Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Im Mai 1484 hatte Torquemada zwei Inquisitoren für Saragossa ernannt. Die beiden Geistlichen waren so versessen darauf, widerspenstige Juden aufzuspüren und hinzurichten, daß sie ihr erstes Autodafe abhielten, ohne zuvor das Gnadenedikt ausgegeben zu haben, das es abtrünnigen Neuen Christen eigentlich ermöglichen sollte, ein freiwilliges Geständnis abzulegen und dadurch Milde zu erreichen. Am 3. Juni standen die ersten Konvertierten auf dem Scheiterhaufen, und die Leiche einer Frau wurde aus ihrem Grab geholt und ebenfalls verbrannt.
»Damals lebten in Saragossa gute Männer, Mitglieder der Di-putacion de Aragon, des Ständerats, die darüber empört waren. Sie wandten sich an den König und behaupteten, Torquemadas Ernennungen und Hinrichtungen seien ungesetzlich und die Beschlagnahme jüdischen Eigentums verletze die fueros, die Gesetze des Königreichs Aragon. Sie hatten nichts gegen Ketzereiprozesse einzuwenden«, sagte Nuno Fierro, »forderten aber, die Inquisition müsse sich bemühen, Sünder mit den Mitteln der Unterweisung und Ermahnung in den Schoß der Heiligen Mutter Kirche zurückzuführen. Sie wehrten sich dagegen, daß gute und gläubige Männer verleumdet wurden, und taten die Meinung kund, daß es in Aragon keine unbelehrbaren Ketzer gebe.«
Ferdinand hatte die Räte barsch abgefertigt. »Er sagte, wenn es in Aragon so wenig Ketzer gebe, warum belästigten sie ihn dann mit ihrer Angst vor der Inquisition?«
Am Abend des 16. September 1485 wurde Pedro Arbues, einer der Inquisitoren, während eines Gebetes in der Kathedrale ermordet. Es gab keine Zeugen für das Verbrechen, aber die Behörden gingen sofort davon aus, daß er von Neuen Christen getötet worden war. Wie schon zuvor bei angeblichen Konvertitenauf-ständen in anderen Städten wurde der Führer der Neuen Christen Saragossas unverzüglich verhaftet. Er war ein hochangesehener, betagter Rechtsgelehrter, Jaime de Montesa, der Stellvertreter des Obersten Richters der Stadt.
Eine Anzahl seiner Bekannten wurde ebenfalls verhaftet, alles Männer, die tief im christlichen Leben verwurzelt waren, Väter und Brüder von Mönchen, deren Vorfahren Konvertiten gewesen waren. Dazu gehörten auch Männer in hohen Ämtern der Regierung und des Wirtschaftslebens, von denen einige wegen ihrer Verdienste sogar zum Ritter geschlagen worden waren. Einer nach dem anderen wurden sie zu judio mamas erklärt, zu Christen also, die »eigentlich Juden« waren. Unter entsetzlichen Folterqualen gestanden schließlich einige, daß es eine Verschwörung gegeben habe. Im Dezember 1485 wurden zwei weitere Konvertiten auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und ab Februar 1486 gab es in Saragossa allmonatlich ein Autodafe.
»Ihr seht also, daß Ihr vorsichtig sein müßt. Sehr vorsichtig«, schärfte Fierro Jona ein. »Ist Ramon Callico Euer wirklicher Name?«
»Nein. Ich werde als Jude unter meinem wirklichen Namen gesucht.«
Nuno Fierro zuckte zusammen. »Verratet mir Euren wirklichen Namen lieber nicht«, sagte er schnell. »Falls man uns fragen sollte, sagen wir einfach, Ihr seid Ramon Callico, ein Alter Christ aus Gibraltar und der Neffe der Frau meines verstorbenen Bruders.«
Was sie beschlossen hatten, erwies sich als nicht sehr schwer zu bewerkstelligen. Jona sah weder Soldaten noch Priester. Er blieb immer in der Nähe des Hauses, das der jüdische Arzt Juan de
Gabriel Montesa an weiser Stelle erbaut hatte - in einiger Entfernung von der Stadt und so weit weg von der Straße, daß nur diejenigen, die einen Arzt brauchten, den Weg auf sich nahmen.
