Бесплатная библиотека
Читайте книгу на сайте или телефоне
In Zeiten des abnehmenden Lichts - Читать Любимую Русскую Полную Книгу 👉 Read-E-Book.com

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
1 ... 69 70 71 72 73 74 75 76 77 ... 86
Перейти на страницу:

Ganz im Gegensatz zu ihrer äußeren Erscheinung benahm sie sich auffällig scheu. Demonstrativ hielt sie sich an Sascha, versteckte sich halb hinter ihm. Sie begrüßte Irina lächelnd, mit leiser Stimme, schaute sie fragend von unten an (tatsächlich brachte sie es trotz ihrer Körpergröße fertig, Irina von unten anzuschauen), kurz und gut, ihr Verhalten kam Irina vom ersten Augenblick an falsch und gespielt, ja fast beleidigend vor.

Aber auch Sascha erschien ihr im ersten Augenblick ein wenig fremd. Vielleicht lag es bloß an der Frisur — er hatte sich die Koteletten kurz abrasiert, wie es jetzt Mode war. Seine ungewohnt weiten Jeans (früher hatte er auf knallenge Hosen Wert gelegt) und das schicke Jackett, für dessen grobgewebten Stoff Irina die rechte Bezeichnung fehlte, ließen ihn irgendwie reifer, gesetzter erscheinen. Aber als er sie umarmte, nahm sie seinen Körpergeruch wahr, und dann fehlte nur noch, dass sie das schimmernde Grau in seinen Haaren entdeckte, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

— Ach, Mama, sagte Sascha. Alles ist gut!

Sascha war, so schien es, in prächtiger Stimmung. Irina zupfte den Grünkohl aus und hörte sich an, was er zu erzählen hatte: über die neue Wohnung — Ihr kommt doch bald mal! — und über das neue Auto und über die verdammte Ostautobahn, auf der sie fast eine Stunde im Stau gestanden hatten; dann über Paris, wo sie neulich gewesen waren, das ihnen aber weniger gefallen hatte als London, obwohl das Essen in London grauenhaft gewesen war, fast so schlimm wie in der DDR, beteuerte Sascha und erzählte, wie sie vergeblich versucht hatten, in London Fish and Chips zu bekommen, während Catrin ihm kichernd zustimmte, von einem Fuß auf den anderen trat und ständig, in einer Weise, die Irina rasend machte, ihre Körperhaltung veränderte.

— Womit stoßen wir an, fragte Sascha.

— Whisky?

— Egal, sagte Sascha. Es gibt nämlich einen Grund! Ich werde am Theater in Moers inszenieren. Vor zwei Tagen habe ich den Vertrag unterschrieben.

Irina bemühte sich, ein erfreutes Gesicht zu machen.

— He, Mama, das ist toll, sagte Sascha. Das ist das erste Mal, dass ich an einem richtigen Theater was inszeniere!

— Na dann, prost, sagte Irina — und stutzte.

— Hier scheint irgendwas anzubrennen, sagte Catrin.

Tatsächlich: Sie hatte vergessen, das Gas herunterzudrehen … Rasch holte sie die Kasserolle aus dem Backofen. Das Wasser war völlig verdampft, und es qualmte gefährlich.

— Soll ich helfen? fragte Catrin.

Aber Irina wehrte energisch ab.

— Bringt ihr mal eure Sachen in Saschas Zimmer, ich mache das.

Irina schloss die Küchentür und inspizierte den Schaden — er hielt sich in Grenzen. Sie entfernte ein Stück Haut vom Rücken der Gans, kratzte die Kasserolle aus, ließ sie kurz abkühlen. Inzwischen verrührte sie ein halbes Glas Honig mit einem Dreiviertelliter Portwein, dann begoss sie die Gans damit und schob sie wieder in die Röhre.

— Alles klar? — Sascha steckte seinen Kopf durch die Tür.

— Alles klar, sagte Irina.

— Na dann, sagte Sascha und hob noch einmal das Glas.

— Geht es dir gut, fragte Irina.

Aber Sascha, anstatt zu antworten, fragte zurück:

— Wie geht es dir, Mama?

— Gut, sagte Irina und zuckte mit den Schultern.

— Was ist denn?

— Du weißt ja nicht, was hier los ist, sagte Irina. Du bist ja nicht hier.

— Ach, Mama, jetzt lass das doch mal.

— Und die Rente werden sie uns auch kürzen, sagte Irina rasch, um von dem wunden Punkt — Moers — abzulenken.

— Quatsch, sagte Sascha. Das sind wieder so Gerüchte. Es geht euch gut! Ihr solltet das Leben genießen! Fahrt nach Paris! Kommt uns besuchen!

Sascha nahm sie fest an den Schultern, schaute ihr ins Gesicht:

— Mama, Catrin hat nichts gegen dich.

— Das sage ich gar nicht.

— Dann ist ja alles gut, sagte Sascha. Okay? Alles gut?

