In Zeiten des abnehmenden Lichts
- Автор: Ruge Eugen
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:
Sie trug gemusterte Strümpfe. Unglücklicherweise saß Kurt in seinem Sessel ein kleines Stück tiefer als sie, sodass er, während er überlegte, was er ihr Freundliches sagen könnte, durch den Anblick ihrer gemusterten Strümpfe stark abgelenkt war. Jedes Kompliment, das ihm durch den Kopf ging, klang plötzlich, als wolle er ein früheres Vorurteil revidieren, und er brauchte einige Zeit, bis er herausbrachte:
— Gut siehst du aus.
— Du auch, sagte Melitta und schaute ihn mit großen, grünen Augen an.
— Na ja, wiegelte Kurt ab — obwohl er, offen gestanden, nicht vollkommen abgeneigt war, es zu glauben.
— Und wo ist Irina, fragte Melitta.
— Irina geht es nicht gut, sagte Kurt und erwartete, dass Melitta nun nach Sascha fragen würde.
Sie fragte nicht, vielleicht aber nur, weil Charlotte in diesem Moment in den Raum kam und, energisch wie eine Kindergärtnerin in die Hände klatschend, ihre immer lauter werdenden Gäste zur Ruhe zu bringen versuchte: Der Stellvertreter war da. Ordensverleihung!
Kurt legte die Kuchengabel wieder aus der Hand und lehnte sich zurück. Der Redner begann mit trockener Stimme und einer selbst für einen Funktionärr erstaunlichen Monotonie die Laudatio abzulesen, welche, von kaum merklichen Abweichungen abgesehen, natürlich die war, die immer gehalten wurde, wenn Wilhelm einen Orden bekam (was in letzter Zeit beinahe jährlich geschah, offenbar, weil er stets den Eindruck vermittelte, es könnte sein letzter Geburtstag sein — selbst darin hatte er eine gewisse Meisterschaft entwickelt): Wilhelms Kämpferbiographie, aus der alles, was irgendwie interessant hätte sein können, mit den Jahren verschwunden war, ein großartiges Dokument des Stumpfsinns. Immerhin hatte es den Vorteil, dass Kurt nun, da Melitta sich dem Redner zuwandte, ungehemmt ihre gemusterten Strümpfe betrachten konnte. Genauer gesagt, ihre Strumpfhose oder, noch genauer, die Stelle knapp unter dem Saum ihres Rocks, er wusste nicht, wie das hieß, wo das Muster ins Glatte überging; und dass Melitta den Rock noch einmal zurechtzupfte, machte die Sache nur interessanter, weil der Rock sofort wieder zu verrutschen begann, während sich ihre Schenkel mit einem kaum hörbaren Knistern gegeneinander verschoben.
Kurt spürte, wie sich in seinem Unterleib etwas regte, und er überlegte, ob er sich schlecht fühlen müsse angesichts der Tatsache, dass es sich um seine ehemalige Schwiegertochter handelte … Nein, eine wirklich schöne Frau war sie nicht, dachte Kurt, während der Redner davon berichtete, wie Wilhelm den Weg zur Partei der Arbeiterklasse fand, aber wenn er sie so ansah, gefiel ihm gerade das, ehrlich gesagt. Gerade das Nicht-so-Schöne, dachte Kurt, hatte bei Frauen auch seinen Reiz. Schwer zu erklären. Vielleicht musste man ein bestimmtes Alter erreichen, um das zu begreifen.
Sein Blick wanderte über die aufregend grobe Textur ihres Rockes, tastete die nicht ganz blickdichte Bluse ab, streifte die muskulösen Unterarme, verhedderte sich, während der Redner an Wilhelms ewige Kapp-Putsch-Verwundung erinnerte, in der zierlichen schwarzen Trägerkonstruktion, die Melittas breiten Rücken durchkreuzte, prüfte die Wirkung des Lippenstifts in ihrem Gesicht, registrierte die sorgfältig gezupften Augenbrauen (und die leichte Rötung, die vom Zupfen zurückgeblieben war), und — es machte ihn traurig. Plötzlich rührte ihn der Anblick der jungen Frau, plötzlich sah er in ihr die Verschmähte; Sinnbild all dessen, was Sascha in seinem Leben verworfen, verlassen, zerstört hatte und was er jetzt — typisch! — einfach zurückließ. Aber zugleich — und Kurt wunderte sich, dass beides im selben Augenblick in einem einzigen Körper existierte —, zugleich erregte es ihn auch, und es war, so schien ihm, gerade das Verworfene, Verschmähte, was ihn erregte, gerade das verschmähte Wollen und Gewolltwerden dieser Nicht-so-Schönen, das eben dadurch, dass es verschmäht wurde, umso unverblümter hervortrat — gerade das erregte Kurt und ließ ihn, indem er das Wagnis wahrnahm, dem sich diese Frau mit ihrer Aufmachung aussetzte, sogar einen Ansatz für eine kleine Theorie der Erotik des Nicht-so-Schönen wittern, deren Ausarbeitung er aber vorerst vertagte.
