In Zeiten des abnehmenden Lichts
- Автор: Ruge Eugen
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:
Im Kochbuch stand: Knapp 2/3 der Kartoffeln schälen, waschen und auf der Haushaltsreibe fein reiben … Irina versuchte mit dieser Mengenangabe fertigzuwerden … War das jetzt eigentlich mehr oder weniger als … Du lieber Gott, sie musste aufhören zu trinken. Nur noch einen! Einen brauchte sie noch, um die Bitterkeit zu verdünnen, die sich in ihrer Brust aufgestaut hatte. Denn wie Charlotte auch gewesen war, was sie auch getan hatte, so war es doch einfach unfassbar, dass es ein Weihnachtsfest ohne sie geben sollte. Ohne Charlotte und ihren Waschbärpelz, ohne ihre Fistelstimme, ihre gekünstelten Komplimente, ihre Prahlereien, ohne ihren Dederon-Beutel, aus dem sie mit großer Geste peinliche Geschenke verteilte — und auch wenn es das idiotischste Geschenk war, das sie jemals erhalten hatte, so war dieser Mülleimerhenkel, den Charlotte ihr freudestrahlend überreicht hatte, das erste und einzige Geschenk gewesen, von dem Irina gespürt hatte, dass es von Herzen kam …
Einen, dachte Irina. Einen auf Charlotte, in ihrem Sterbebett.
Aus dem Zimmer waren jetzt die Stimmen der Männer zu hören, die übliche Diskussion: Arbeitslosigkeit, Sozialismus … Was hier geschieht, ist der Ausverkauf der DDR, sagte Kurt. Irina kannte das alles längst, es wurde ja über nichts anderes mehr geredet, wenn sie Besuch hatten — allerdings hatten sie kaum noch Besuch. Plötzlich hatten die Leute alle zu tun. Obwohl sie ja eigentlich alle arbeitslos waren. Auch seltsam, dachte Irina. Die DDR war pleite, hörte sie Sascha sagen, die hat sich selbst ausverkauft … es folgten Rechnungen, die sie nicht ganz verstand … Wenn die Gehälter hier eins zu eins, sagte Kurt, während Irina über zwei Drittel nachdachte, dann sind die Betriebe von heute auf morgen pleite. Aber Sascha sagte: Wenn sie nicht eins zu eins gezahlt werden, dann gehen die Leute rüber … Eins zu eins, dachte Irina. Oder eins zu zwei Drittel … Ich verstehe das nicht, sagte Sascha, du hast doch selber ständig darüber geredet, dass der Sozialismus am Ende ist. Waren das bloß Worte … Plötzlich kam ihr alles sehr fern vor … Ich rede hier nicht von der DDR, sondern von Sozialismus, von einem wahren, demokratischen Sozialismus! Auch die Klöße kamen ihr plötzlich sehr fern vor … Es gibt keinen demokratischen Sozialismus, hörte sie Sascha sagen. Darauf Kurts Stimme: Der Sozialismus ist seinem Wesen nach demokratisch, weil diejenigen, die produzieren, selber über die Produktion …
Irina nahm eine Gabel und prüfte, ob die Kartoffeln schon gar waren … Egal, dachte sie. Blödes Herumgestreite … Ein Mal noch Weihnachten in diesem Haus. Ein Mal Klostergans. Ein Mal Klöße, so wie es sich gehörte. Und dann, dachte sie, können sie mich hier raustragen … Und zwar mit den Füßen zuerst! Prost. Sie kippte den Rest runter — aber es war kein Rest da. Also goss sie sich noch einen winzigen Rest ein und begann die Kartoffeln zu pellen. Auf einmal waren die Stimmen sehr nah:
— Aha, sagte Kurt, darf man jetzt also nicht mehr über Alternativen zum Kapitalismus nachdenken! Wunderbar, das ist also eure Demokratie …
— Na, Gott sei Dank, dass du in deinem Scheißsozialismus über Alternativen nachdenken durftest.
— Du bist ja wirklich schon vollkommen korrumpiert, sagte Kurt.
— Korrumpiert? Ich bin korrumpiert? Du hast vierzig Jahre lang geschwiegen, schrie Sascha. Vierzig Jahre lang hast du es nicht gewagt, über deine großartigen sowjetischen Erfahrungen zu berichten.
— Das mache ich schon noch …
— Ja, jetzt, wo es keinen mehr interessiert!