Irina nickte. Sie klopfte zwei, drei Zigaretten aus der Schachtel, hielt sie ihm hin.

— Und noch eine gute Nachricht, sagte Sascha. Ich rauche nicht mehr.

Kurze Zeit später war auch Kurt wieder da. Ohne Charlotte.

— Tja, sagte er.

Dann berichtete er kurz und widerwillig: Es ging Charlotte nicht gut. Sie habe ihn nicht wiedererkannt, sei kaum bei Bewusstsein. Und der Arzt habe ihm zu verstehen gegeben, na ja, dass man sich auf das Schlimmste gefasst machen müsse.

Einen Moment schwiegen alle. Sascha stand an der Tür zum Wintergarten und schaute hinaus (oder schaute er auf den kleinen, missratenen Weihnachtsbaum — Kurts Weihnachtsbaum: Lametta in Klumpen, blaue Kosmetikwatte als Schnee). Catrin machte ein Trauergesicht, als sei Charlotte bereits gestorben. Irina ärgerte sich.

Es war nicht recht, dass sie sich ärgerte, sie wusste es. Natürlich konnte Charlotte nichts dafür, wenn sie jetzt starb. Trotzdem ärgerte sich Irina. Stumm zog sie sich in die Küche zurück und begann die Kartoffeln für die Klöße zu schälen. Sie versuchte, ihre Gefühllosigkeit mit der langen Liste von Kränkungen zu rechtfertigen, die Charlotte ihr angetan hatte. Nein, sie hatte es nicht vergessen, wie sie die Ritzen in der Garderobennische ausgekratzt hatte. Wie Charlotte Kurt mit dieser Gertrud hatte verkuppeln wollen … Die schlimmste Zeit ihres Lebens, dachte Irina, während sie die Kartoffeln aufsetzte und sich einen Whisky eingoss — wenigstens musste sie heute nicht mehr Auto fahren! Schlimmer als Krieg, dachte sie. Schlimmer als der erste deutsche Artilleriebeschuss, weiß der Teufel.

Sie trank den Whisky — das Zeug drehte ganz schön! — und rauchte noch eine Zigarette an. Plötzlich musste sie lachen beim Gedanken an den Mülleimerhenkel, den Charlotte ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte: einen alten, verrosteten Mülleimerhenkel, unglaublich! … Nein, das konnte man ihr nicht mehr verübeln. Sie war alt und verrückt, und nun starb sie, allein, im Pflegeheim. Morgen würde sie nach ihr schauen, dachte Irina. Trotz alledem.

Sie legte die Zigarette auf dem Rand des Aschenbechers ab und machte sich daran, die rohen Kartoffeln zu reiben — Thüringer Klöße, halb und halb. Genauer gesagt, ein bisschen mehr Dings als umgekehrt, aber wie denn nun? Irgendwo musste ihr Kochbuch sein. Irina suchte ihr Kochbuch, aber nach einer Weile stellte sie fest, dass sie gar nicht ihr Kochbuch suchte, vielmehr kreisten ihre Gedanken noch immer um Charlotte … Denn eins musste man sagen: In den letzten zwei Jahren, genauer gesagt, seit Wilhelms überraschendem Tod — er war ausgerechnet an seinem Geburtstag gestorben, und obwohl er schon neunzig gewesen war, hatte niemand mit seinem Ende gerechnet — , seit Wilhelms überraschendem Tod hatte Charlotte sich auf seltsame Weise gewandelt. Und das Seltsame war nicht etwa ihre plötzlich durchschlagende Verrücktheit — ein bisschen verrückt war sie ja immer gewesen —, sondern wie mild und umgänglich sie auf einmal geworden war. Plötzlich, so schien es, war die bösartige Energie, die sie stets umgetrieben hatte, verpufft. Auf einmal hatte sie begonnen, Irina mit meine liebe Tochter anzureden. Schrieb Kurt wirre, aber fast zärtliche Briefe oder rief mitten in der Nacht an, um sich für irgendeine Nichtigkeit zu bedanken … bis sie schließlich eines Nachts in langen Unterhosen und mit ihrem mexikanischen Handkoffer vor der Tür gestanden und gefragt hatte, ob sie in dem Zimmer, das nach dem Weggang von Nadjeshda Iwanowna frei geworden war, wohnen dürfe. Nun war es Kurt gewesen, der kategorisch ablehnte. Nein, natürlich hatte Irina sie nicht im Haus haben wollen. Aber sie ins Pflegeheim abzuschieben erschien ihr brutal, und auch wenn Charlotte sich widerstandslos einweisen ließ, kämpfte Irina jedes Mal mit den Tränen, wenn sie sie dort zwischen all den Menschen antraf, die mit erloschenem Blick durch die Gänge irrten …

1 ... 69 70 71 72 73 74 75 76 77 ... 86
Перейти на страницу:
0
Сюжет
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Атмосфера
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Главный герой
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Общее впечатление
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
Итоговая оценка: 0.0 из 10 (голосов: 0 / История оценок)