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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Im ersten Moment, nachdem das kalte Buffet eröffnet worden war, zögerte er sogar aufzustehen, weil er befürchtete, auf seiner Hose könnte sich ein Fleck gebildet haben (was sich bei näherer Prüfung als unsinnig erwies), aber dann blieb auch Melitta sitzen, und Kurt vermutete, dass sie sitzen blieb, um ihn nach Sascha zu fragen, und blieb ebenfalls sitzen. Aber sie fragte nicht. Und bevor Kurt sich zu irgendetwas entschließen konnte, kam Bunke schon mit vollbeladenem Teller zurück, und gleich darauf kamen Harry Zenk und Anita, und sofort war die Gorbatschow-Diskussion wieder im Gang:

— Wir müssen unseror Bevölgerung die Woahrheit soagen, forderte Bunke.

Und Kurt, vielleicht weil es ihn ärgerte, dass Melitta dem nickend zustimmte, mischte sich nun doch ein:

— Und wer bestimmt, was die Wahrheit ist?

Bunke schaute ihn verblüfft an.

— Wer bestimmt das, fragte Kurt. Bestimmen wir das? Oder Gorbatschow? Oder wer?

— Genau, sagte Zenk. Die Wahrheit ist immer parteilich.

— Nein, sagte Kurt und ärgerte sich, dermaßen missverstanden worden zu sein. Die Wahrheit, sagte er oder wollte es sagen — der Satz, den zu bilden er im Begriff war, hätte in etwa gelautet: Die Wahrheit ist nicht etwas, das die Partei besitzt und an die Bevölkerung als eine Art Almosen austeilt (worauf vermutlich einige grundsätzliche Betrachtungen zum sogenannten Demokratischen Zentralismus, den realsozialistischen Machtstrukturen und der Rolle der Partei im Sowjetsystem gefolgt wären) —, aber dazu kam es nicht, weil die Aufmerksamkeit sich schon längst von ihm ab- und einem Bereich schräg links hinter ihm zugewandt hatte, zu der Ecke nämlich, wo Wilhelm in seinem Sessel saß und — nicht zu glauben — sang.

Zuerst erschien es Kurt als Gemurmel. Er brauchte einen Moment, um es überhaupt als Gesang zu erkennen, und erst als die Möpse schon im Takt mitnickten und Mählich nicht ganz textsicher (oder nicht sicher, ob man die Stalin-Stelle noch mitsingen durfte) einstimmte, begriff er, was Wilhelm da sang: Nee, dümmer ging’s nicht. Oder nein, nicht dumm, dachte Kurt, sondern verbrecherisch. Im Grunde, dachte er, war es die kürzeste Formel für das gesamte Elend. Im Grunde genommen, dachte er, war es die Rechtfertigung allen Unrechts, das im Namen der «Sache» begangen worden war, die Verhöhnung von Millionen Unschuldigen, auf deren Knochen dieser sogenannte Sozialismus errichtet worden war: die berühmte Parteihymne, die irgendein Waschlappen von Dichter (war es Becher oder war es Fürnberg?) sich zu dichten nicht entblödet hatte: Die Partei, die Partei, die hat immer recht …

Was tue ich hier, dachte Kurt, während er mit gelähmten Händen zusah, wie die Runde erneut in Beifall ausbrach, wie sich auf Anitas Gesicht ein beinahe glückseliges Lächeln bildete, wie sich Mählich — oder hatte er sich verguckt? — eine Träne aus dem Auge wischte. Wie Zenk zufrieden nickte, so als wäre er gerade von Amts wegen bestätigt worden. Auch Bunke klatschte mit, lachte wie über einen gelungenen Witz. Und die Möpse sahen sich an und nickten noch immer im Takt mit den Köpfen.

Einzig Melitta klatschte nicht oder brachte nur ein paarmal, pro forma, die Handflächen zusammen und warf Kurt einen vielsagenden Blick zu, den er mit hochgezogenen Brauen erwiderte. Er hoffte jetzt beinahe schon, dass sie ihn nach Sascha fragen würde, aber bevor sie ihr Gespräch fortsetzen konnten, begann schon wieder etwas zu rumoren, dieses Mal kam es von rechts, und wieder, weil es so unwahrscheinlich war, brauchte Kurt einige Augenblicke, um es als Gesang zu erkennen: Nadjeshda Iwanowna! Das Lied vom Zicklein, das sie Sascha immer vorgesungen hatte, als der noch klein war, ein monotoner Sprechgesang mit peinlich vielen Strophen. Aber der Anflug von Scham, der Kurt erfassen wollte, erwies sich als unbegründet, denn natürlich zeigten sich alle begeistert von der russischen Babuschka, wetteiferten darum, ihre Verbundenheit mit dem sozialistischen Brudervolk unter Beweis zu stellen; schon nach der zweiten Strophe begannen die Leute vor lauter Dummheit auch noch mitzusingen, und im Nu herrschte eine Stimmung wie auf einer FDJ-Delegiertenkonferenz (obwohl Kurt, offen gestanden, nie auf einer FDJ-Delegiertenkonferenz gewesen war), und weil im Refrain des Liedes jede Zeile mit wot kak, wot kak — Hört nur, hört nur! — begann, glaubten die Leute zu verstehen, dass es sich um ein russisches Sauflied handelte, und brüllten im Chor: Wodka, Wodka!, und begannen sogar bei Wodka, Wodka rhythmisch zu klatschen, und schließlich versuchte Kurts rechte Tischnachbarin (irgendeine Neuendorfer Parteiveteranin), sich schunkelnd bei ihm unterzuhaken — was Kurt vollends erstarren ließ. Wie ein Stein saß er inmitten der Geburtstagsgesellschaft. Alles schaukelte plötzlich. Die Köpfe, wie von den Körpern abgetrennt, wogten auf und ab: Anitas blondierter Kopf, Mählichs schwarzbehaarter Schädel, Bunkes bläulich roter Ballon, der jeden Moment — jetzt gleich! — zu platzen drohte.

— Ich glaube, sagte Kurt, nachdem endlich die Wölfe gekommen, nachdem sie endlich das Zicklein gefressen, nachdem sie es endlich bis auf die Knochen abgenagt und nicht mehr von ihm übrig gelassen hatten als Hörnlein und Hufen, vergeblich gerufen, nur Hörnlein und Hufen — ich glaube, sagte Kurt, ich sollte dir mitteilen, dass Sascha im Westen ist.

— Hm, machte Melitta.

— Tja, sagte Kurt.

Irgendwie hatte er mehr erwartet, aber Melitta schwieg, und auch Kurt wusste plötzlich nicht weiter. Einen Augenblick kam es ihm vor, als hätte Melitta nicht verstanden, was er ihr mitgeteilt hatte. Ohne den Blick von der Kaffeetasse zu lösen — es war ihre Kaffeetasse, eine Nazitasse, an deren Rand man deutlich den Abdruck ihres Lippenstifts sah —, sagte er:

— Ich weiß nicht, wie das jetzt mit dem Unterhalt ist, aber solange Sascha nicht zahlen kann, übernehme ich das selbstverständlich.

Dann krachte irgendetwas im Nebenraum. Kurt sah zu, wie die Leute aufstanden und nach drüben strömten — einzig Markus kam, entgegen dem Strom, von drüben herüber und fragte, was denn passiert sei.

— Wir gehen, sagte Melitta.

— Warum denn, nörgelte Markus.

— Das erklär ich dir draußen, sagte Melitta.

Markus nahm schmollend Wilhelms ausgestopften Leguan vom Regal.

— Den hat mir Wilhelm geschenkt, erklärte er Kurt.

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