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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Gemüse zum Friedhof? Jetzt war Kurt doch überrascht: Hatte er tatsächlich, wie Charlotte es ausdrückte, «nachgelassen»?

Dann wandte er sich der Geburtstagsrunde zu. Früher waren zu Wilhelms Geburtstag hin und wieder ganz interessante Leute erschienen: Frank Janko, einmal jüngster Divisionskommandeur der Internationalen Brigaden, oder Karl Irrwig, der, immerhin, gegen Ulbricht einen deutschen Weg zum Sozialismus hatte durchsetzen wollen. Oder auch Stine Spier, die Brecht-Schauspielerin, die Charlotte und Wilhelm noch aus dem mexikanischen Exil kannten. Aber Jankos Name wurde im Hause nicht mehr genannt, seit er wegen irgendwelcher angeblicher «Machenschaften» sechs Jahre im Gefängnis gesessen hatte; Karl Irrwig, der zwar aus dem Politbüro ausgeschlossen worden, aber nicht vollständig in Ungnade gefallen war, blieb irgendwann einfach aus; Stine Spier, die am Geburtstagstisch stets komische, oft auch politisch anrüchige Geschichten vom Theater zum Besten gegeben hatte, war von Charlotte vor zwei oder drei Jahren endgültig hinauskomplimentiert worden, und auf diese Weise waren nach und nach alle einigermaßen interessanten Leute verschwunden, bis am Ende das übrig blieb, was jetzt hier versammelt war:

Mählich natürlich, Wilhelms größter Bewunderer (eigentlich ein netter Kerl, aber von einer geradezu tragischen geistigen Behäbigkeit); Mählichs immer irgendwie kranke Frau, eine ehemalige Polizistin (blond und früher einmal so hübsch, dass sie, wäre sie nicht hoffnungslos prüde gewesen, durchaus für seine, Kurts, Trophäensammlung in Frage gekommen wäre); daneben die Nachbarn von gegenüber, einander ähnlich wie ein Mops dem anderen, die Namen hatte Kurt, wie jedes Jahr, vergessen: Er war früher Hausmeister in Saschas Schule gewesen und erledigte heute kleine Botengänge für Charlotte und Wilhelm; von ihr war Kurt nichts bekannt, außer dass sie, so hieß es, einen künstlichen Darmausgang hatte (künstlicher Darmausgang: komische Idee); dann gab es noch den Abschnittsbevollmächtigten, den Genossen Krüger, den Kurt immer nur von weitem sah, wenn er mit dem Fahrrad vorbeifuhr; Bunke natürlich, Bluthochdruck, Oberst der Staatssicherheit, der immer — Krüß tisch, krüß tisch, wo is tenn Irina! — tat, als seien sie weiß Gott wie befreundet (dabei hatten sie ihn nur ein einziges Mal zum Tee eingeladen, um über die beiden Tannen in seinem Garten zu sprechen, die das Gurkenbeet von Nadjeshda Iwanowna verschatteten); Harry Zenk hatte sich ebenfalls hierherverirrt: ausnahmsweise ein intelligenter, ja sogar gerissener Mensch (jedoch dumm genug, sich zum Rektor der sogenannten Neuendorfer Akademie machen zu lassen); schließlich noch Gertrud Stiller, die immer errötete, wenn sie sich alljährlich hier begegneten: Vor langer Zeit hatte Charlotte ihm diese Frau einreden wollen, wobei das eigentlich Beschämende an der Angelegenheit war, dass Kurt diese Möglichkeit tatsächlich, wenn vielleicht auch nicht mit letztem Ernst, erwogen hatte — eins von Kurts geheimsten Geheimnissen, so geheim, dass er sich selbst kaum noch daran erinnerte; na und den Rest kannte er eigentlich nicht: irgendwelche Verkäuferinnen, Parteiveteranen, und, du lieber Gott, wie sah der denn aus!

— Flagamfall, sagte Till.

Tillbert Wendt, mit dem er im Kommunistischen Jugendverband Berlin-Britz gewesen war: ein Jahr jünger als er selbst. Kurt versuchte, kein allzu entsetztes Gesicht zu machen.

— Und sonst?

Blöde Frage.

— Fonft geht ef, sagte Till.

— Na, Hauptsache, wir sind noch am Leben, sagte Kurt und klopfte ihm auf die Schulter, obwohl er sicher war, dass er sich umbringen würde, sollte ihm so was passieren.

Fette Buttercremetorte hätte er früher nicht angerührt. Aber seitdem man ihm zwei Drittel seines Magens herausoperiert hatte, machte ihm auch fette Buttercremetorte nichts aus. Auch Kaffee bekam er gleich, erwischte eine von den uralten, schon völlig zerschrammten mexikanischen Hartplastiktassen, welche wie jedes Jahr das nicht ganz ausreichende «gute Geschirr» aus der Hinterlassenschaft des Nazis ergänzten. Tatsächlich hatten Charlotte und Wilhelm ja alles zusammen mit dem Haus übernommen (genauer gesagt: alles, was nach den sowjetischen Offizieren, die hier eine Zeitlang gehaust hatten, noch übrig geblieben war). Nur das Essbesteck mit dem winzigen Hakenkreuz, das hinter den Initialen eingraviert war, hatten sie aussortiert, was letztlich dazu führte, dass man seine Torte hier von Nazi-Tellern löffelte — aber mit Besteck aus volkseigener Produktion.

