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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Eines Tages überraschte uns mein Onkel mit einem großen Clou. Er hatte offenbar im Stillen an einem ausgefeilten Plan für eine Rauchabzugsanlage gearbeitet, die nach der Phase der gründlichen Recherchen, der Projektierung, der Anschaffung aller Komponenten und der letztendlichen Installation das Problem tatsächlich behob. Daraufhin erntete er spontan viel Bewunderung und wurde mit ehrlich gemeintem — aber auch mitleidigem — Lob überschüttet.

Das sozialistisch unförmige und keinesfalls leise arbeitende Luftabzugsgerät war leistungsstark und stand auf dem Fußboden, um wenigstens die Sicht aus dem Fenster nicht zu versperren. Leider war das Ungetüm — weil mit dicken flexiblen Schläuchen ausgestattet — unendlich häßlich und eher für Chemielabore oder für Schweißarbeiten in irgendwelchen Hohlräumen konzipiert. Aber das war nicht unser Problem, auch Onkel ONKEL kannte solche feingeistigen Hemmungen nicht. Der schlagende Vorteil seiner rettenden Lösung: Das saugende Schlauchende konnte der liebe Onkel ONKEL mit Hilfe eines mobilen Ständers direkt neben sich plazieren. Er konnte also direkt in das dunkle Loch hineinpaffen und dabei natürlich auch mühelos fernsehen. Der Rauch breitete sich im Raum gar nicht erst aus. Meinen ausschließlich auf Funktionalität bedachten Onkel störte es überhaupt nicht, daß ihn das dunkle Loch pausenlos anstarrte und ihm den Rauch regelrecht aus der Lunge zog. Der pustende Schlauch, der an die» Ausstoßöffnung «des Wirbelmonstrums angeschlossen war, führte am Ende durch zwei Fensterscheiben nach draußen. Das heißt: In diese Scheiben hatte Onkel vom Glaser große runde Löcher schneiden lassen müssen, und die entsprechende Fensterhälfte des Doppelfensters ließ sich nach der Installation nicht ohne weiteres öffnen. Onkels Zimmer bekam nebenbei den Charme einer Giftmischerwerkstatt.

Bei der Lüftung seines Schrankgeheimnisses — also der Preisgabe seiner geldgefüllten Blechkassette — half mir und meiner jüngeren Cousine nach einem Jahr Wartezeit der reine Zufall. Als Tante Bombes autonomer ELEKTRISCHER Kühlschrank — der das gasbetriebene gemeinsame Stinkungetüm in den Schatten stellen sollte — angeliefert wurde, passierte folgendes: Der Lieferant nahm beim Überwinden einer Schwelle zu viel Fahrt auf, und bevor er realisieren konnte, daß er sich nicht in einem geräumigen Zimmer, sondern in einem schmalen Korridor befand, raste er in Onkels Burgmauer und ausgerechnet in den Rücken seines Kleiderschranks. Eine dünne Holzplatte platzte auf, eine Leiste löste sich und ein Teil der Rückwandfüllung fiel auf den Fußboden. Das Säckchen mit der Kassette, das sich im Schrank sehr weit hinten befand, lag plötzlich vorn und war vom Gang aus ohne jeglichen Aufwand greifbar.

— Guck mal, ein Blechtresor, sagte die ältere, nichtsahnende Cousine.

Die jüngere tat so, als ob sie die hervorquellende Wäsche ihres Vaters ordnen wollte, lief anschließend in die Wagenburg und brachte von der anderen Seite den Packen der Liebesbriefe mit.

Was danach genau hinter den Kulissen geschah, welche Art von Aussprachen, Vereinbarungen, Klärungen es gab, erfuhren wir drei Nachwachsenden nie. Gab es ein Verhör oder sogar eine Anklageerhebung» Alle gegen einen«? - ich habe es auch später nicht erfahren. Tante Eva, Onkels Frau.war bei uns eine große Autorität, und sie verhängte über diese Sache offenbar ein strenges Moratorium. Aber sicher war einiges auch für sie im Dunkeln geblieben. Ein Auto wollte Onkel ONKEL sowieso seit langem kaufen, ein Bauernhaus auf dem Lande ebenfalls. Das war allerdings sowieso ein Teil seiner früheren und überhaupt nicht geheimen Planungen.

— Ein Auto muß zuerst her, um das Haus auf dem Lande überhaupt suchen zu können, sagte er immer wieder.

Daß kurze Zeit später ein Kaufvertrag für das Auto unterschrieben wurde, kann mit dem schockierenden Geldsegen nicht direkt zusammengehangen haben — die Kaufanmeldung war schon einige Jahre alt. Nahm man dem Onkel einen Teil des Geldes einfach ab? Mußte er seine geheimen Quellen offenlegen — oder sogar seine noch geheimeren Pläne? Aus Evas Moratorium wurde ein Grabgeheimnis. Onkels Sonderschatz wurde aber — nehme ich an — aus überhaupt nicht geheimen Quellen gespeist, er wurde eventuell nur kontinuierlich und konsequent gefüttert. Garantiert wurde er aber — denke ich heute — von einem streng geschützten Privatteil seiner Bewußtheit verwaltet, in dem er eine Art phantasierter Freiheit genießen konnte. Irgendwo schwebte ihm vielleicht doch ein anderes Leben vor, eine Möglichkeit, sich Würde zu organisieren und notfalls eben zu kaufen. Das wäre nur zu verständlich gewesen. Das lange erwartete Auto stand tatsächlich irgendwann vor unserem Haus — es war der rundliche Zweitakter» Wartburg «aus der Deutschen Demokratischen Republik.

