In Zeiten des abnehmenden Lichts
- Автор: Ruge Eugen
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:
— Das ist nett von Wilhelm, sagte Kurt und schüttelte übertrieben die Hand, die Markus ihm entgegenstreckte.
Dann wollte er Melitta die Hand geben — aber sie umarmte ihn. Vor Überraschung fand sein Kopf nicht gleich den richtigen Weg. Sein Kinn stieß mit Melittas Stirn zusammen. In seinen Händen, die nicht recht zuzugreifen wagten, fühlte sich ihr Oberkörper an wie ein Stück Holz.
Kurt goss sich noch einen Goldbrand ein und ging ins andere Zimmer. Beiläufig registrierte er, dass das Buffet zusammengebrochen war. Er blieb in einigem Abstand stehen und sah dem Treiben zu, das sich um das zusammengebrochene Buffet herum entwickelte.
Auf seiner Unterlippe spürte er den Abdruck von Melittas Stirn.
Der Goldbrand roch widerlich.
Er kippte ihn runter, stellte den Becher aufs nächstbeste Regal. Dann setzten sich seine Füße in Gang, trugen ihn aus dem Zimmer, durchquerten die Diele und traten, den kleinen Vorraum passierend, ins Freie.
Er ging ein bisschen zu eilig, als könnte ihn jemand im letzen Augenblick noch zurückrufen. Als er das Gefühl hatte, einigermaßen außer Reichweite zu sein, stieg ihm eine blasphemische Freude zu Kopf. Kurt ermahnte sich zur Mäßigung. Behielt die Freude in sich. Ließ sie in kleinen Portionen entweichen.
Erst nach dreihundert Metern fiel ihm ein, dass er Nadjeshda Iwanowna vergessen hatte. Sein Schritt verlangsamte sich, ihm kam sogar der Gedanke, dass er umkehren müsse — aber warum eigentlich? Sie würde auch ohne ihn nach Hause finden … Kurt nahm seinen Schritt wieder auf, ging weiter. Ging den Fuchsbau entlang. Ging bis zur Nummer sieben, wo Irina vermutlich betrunken auf ihrem Sofa lag …
Ging vorbei an der Nummer sieben.
Er ging bis zum Ende der Straße, bog in den Seeweg ein. Er folgte dem Seeweg, wo die Häuser, je weiter man sich vom See entfernte, immer profaner wurden. Die Heinestraße führte ihn ganz aus dem Villenviertel heraus und ins ehemalige Weberviertel, den ältesten Teil Neuendorfs. Hier waren die Häuser so niedrig, dass man die Dachrinnen mit der Hand erreichte. Kurt folgte dem Zickzack der kurzen, kopfsteingepflasterten Straßen, die in dieser Gegend, wo es aus offenen Fenstern nach Küche und Alkohol roch, Klopstock-, Uhland- und Lessingstraße hießen. Länger war die Goethestraße, die am Friedhof vorbei zur Karl-Liebknecht-Straße führte, welche wiederum länger als die Goethestraße war. Am Rathaus von Neuendorf hätte Kurt eine Straßenbahn abpassen können — er hörte sie mit barbarischem Quietschen die Rechtskurve nehmen, ging aber weiter. Erreichte die noch wesentlich längere Friedrich-Engels-Straße, die Neuendorf mit der Stadt verband, und durchschritt, gerade als die Bahn ihn rasselnd und rumpelnd überholte, den Engpass, an dem es ständig Verkehrsunfälle gab und an dessen Ausgang, über der mit Stacheldraht bewehrten Mauer des Reichsbahnausbesserungswerks, seit Jahren (oder Jahrzehnten?) ein blassrotes Transparent mit der Aufschrift Der Sozialismus siegt! vor sich hin rottete.
Laub rauschte unter seinen Füßen, als er die lange Strecke am Reichsbahnausbesserungswerk abschritt. Er überquerte die sogenannte Lange Brücke, passierte Fahrbahn und Schienen, bog am Interhotel ab und kam über die Wilhelm-Külz-Straße zur Leninallee, Potsdams längster, wenn auch gewiss nicht schönster Straße. Er folgte ihr zwei oder drei Kilometer stadtauswärts, während die Straße immer dunkler zu werden schien, und bog dort, wo kaum noch eine Laterne brannte, rechts ein.
Gartenstraße. Das zweite Haus links. Kurt klingelte zweimal kurz und wartete, bis sich oben im zweiten Stock ein Fenster öffnete.
— Ich bin’s, sagte er.
Dann ging im Hausflur das Licht an, Schritte waren auf der Treppe zu hören. Der Schlüssel knirschte in dem altertümlichen Schloss.
— Na, das ist ja ’ne Überraschung, sagte Vera.