— Da sdrawstwujet, sagte Bunke und hob seinen Aluminiumbecher.

Auch dieser eine Errungenschaft der DDR, samt dem Zeug, das dadrin war, und wenn sich Kurt dreiunddreißig Jahre lang geweigert hatte, Kognak oder, noch schlimmer, Goldbrand aus diesen Aluminiumbechern zu trinken — heute war er so weit.

— Auf Korbatschow, sagte Bunke. Auf die Berestroika in der DDR!

Till wehrte ab, als man ihm einen Becher reichte. Der Abschnittsbevollmächtigte tat, als hätte er nichts gehört. Die Möpse hatten schon bei «Da Sdrawstwujet» genippt. Nur Mählich hob, sich vorsichtig umblickend, seinen Becher — ließ ihn jedoch wieder sinken, als Harry Zenk Einspruch erhob:

— Auf Gorbatschow — ja. Auf die Perestroika in der DDR — nein.

Und Mählichs Frau — Anita hieß sie, jetzt fiel es Kurt ein — erwies sich tatsächlich als dämlich genug, jenen Spruch beizusteuern, den der andere Kurt, der Politbüro-Kurt (Kurt Hager, den Kurt insgeheim Kurt Arschloch nannte), kürzlich in einem dann auch im ND abgedruckten Interview mit einer Westzeitschrift hatte verlauten lassen:

— Wenn unser Nachbar tapeziert, brauchen wir ja nicht auch gleich zu tapezieren.

Ein Neuendorfer Parteiveteran stimmte dem zu, und Bunke wandte sich plötzlich an ihn, Kurt:

— Kurt, sag du doch mal was!

Auf einmal schauten ihn alle an: Anita mit ihrer spitz gewordenen Nase; Mählich begann schon zu nicken, bevor Kurt auch nur Luft geholt hatte; die Möpse mit exakt in gleichem Winkel geneigten Köpfen … Nur Till, von alldem unberührt, versuchte beharrlich ein Stück Torte in sein halbseitig gelähmtes Gesicht zu befördern.

— Prost, sagte Kurt.

— Ja, Brost, sagte Bunke.

Kurt kippte das Zeug in sich hinein. Es brannte, rieselte langsam die Speiseröhre hinab. Brannte sich allmählich durch — bis zu der Stelle, wo sich seit einigen Stunden ein Ziehen eingestellt hatte: nicht der Magen. Etwas unterhalb … Was war das eigentlich für ein Organ, das ansprach, wenn der Sohn republikflüchtig wurde?

Parteiorgan, dachte Kurt, war aber nicht in der Stimmung, das witzig zu finden, und vertiefte sich, um nicht weiter in die Gorbatschow-Diskussion hineingezogen zu werden, in seine Torte. Aussichtslos, dachte er, diesen Leuten seine Meinung über Gorbatschow begreiflich zu machen: dass Gorbatschow nicht weit genug ging … dass er konzeptionslos und inkonsequent war … dass sein Buch über die Perestroika nicht die Spur eines theoretischen Ansatzes enthielt …

Er war noch bei der Torte, als eine Person den Raum betrat, die Kurt nicht gleich zuordnen konnte: eine für diesen Kreis viel zu junge, ja auch viel zu attraktive Frau, die er erst erkannte, als er den schlaksigen Zwölfjährigen sah, den sie in Richtung Wilhelm vor sich herschob … Hatte sich aufgedonnert, sieh einer an! Sogar hohe Schuhe. Was hatte das wohl zu bedeuten?

Kurt schaute zu, wie die beiden vor Wilhelms Sessel Aufstellung nahmen, wie Melitta sich zu Wilhelm hinunterbeugte, wirklich knallkurzer Rock, Markus überreichte Wilhelm ein Bild, und Kurt erinnerte sich, dass Markus auch ihm zum Geburtstag einmal ein Bild geschenkt hatte. Irgendein Tier, verdammt, er sollte es tatsächlich mal aufhängen, dachte Kurt und sah zu, wie Markus die Runde machte, zierlich und blass und ein bisschen verlegen, genau wie Sascha in diesem Alter, dachte er, und auf einmal blieb ihm nichts anderes übrig, als Markus an sich zu drücken: Ihm einfach, wie alle andern, die Hand zu geben, kam ihm zu wenig vor. Und plötzlich hatte er sogar das Bedürfnis, Melitta an sich zu drücken, unterließ es natürlich, rückte aber, nachdem er sie begrüßt hatte, beflissen ein Stückchen zur Seite, damit ein Stuhl für sie dazwischen gestellt werden konnte.

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