— Das beste Zweitakterauto der Welt, meinte Onkel ONKEL.

Im Zusammenhang mit dem Kauf gab es anfangs leise Forderungen, Onkel solle bedürftige Familienmitglieder mit seinem Tuckermobil bei Bedarf auch transportieren — von irgendwo abholen oder irgendwohin bringen. Mein Onkel war aber ein Weigerungsprofi, und alle kannten bald seinenhammerstarken Trick: Immer wenn die Gefahr drohte, er könnte als Fahrer gebraucht werden, gab er vor, er hätte» leider soeben «ein Schnäpschen getrunken.

— Schade! Tut mir leid. Hab gerade etwas…

In der Regel stimmte das, zum Beweis hauchte er den Fragenden auch gleich an. Und in der Tschechoslowakei galt damals, genauso wie heute in Tschechien, aus gutem Grund die strenge Null-Promille-Grenze. Kurze Zeit nach der Anschaffung des Autos kauften er und Eva ein Bauernhaus, an dem» sehr viel zu tun war«. An den Wochenenden konnten die zurückgelassenen Wohnungsbewohner also aufatmen. Im Umgehungsgang der Onkelsburg wurde laut gerufen, getrampelt, hin und her geschlurft, bei besonders ausgelassener Stimmung sogar gesungen, getänzelt, bei Bedarf auch gegen die Schränke geboxt. Alles unter dem Motto: DER HAUSTYRANN IST BESIEGT UND VERTRIEBEN. Mit der Ausgelassenheit durfte man es aber nicht übertreiben. Die hinter den Vorhängen hochkant lauernden Teppiche intensivierten gern ihr Eigenleben und kippten manchmal nach außen, überraschten einen wie schlechtversteckte Leichen.

Onkel ONKEL plante unterdessen noch eine ganz andere, hochgradig brisante Investition — und in diese wollte er offenbar nicht nur viel von seinem angesparten Geld stecken, in dieses Projekt sollten außerdem seine ganze Ehre und die letzten Reste seiner Glaubwürdigkeit investiert werden. Uns sollte es allerdings viel mehr Leid bescheren als alles, was dieser Mann bislang verbrochen hatte. Mein Onkel ONKEL — der einzige volljährige Mann unserer Behausung — versprach uns den Bau einer ultramodernen Wasserumlaufheizung, die die ganze Etage mit Wärme versorgen und uns endlich die Sorgen mit unseren kohlenmonoxidal schwelenden Dauerbrandöfen und explosionsfreudigen Gasheizungen nehmen sollte. Bei seinen wiederholten Ankündigungen war Onkel voller Optimismus und wirkte überhaupt nichtso, als ob man ihm dieses Projekt als eine Art Buße abgepreßt hätte. Es war auf keinen Fall eine Strafaufgabe, es war sein ureigenes Prestigeunternehmen.

Aufgrund der Exklusivität seines handwerklichen Könnens und aufgrund seines Wissensvorsprungs wollte man ihn beinah umgehend frei walten und schalten lassen, er selbst hatte aber um eine allgemeine Aussprache, also um die Einberufung einer Informationsrunde gebeten. Er wollte aus gutem Grund einen Konsens erreichen — wußte offenbar nur zu gut, daß er grenzenlose Baufreiheit und grünes Licht ohne irgendwelche Rotphasen brauchen würde. In den heißen Arbeitsphasen — und darauf wollte er uns vorbereiten — würde von den» Maßnahmen «jedes Familienmitglied mehr oder weniger stark betroffen sein, jeder Raum mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen werden. Zum Glück hatte Onkel ONKEL das Wort» Mitleidenschaft «in den Mund genommen — und einem (unserem!) Teil der Wohnung brachte dies tatsächlich die Rettung. Meine Mutter, die nicht gerne litt, wurde mißtrauisch und fragte, was sie sich darunter konkret vorzustellen hätte. Die technische Seite der Sache, die sie daraufhin erläutert bekam, verstand sie zwar nicht ganz, sie ließ sich aber nicht verwirren und blieb erstaunlich hellsichtig. Ähnlich wie der einfache Bauer, der in einer Erzählung von Egon Erwin Kisch mißtrauisch wird, als ihm in dem von einem Bodenspekulanten diktierten Kaufvertrag plötzlich das Hilfsverb» WURDE «negativ auffällt.»Was für ein WURDE?… Sie haben mir ein >wurde< einreden wollen! Von >wurde< haben wir aber nichts ausgemacht.«

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