklat kommen sollte.

Ersatzweise zündete sie sich eine Zigarette an. Im Radio ertönte der wohlbekannte Piepton, und Irina hielt inne und lauschte … dumme Angewohnheit. Früher hatte sie die Verkehrsmeldungen ignoriert, wie jeder normale Mensch. Aber seit Sascha in diesem Moers wohnte — ein Ortsname, der in Irinas Ohren wie mjörs, russisch: fror klang —, seit er in diesem Moers wohnte, hatte sie hinzuhören begonnen, weil dieses Moers zu ihrer Überraschung hin und wieder in den Verkehrsmeldungen genannt wurde: A 57 Nijmegen Richtung Köln: zwischen Kamp-Lintfort und Autobahnkreuz Moers fünf Kilometer Stau — solche Meldungen waren es, die ihr das Gefühl gaben, dass Sascha noch existierte. Und auch heute, da Sascha hierher, nach Neuendorf, unterwegs war, versuchte sie, anhand der Ortsnamen zu erraten, wie viel Verspätung er haben würde, und schickte winzige Gebete zum Himmel, wenn irgendwo von einem Unfall die Rede war.

Eigentlich hatte sie gehofft, dass der Fall der Mauer Sascha wieder in ihre Nähe bringen würde. Das war ihr erster Gedanke gewesen, als sie im Fernsehen die Bilder sah von Menschen, die sich weinend in den Armen lagen, und sie hatte hemmungslos mitgeweint und sich über Kurt geärgert, der die ganze Zeit stumm in den Fernseher geschaut und sich eine Pfeife nach der anderen gestopft hatte. Sie hatte geweint und gegen den idiotischen Gedanken angekämpft, dies alles geschehe nur ihretwegen.

Aber anstatt zurückzukommen, war Sascha noch weiter weggezogen. Anstatt wieder nach Berlin zu gehen, wo die unglaublichsten Dinge passierten, anstatt daran teilzunehmen, anstatt seine Chance zu nutzen, zog er nach Moers … Was hätte aus ihm werden können, dachte Irina. Es schmerzte sie, wenn sie sah, was für jämmerliche Figuren neuerdings im Fernsehen auftraten, während Sascha in seinem Moers saß, irgendwo an der holländischen Grenze. Ein Ort, den nicht einmal Kurt kannte … Und warum? Weil Catrin dort ein Engagement bekommen hatte: am Theater in Moers! Zu mehr hatte es wahrscheinlich nicht gereicht, dachte Irina.

Aber nach dem Eklat, den es beim letzten Besuch der beiden im Sommer gegeben hatte, war sie entschlossen, nichts mehr zu diesem Thema zu sagen. Die kurze Zeit, die Sascha in Neuendorf verbringen würde, war zu kostbar, um sich zu streiten. Inzwischen musste man froh sein, dass er überhaupt kam. Im letzten Jahr hatten die beiden kurz vor Weihnachten abgesagt und waren — seltsame Idee — über die Feiertage auf die Kanarischen Inseln geflogen, und Irina hatte Weihnachten allein mit Kurt und Charlotte verbracht. In diesem Jahr jedoch war sie entschlossen, noch einmal ein richtiges Weihnachtsfest stattfinden zu lassen: Wer weiß, vielleicht war es das letzte Mal in diesem Haus. Aber auch darüber, nahm sie sich vor, würde sie am heutigen Abend schweigen.

Sie würde eine Klostergans machen wie immer. Zum Kaffee gab es selbstgebackenen Stollen. Und wenn die Weihnachtsgans verzehrt und der Stollen gegessen war, dachte Irina, während sie die getrockneten Feigen und Aprikosen in Streifen schnitt, wenn das Politik-Gerede abgeflaut und das Geschenkeauspacken überstanden war, wenn sie das Geschirr eingeweicht und Charlotte wieder ins Pflegeheim gebracht hatte, dann, dachte Irina, würde sie sich einen Kognak genehmigen — nur einen! — und jene Stunde genießen, die zu Weihnachten immer die schönste gewesen war: die Stunde danach, wenn sie sich in der Sitzecke niederließen und Kurt seinen Vanilletabak zu schmauchen begann, wenn die Männer, nachdem man sich hinreichend über die kleinen und großen Katastrophen des Abends amüsiert hatte, schließlich die Ärmel hochkrempelten und noch ein, zwei Partien Schach spielten …

Im Radio begann eine klägliche Kirchenmusik zu dudeln. Irina drehte die Lautstärke herunter, schaltete aber nicht ab, sicherheitshalber, auch wenn es natürlich reiner Aberglaube war zu befürchten, Sascha könnte etwas passieren, wenn sie aufhörte, die Verkehrsmeldungen zu verfolgen. Sie nahm ein paar kräftige Züge von ihrer halb schon im Aschenbecher verglommenen Zigarette, drückte sie sorgfältig aus. Dann zerließ sie ein halbes Stück Butter in einem halbhohen Topf, schwenkte das kleingeschnittene Obst darin und gab einen Schuss Kognak dazu. Ein Schwall süßen Duftes wehte ihr entgegen, und es war der Geruch von — Whisky, tschort poderi!

Irina betrachtete verdutzt die Flasche, die sie extra für den Weihnachtsabend gekauft hatte. Geschlagene zehn Minuten hatte sie vor dem Regal verbracht. Noch immer hatte sie sich nicht an die verwirrende Vielzahl der Marken gewöhnt. Das Einzige, was es neuerdings nicht gab, war — auch seltsam — armenischer Kognak. Dafür gab es französischen, griechischen, spanischen, italienischen, österreichischen und weiß der Teufel was noch. Und nach langem Hin und Her hatte sie sich schließlich für einen besonders teuren, indischen Kognak entschieden, was Ausgefallenes, hatte sie gedacht, für die Feiertage — und jetzt war es Whisky!

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Главный герой
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