In Zeiten des abnehmenden Lichts
- Автор: Ruge Eugen
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:
Sie kostete das Obst-Whisky-Gemisch — schmeckte nicht schlecht, aber eigentümlich. Ihr blieb nichts anderes übrig, als die schöne, durch die halbierten frischen Weinbeeren besonders fruchtig geratene Flüssigkeit sorgfältig in ein Glas abzugießen (viel war’s nicht, aber wer weiß, wozu man das nochmal verwenden konnte) und die Früchte noch einmal aufzusetzen — aber womit? Rum könnte gehen, dachte Irina. Zumindest für die Füllung der Gans. Für den Sud würde sie mit Portwein und Honig auskommen.
Sie ließ die Früchte fünf Minuten in Rum ziehen. Inzwischen kümmerte sie sich um die Gans: nahm die Innereien heraus, legte sie in eine Schüssel, wusch die Gans, tupfte sie mit Küchenkrepp ab — Küchenkrepp, die Erfindung, deretwegen sich die Wende gelohnt hatte, pflegte Kurt neuerdings zu witzeln. Sie schnitt das überschüssige Fett ab, nahm die Talgdrüse heraus, stach die Gans unter den Flügeln an und rieb sie mit Salz ab, innen und außen. Dann stopfte sie die Füllung hinein und nähte das Tier zu, eine Verrichtung, die seit einiger Zeit, genauer gesagt: seit ihrer Totaloperation, unangenehme Assoziationen hervorrief … Aber auch daran wollte sie lieber nicht denken.
Jetzt hatte sie vergessen, den Backofen vorzuheizen. Sie entzündete das Gas, setzte, dasselbe Streichholz benutzend, gleich noch Wasser auf und verbrannte sich ein bisschen die Finger, als sie sich, noch immer am selben Streichholz, eine Zigarette ansteckte. Dann betrachtete sie in Ruhe die Flasche, die sie versehentlich gekauft hatte: Single Malt stand drauf, von Whisky kein Wort — oder so klein, dass sie es ohne Brille nicht lesen konnte. Nun musste sie wenigstens einmal kosten, wie das Zeug pur schmeckte. Gerade als sie die Flasche ansetzte, stand Kurt in der Tür.
— Ich koste nur, sagte Irina.
Zum Beweis hielt sie die Flasche hoch, aber da sie bereits etwas für die Füllung verbraucht hatte, fehlte ein guter Teil.
— Na, wunderbar, sagte Kurt, dann muss ich jetzt wohl Charlotte abholen.
— Warte, ich schiebe die Gans rein, dann fahr ich, sagte Irina.
Kurt hob abwehrend die Hand:
— Ich nehm ein Taxi.
— Ich habe nichts getrunken, sagte Irina noch einmal.
— Kommt gar nicht in Frage, sagte Kurt. Ich mach das jetzt. Nur eine Bitte, Iruschka: Hör auf zu trinken. Heute kommen die Kinder …
— Ich trinke nicht!
— Gut, sagte Kurt, ist ja gut! Und verließ die Küche.
Irina füllte die Kasserolle zwei Finger hoch mit heißem Wasser, legte die Gans hinein, schob sie mit geschlossenem Deckel in die Röhre und stellte die Kurzzeituhr auf eineinhalb Stunden. Dann zupfte sie die äußeren Blätter vom Rotkohlkopf ab, nahm das große Messer und halbierte den Kopf mit einem gewaltigen Schlag. Und dann nahm sie das Fruchtsaft-Whisky-Gemisch — und trank es. Erstens war es kein richtiger Alkohol. Zweitens ärgerte sie sich.
Sie nahm wieder das große Messer zur Hand und begann, den Rotkohl in feine Scheiben zu schneiden … O ja, sie ärgerte sich. Nicht nur, weil er ihr unterstellte, zu trinken — das auch! Aber auch wegen dieser vorwurfsvollen, beleidigten Tonart … Als sei es sonst was für eine Zumutung, dass er seine Mutter abholte. Und sie, Irina, hatte auch noch ein schlechtes Gewissen! Dabei war es doch seine Mutter! Wieso galt es als selbstverständlich, dass sie zum Pflegeheim fuhr? Bloß weil Kurt nicht Auto fahren konnte? Wenn es danach ging, konnte er gar nichts … Und so war es ja auch.