Eine Zeitlang hielten sie sich die Waage: Traurigkeit und Anziehung, das Ziehen in seinem Bauch und die Regung tiefer unten, das Parteiorgan und die Opposition, dachte Kurt, aber als der Redner in einem langen, klappernden Satz (welcher nichts weiter mitteilte, als dass Wilhelm zweiter Gauleiter des Berliner Rotfrontkämpferbundes gewesen war) die zwanziger Jahre durchquerte und unter konsequenter Auslassung der großen Niederlage im Jahr 33 ankam, gewann die Opposition in Kurts Hose allmählich die Überhand, und während die Gesellschaft in Feierlichkeit erstarrte, während die Möpse ihre Köpfe andächtig schräg stellten, während Till schlief (oder für seine Totenmaske übte), während Harry Zenk mit geschlossenem Mund zu gähnen versuchte und Mählich ein Gesicht machte, als hörte er das alles zum ersten Mal, befand Kurt sich längst in Wilhelms Parteikeller: Antifaschistischer Widerstand, sagte der Redner, während Kurt in hastige Aktivitäten verwickelt war, der lange Versammlungstisch spielte eine gewisse Rolle, die Bilder waren verwackelt, einzig das Muster der Strumpfhose sah er ganz scharf, genauer gesagt, die Stelle, er wusste nicht, wie es hieß, Illegalität, sagte der Redner, und als Kurt kurze Zeit später wieder in der erstarrten Gesellschaft auftauchte, war die Opposition in seiner Hose dermaßen heldenhaft, sagte der Redner, erstarkt, dass es zwischen den Falten seiner Unterhose zu klemmen und zu kneifen begann.
Der Redner beendete seine Rede mit weiteren Lobpreisungen des unermüdlich für die Sache Eintretenden. Kurt versuchte vergeblich, die Hose unter dem Tisch zurechtzuzupfen. Erst als der Beifall anhob, setzte die Schrumpfung ein, in dem Augenblick, als die erstarrte Gesellschaft wieder zum Leben erwachte und mit unverhältnismäßigem Enthusiasmus die Rede des Stellvertreters zu beklatschen begann. Wahrscheinlich, dachte Kurt, notgedrungen mitklatschend, war keinem der Klatschenden klar, was er da eigentlich beklatschte. Nichts in der Rede entsprach im Grunde der Wahrheit, dachte Kurt, immer noch klatschend, weder war Wilhelm Parteimitglied «der ersten Stunde» (sondern hatte — ursprünglich USPD-Mitglied — erst mit der Vereinigung beider Parteien zur KPD gefunden), noch stimmte es, dass er beim Kapp-Putsch verwundet worden war (zwar war er tatsächlich verwundet worden, aber nicht 1920 beim Kapp-Putsch, sondern 1921 bei der sogenannten Märzaktion, einem katastrophalen Fehlschlag, der natürlich weniger gut in eine Kämpferbiographie passte). Schlimmer jedoch als diese kleinen Halbwahrheiten waren die großen Weglassungen, schlimmer war das notorische Schweigen über Wilhelms Taten in den zwanziger Jahren: Damals — und daran erinnerte sich Kurt noch sehr gut — war Wilhelm ein unbeirrter Verfechter der von der Sowjetunion verordneten «Einheitsfrontpolitik» gewesen, welche die Führer der Sozialdemokratie als «Sozialfaschisten» verunglimpft und sie sogar als das — im Vergleich zu den Nazis — schlimmere Übel dargestellt hatte. Eigentlich, dachte Kurt, immer noch klatschend, war Wilhelm — ganz objektiv betrachtet — persönlich mitverantwortlich, dass die linken Kräfte sich während der zwanziger Jahre gegenseitig zerrieben und der Faschismus in Deutschland am Ende siegreich gewesen war. Noch 1932, erinnerte sich Kurt, schon wieder klatschend (nämlich nachdem Wilhelm der Vaterländische Verdienstorden in Gold angesteckt worden war) — noch 1932 hatte Wilhelm als zweiter Gauleiter des RFB in Berlin eine große, gemeinsame Aktion von Nazis und Kommunisten mitorganisiert. Und noch nach der «Machtergreifung», die in seiner Biographie nicht erwähnt wurde, hatte Wilhelm die Sozialfaschismus-These vertreten, welche erst 1935 offiziell korrigiert worden war, um schon nach wenigen Jahren durch einen Freundschaftsvertrag zwischen der Sowjetunion und Hitlerdeutschland an Dummheit und Obszönität übertroffen zu werden: Alles Lüge, dachte Kurt, immer weiter klatschend. Die ganzen zwanziger Jahre waren eine einzige Lüge — und die dreißiger Jahre auch. Auch der «antifaschistische Widerstand» war im Grunde genommen nichts als eine Lüge, denn der Grund, aus dem Wilhelm nicht über diese Zeit sprach, war nicht oder nicht nur, dass er ein hoffnungsloser Angeber und Geheimniskrämer war, sondern dass die Geschichte des antifaschistischen Widerstands nichts anderes war (und vor dem Hintergrund der sowjetischen Politik auch nichts anderes hatte sein können!) als eine Geschichte des Misserfolgs, der Bruderkämpfe, der Fehleinschätzungen und des Verrats — nämlich des «großen Steuermanns» an denen, die in der Illegalität ihre Köpfe hinhielten. Als Kurt dann endlich, allerdings nur knapp vor der Allgemeinheit, aufhörte zu klatschen, war von der Opposition nicht mehr übrig geblieben als ein komisches Gefühl … in der Hose.