Fierros Grundbesitz umfaßte drei Seiten eines langen, sanft ansteigenden Hügels. Immer wenn die Erschöpfung die Schriftzeichen wieder in Schlangen verwandelte und Jona nicht länger übersetzen konnte, ließ er die Bücher liegen und schlenderte über die Felder. Einiges wies darauf hin, daß hier früher eine ertragreiche Landwirtschaft betrieben worden war, doch es war auch offensichtlich, daß Nuno kein guter Bauer war. Es gab einen Olivenhain und einen kleinen Obstgarten, beide mit gesunden Bäumen, die aber dringend einen Beschnitt nötig hatten, und als der gute peon, der er einmal gewesen war, suchte Jona sich im Stall eine kleine Säge, mit der er einige Bäume stutzte. Die abgeschnittenen Zweige trug er auf einem Haufen zusammen und verbrannte sie, wie er es auf den Höfen seiner früheren Dienstherren getan hatte. Hinter dem Stall befand sich eine Grube mit Pferdemist und Streu aus dem Stall, und Jona schüttete die Asche der Holzfeuer darüber und verteilte dann die Mischung unter einem halben Dutzend der Bäume.
Über die Hügelkuppe und auf der nördlichen Flanke erstreckte sich ein unbestelltes Stück Land, das Reyna den Ort der Verlorenen nannte. Es war ein unbezeichnetes Gräberfeld für all jene Unglücklichen, die sich das Leben genommen hatten, denn die Kirche behauptete, Selbstmord sei eine Sünde, und verwehrte ihnen die Beerdigung in christlich geweihter Erde.
Direkt hinter der hacienda, stieg die südliche Flanke des Hügels an, der beste Teil des Besitzes, mit tiefer, fetter Krume und viel Sonnenschein. Reyna bestellte einen kleinen Küchengarten, aber der Rest war verwildert und von Unkraut und Gestrüpp überwuchert. Jona sah sofort, daß dieses Land, wenn es nur ernsthaft bearbeitet würde, viele Möglichkeiten böte.
Jona wußte nicht so recht, wie lange er bleiben sollte, aber die Wiederentdeckung der hebräischen Sprache fesselte ihn, und im Lauf der Wochen hatte er sich auch wieder daran gewöhnt, in einem Haus zu wohnen. Es war ein Haus voller Koch- und Backdüfte und der Wärme von einem großen Kamin. Jona sorgte dafür, daß die Holzkiste immer gefüllt war, wofür Reyna ihm dankbar war, denn dies war eine ihrer vielen Pflichten gewesen. Das Erdgeschoß bestand nur aus einem großen Raum, in dem gekocht und gegessen wurde, mit zwei bequemen Sesseln vor dem Kamin. Jonas Strohlager befand sich im Obergeschoß in einem kleinen Lagerraum zwischen dem großen Schlafzimmer Fierros und Reynas kleinerer Kammer, die beide ein Bett enthielten.
Die Wände waren dünn. Er hörte Reyna nie beten, aber beide waren sich bewußt, daß der andere ihn hören konnte, wenn er in den Nachttopf pinkelte. Einmal hörte Jona sie leise seufzen und gähnen, als sie sich ins Bett legte, und er konnte sich vorstellen, wie sie sich streckte und die Zeit ihrer Muße genoß. Tagsüber betrachtete er sie verstohlen, achtete aber darauf, daß er dabei nicht beobachtet wurde, denn er wußte von Anfang an, daß Reyna bereits vergeben war.
Wenn er nachts im Dunkeln lag, hörte er des öfteren, wie ihre Tür aufging und sie in Nunos Zimmer schlich und die Tür hinter sich schloß. Manchmal hörte er die gedämpften Geräusche ihres Liebesspiels.
Schön für dich, Arzt! dachte er dann, gefangen im Kerker seiner unerlösten Lenden.
Ihm fiel auf, daß Nuno und Reyna sich tagsüber verhielten wie Herr und Magd, zwar freundlich zueinander, aber ohne jede Vertraulichkeit.
Zum geschlechtlichen Verkehr zwischen den beiden kam es seltener, als Jona erwartet hätte. Offensichtlich waren Nuno Fierros Bedürfnisse nicht mehr so drängend. Jona war ein Mensch, der auf Verhaltensmuster achtete, und so fiel ihm schon sehr bald auf, daß Nuno hin und wieder nach dem Nachtmahl zu Reyna sagte, er wolle am nächsten Tag geschmortes Geflügel essen, und sie dann den Kopf senkte. In solchen Nächten ging sie immer in Nunos Zimmer. Bald war es so, daß Jona, immer wenn er diese Geheimbotschaft hörte, erst einschlafen konnte, wenn er mitbekam, daß sie in Nunos Zimmer ging.