Kurt kümmerte sich um nichts, dachte Irina, während sie Rotkohl schnitt. Gewiss, so war es früher schon gewesen. Aber in letzter Zeit war es schlimmer geworden. Sie verstand ja, dass ihn das alles aufregte. Er kämpfte gegen die, wie es neuerdings hieß: «Abwicklung» seines Instituts. Ständig war er unterwegs. Fuhr nach Berlin, öfter als früher, sogar in Moskau war er noch einmal gewesen, weil irgendein Archiv plötzlich zugänglich war. Er schrieb ständig Briefe, Artikel. Hatte sich extra eine neue Schreibmaschine gekauft: elektrisch! Vierhundert Mark! Kurt, den man schlagen musste, damit er sich ein Paar Schuhe kaufte, hatte sich für vierhundert Westmark eine Schreibmaschine gekauft — während sie noch immer ein schlechtes Gefühl hatte, wenn sie das wertvolle neue Geld für Butter und Brötchen ausgab …
Dabei war noch nicht einmal heraus, wie viel Rente Kurt nun, nach der Umstellung, bekommen würde. Von ihrer eigenen Rente ganz zu schweigen. Plötzlich sollte sie irgendwelche Arbeitsnachweise aus Slawa erbringen: Was für eine Bürokratie! Und dabei hatte sie immer geglaubt, die DDR sei bürokratisch … Auch ihre Zusatzrente würde sie vermutlich nicht mehr bekommen (die DDR hatte ihr eine Rente als sogenannte Verfolgte des Naziregimes zuerkannt, als Ersatz für die Ehrenrente, die sie als «Kriegsveteranin» in der Sowjetunion bekommen hätte): Kaum anzunehmen, dass die westdeutschen Behörden sie dafür belohnen würden, dass sie als Gefreite der Roten Armee gegen Deutschland gekämpft hatte … Und wenn sie jetzt noch das Haus verloren, dann gute Nacht. Selbst wenn man sie nach der «Rückübertragung» — auch eins der Wörter, die mit der Wende gekommen waren — weiter hier wohnen ließe, würden sie die Miete auf Dauer kaum zahlen können. Und die Ironie dabei war, dass sie selbst durch den Ausbau des Dachbodens und den Anbau des Zimmers für Nadjeshda Iwanowna die Wohnfläche des Hauses — und damit die zu erwartende Miete — beinahe verdoppelt hatte.
Sie goss sich noch einen winzigen Schluck ein. Bis sie Charlotte wieder ins Pflegeheim bringen musste, war der Alkohol längst wieder raus. Den einen! Dann, versprochen, stellte sie die Flasche in die Speisekammer. Aber diesen einen brauchte sie jetzt: Die Vorstellung, dass irgendwann, bald, fremde Leute hier einziehen würden, fraß mächtig an ihren Eingeweiden. Und fast noch schlimmer als der Gedanke, dass sie schamlos alles so, wie es war, übernehmen würden, war die Vorstellung, dass die neuen Besitzer alles abreißen würden, weil das DDR-Zeug ihnen nicht gut genug war … Sie sah ihre Küchenfliesen schon auf dem Schutthaufen liegen … O ja, sie erinnerte sich genau, wie sie diese Fliesen bei strömendem Regen in irgendeinem Hinterhof auf ihren Anhänger geladen hatte. Sie erinnerte sich an das halunkische Gesicht des Hausmeisters, der die Mischbatterie von irgendeinem Kontingent der Bezirksleitung «abgezweigt» hatte … Sie erinnerte sich an alles, und sie erinnerte sich, als sie einen wirklich allerletzten Schluck aus der Flasche nahm, auch an das, was Kurt vor zwei Wochen zu ihr gesagt hatte:
— Dann suchen wir uns eben eine praktische kleine Wohnung. Das Haus ist doch sowieso zu groß für uns zwei!
Noch immer tickte das Schmelzwasser auf den Zinkblechen. Das Radio berichtete wieder von der sich auflösenden Sowjetunion, und obwohl Irina die Nachricht jetzt schon zum soundsovielten Mal hörte, blieb sie, den Grünkohl in der Hand, vor dem Fenster stehen … Einen Augenblick schaute sie in den aufgeweichten, noch halb mit Schneeresten bedeckten Garten, und es kam ihr auf einmal recht unwahrscheinlich vor: dass tatsächlich sie es gewesen war. Irgendwann einmal, in einer fernen Vorvorzeit … dass sie es gewesen war, die auf dem Bauch über die kalte, schlammige Erde gekrochen war, heulend, fluchend, mit aufgescheuerten Fingern … Und wie schwer ein Verwundeter war! Und wie der Weg bis zu den eigenen Linien immer länger und länger wurde … Und gerade als sie überlegte, ob es legitim sei, noch einen winzig kleinen, symbolischen Schluck auf den Untergang der Sowjetunion zu trinken, hupte es draußen.
Sie ging rasch zum Flurfenster, schaute hinaus: Catrin zog gerade das Tor zu, und Sascha stieg aus einem großen silbergrauen Auto, neben dem ihr Lada wie ein Museumsstück aussah.
Irina hatte Catrin zum letzten Mal im Sommer gesehen, und sie erinnerte sich jetzt, dass ihr schon damals eine Wandlung aufgefallen war: Aus der immer irgendwie sperrig aussehenden, billig zurechtgemachten Frau war auf einmal so etwas wie eine Erscheinung geworden. Ob es an den Westklamotten lag (sie trug ein klassisches dunkles Kostüm) oder an der (vermutlich künstlichen) Sonnenbräune — Catrin sah plötzlich aus wie die Frauen in den Katalogen, die der Briefträger neuerdings ungefragt in den Briefkasten warf; zu allem Überfluss trug sie sehr hohe Schuhe, sodass sie Irina um beinahe zwei Köpfe überragte.