Eine Stunde später lag Kurt rücklings auf Veras Bett, noch in derselben Haltung, in der Vera es ihm, wie er es nannte, «mündlich» besorgt hatte, und nahm den unverwechselbaren Geruch von gebratenem Speck wahr, der durch die Wohnung geisterte. Er fühlte sich erleichtert, aber auch ein bisschen enttäuscht, ohne sicher zu sein, ob es die typische postkoitale Ernüchterung war oder ob er zugeben sollte, dass es nicht ganz so gewesen war, wie er es erwartet hatte: Veras Schlafzimmer (er hatte es zum letzten Mal vor drei Jahren gesehen) erschien ihm noch verkramter und muffiger als in der Erinnerung. Das Licht ihrer Nachttischlampe war grell und hatte die blauen Äderchen auf ihren — er hatte noch immer kein anderes Wort dafür — Dingern auf ungünstige Weise beleuchtet. Aber besonders hatten ihn die Falten gestört, die sich, während sie es ihm besorgte, vor Anstrengung auf ihrer Stirn gebildet hatten. Plötzlich hatte ihn der Gedanke belästigt, er tue es mit einer alten Frau, und er hatte die Störung nur dadurch beheben können, dass er ihren Kopf in die Hände nahm und ihr — ein kleines bisschen brutal — seinen Rhythmus und seine Tiefe aufnötigte.
Als danach ihr warmes Gesicht auf seinem Bauch lag und er ihren Atem im Schamhaar spürte, war er ein bisschen verlegen gewesen, angesichts dieses Anflugs von Brutalität. Lange hatte er Veras Rücken gestreichelt und über ihre rätselhafte, seit Jahren anhaltende Bereitschaft nachgedacht, ihm gelegentlich zur Verfügung zu stehen. Bratkartoffelverhältnis, das Wort war ihm eingefallen — warum sagte man Bratkartoffelverhältnis? Verblüfft hatte Kurt festgestellt, dass er diese einfache Frage nicht beantworten konnte, und vielleicht war es, abgesehen vom Hunger, auch das — der Wunsch, diesem merkwürdigen Ausdruck einen Sinn zu verleihen, der ihn auf die Idee gebracht hatte zu fragen:
— Könntest du mir Bratkartoffeln machen?
— Klar, hatte Vera gesagt und war aufgestanden und in die Küche gegangen.
Jetzt roch es nach Bratkartoffeln: Kindheitsgeruch. Kurt schloss die Augen, und der Geruch katapultierte ihn in Sekundenbruchteilen zurück in das Schlafzimmer seiner Eltern, wo er sich (obwohl es nicht erlaubt gewesen war) unter der Decke versteckt hatte. Fast glaubte er die Stimme seiner Mutter zu hören:
— Kurt, kommst du?
Er öffnete die Augen. Staunte eine Sekunde lang über die seltsamen Umstände, in die er nach siebzig Jahren Lebens hineingeraten war. Setzte sich auf den Bettrand. Zog seine Unterhose an. Zog den schwarzen, nicht mehr ganz frischen Socken über den linken Fuß. Und wusste plötzlich, und zwar in genau dem Moment, als er zerstreut nach dem anderen, dem rechten Socken Ausschau hielt, dass es so weit war.
Es gab nichts mehr zu bedenken. Es gab keinen Grund, seine Zeit mit Nebensächlichkeiten zu verschwenden: Rezensionen für die ZfG, ND-Artikel anlässlich irgendwelcher historischer Jubiläen … und sogar die Mitarbeit an dem Sammelband, der, da er Beiträge aus Ost und West enthalten sollte, mit einer durchaus verlockenden Konferenz in Saarbrücken verbunden war, würde er — am besten aus gesundheitlichen Gründen — absagen und sich gleich morgen früh an den Schreibtisch setzen und anfangen, seine Erinnerungen zu schreiben, und zwar (auch das wusste er sofort) beginnend mit jenem Augusttag 1936, an dem er neben Werner an Deck des Fährschiffes stand und zusah, wie der Leuchtturm von Warnemünde im frühen Nebel verblasste.
— Kommst du, rief Vera.
— Ja, sagte Kurt.
Es fröstelte ihn in der feuchten Luft … Und er spürte das Pflaster, mit dem er die fein zusammengefaltete sowjetische Einreisegenehmigung an die Innenseite seines rechten Oberschenkels geklebt hatte.
1991
Wenn Irina hätte erklären sollen, woher die Aprikosen kamen, die sie für die Füllung ihrer Klostergans benötigte, hätte ein Satz genügt: Die Aprikosen kamen aus dem Supermarkt.
Auch die Weintrauben kamen aus dem Supermarkt. Die Feigen kamen aus dem Supermarkt. Die Birnen, die Quitten, alles kam aus dem Supermarkt. Unter diesen Umständen, dachte Irina, war es eigentlich keine Kunst, eine Klostergans zu bereiten. Sogar Esskastanien gab es im Supermarkt, fix und fertig gebacken und geschält, und nachdem sie sich letztes Jahr noch gesträubt hatte, Esskastanien fix und fertig im Supermarkt zu kaufen, hatte sie dieses Mal zugegriffen — wozu sich unnötig Arbeit machen? Und doch war es gerade diese Kleinigkeit, die Irina für einen winzigen Augenblick aus dem Konzept brachte, denn normalerweise war dies das Erste, was sie tat: den Backofen anzumachen und, während er vorheizte, die Schalen der Esskastanien kreuzweise einzuritzen … Fehler. Sie drehte den Backofen wieder ab und begann das Obst für die Füllung vorzubereiten.