— Was hast du denn getan! — Jetzt schrie auch Kurt: Wo waren denn deine Heldentaten!
— Scheiße, schrie Sascha zurück. Scheiß auf eine Gesellschaft, die Helden braucht!
— Scheiß auf eine Gesellschaft, in der zwei Milliarden Menschen hungern, schrie Kurt.
Plötzlich war Irina im Zimmer, sie wusste selbst nicht, wie. War im Zimmer und schrie:
— Hört auf!
Es war einige Sekunden lang still. Dann sagte sie:
— Weihnachten.
Eigentlich hatte sie sagen wollen: Heute ist Weihnachten. Sie hatte sagen wollen: Sascha ist seit Monaten zum ersten Mal wieder da, also lasst uns diese zwei Tage in Frieden verbringen — so ungefähr. Aber obwohl ihre Gedanken noch vollkommen klar waren, hatte sie seltsamerweise Schwierigkeiten zu sprechen.
— Weihnachten, sagte sie. Sie drehte sich um und ging wieder in die Küche.
Ihr Herz bummerte. Plötzlich war sie ganz außer Atem. Sie stützte sich auf der Spüle ab. Stand so einen Moment. Schaute in die blutige Schüssel, die immer noch auf der Ablage neben der Spüle stand … Vergessen: die Innereien. Sie nahm das große Fleischmesser … Konnte es plötzlich nicht. Konnte es nicht mal mehr anfassen, das Zeug in der Schüssel. Kam ihr plötzlich so vor, als sei das ihrs. Als sei es das, was man ihr herausoperiert hatte, dort, wo es wehtat, im Unterleib …
— Soll ich nicht doch was helfen? — Catrins Stimme, fürsorglich-freundlich: Ich kann rasch den Kloßteig …
— Ich mache das, sagte Irina. Das ist thüringisch, sagte sie nicht, lieber keine schwierigen Wörter. Stattdessen sagte sie: Das ist halb und halb … Aber ein bisschen mehr als …
— Ich weiß, sagte Catrin. Wie viele rohe Kartoffeln hast du denn drin?
Wie viele rohe Kartoffeln?
— Ich mache das, sagte Irina noch einmal.
— Das werden so fünf oder sechs sein, sagte Catrin, während sie schon zur Reibe griff. Herrgott, das ist aber auch kompliziert …
Catrin sprach schnell, viel zu schnell, und Irina brauchte eine Weile, um die leisen, huschenden Silben einzufangen und wieder zusammenzusetzen. Aber als sie sie wieder zusammengesetzt hatte, lauteten sie:
— Weißt du … es gibt jetzt auch fertige Kloßmasse … Die ist, ehrlich gesagt … gar nicht so schlecht … Soll ich dir mal … die Marke aufschreiben?
Irina nahm Catrin die Reibe aus der Hand.
— Entschuldige, sagte Catrin. War nicht böse gemeint … Ich meine nur, wegen der Arbeit.
— Ich. Mache. Das. Sagte Irina.
Erst als Catrin weg war, bemerkte sie, dass sie noch das große Fleischmesser in der Hand hielt.
Sie legte das Messer weg. Stützte sich einen Augenblick auf die Spüle. Wenn man einatmete, tat es weniger weh. Irina atmete ein. Aber jetzt waren wieder die Stimmen der Männer zu hören.
— Du hast einfach nicht lange genug gesessen! Die hätten dir nochmal zehn Jahre aufbrummen sollen!
Die Innereien vor ihren Augen begannen zu tanzen.
— Du hast überhaupt keine Ahnung, was Kapitalismus bedeutet!
Irina schaute die Wandfliesen an und versuchte sich auf das Fugenkreuz zu konzentrieren.
— Der Kapitalismus mordet, schrie Kurt. Der Kapitalismus vergiftet! Der Kapitalismus frisst diese Erde auf …
Irina atmete wieder aus. Sechzehn Uhr, Deutschlandfunk, sagte das Radio. Die Sowjetunion wurde zum dritten Mal aufgelöst. Trotzdem wunderte sie sich ein bisschen. Über das Wetter.
— Achtzig Millionen Tote, schrie Sascha. Achtzig Millionen! War sie das gewesen? Die Hände. Der Bauch. Für die Heimat, für Stalin. Schöner Beschiss. Wenn man immer nur … einatmen könnte.