Die Jüdin von Toledo
- Автор: Фейхтвангер Лион
- Год: 1947
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
Der König, nun er keinen innern Vorwand mehr hatte, den Kreuzzug weiter aufzuschieben, beschloß, nach Burgos zu reisen, die Allianz abzuschließen – und vorher natürlich das Kind zu taufen. Nur schwankte er noch, wann er aufbrechen sollte, in einer Woche oder in zweien oder längstens doch in der dritten.
Da erreichte ihn eine Nachricht, die sein Schwanken jäh beendete: König Heinrich von Engelland war gestorben in seiner festen Burg Chinon, noch nicht alt, ein Mann von sechsundfünfzig Jahren.
Alfonso sah ihn vor sich, den Vater seiner Doña Leonor, den mittelgroßen, untersetzten, ziemlich festen Mann mit seinem Stiernacken, seinen breiten Schultern, seinen krummen Reiterbeinen. Strotzend in Kraft war er vor ihm gestanden, den Falken auf der nackten Hand, so daß er sich in die Haut einkrallte. Alles, was dieser Heinrich begehrte, hatte er gepackt mit seinen nackten, roten, gewaltigen Händen, Länder und Frauen. Lachend hatte er Alfonso gesagt: »Bei den Augen Gottes, mein Sohn, für einen Fürsten, der Kopf und Faust hat, ist die ganze Welt recht klein.« Er hatte Kopf und Faust gehabt, dieser König von Engelland, Herzog von der Normandie, Herzog von Aquitanien, Graf von Anjou, Graf von Poitou, Herr von Tours, Herr von Berry, der mächtigste Fürst des westlichen Europa. Alfonso betrauerte ihn ehrlich, als er den Handschuh auszog und sich bekreuzte.
Aber schon während er den Handschuh wieder anzog, überdachte er mit seinem schnellen Verstand die Folgen, welche das Absterben dieses Mannes für ihn, Alfonso, und sein Land hatte. Nur dank der klugen Hilfe dieses Toten waren Allianz und Feldzug bisher verhindert worden. Heinrichs Sohn und Nachfolger Richard war kein Staatsmann, er war Ritter und Soldat, begierig, sich mit jedem Feinde zu schlagen. Er wird nicht wie Heinrich sich dem Kreuzzug unter Vorwänden fernhalten, er wird sogleich mit einem Heere ins Heilige Land aufbrechen und darauf drängen, daß auch die hispanischen Fürsten, seine Verwandten, endlich und sofort ihre Moslems bekämpften. Der Krieg war da.
Es war Alfonso recht. Er streckte sich, er lächelte, er lachte. »Ave, bellum – Sei gegrüßt, Krieg!« sagte er vor sich hin, laut, fröhlich, in den leeren Saal.
Er diktierte einen Brief an Doña Leonor. Sprach ihr seinen Schmerz aus über den Tod ihres Vaters. Teilte ihr mit, er werde sofort nach Burgos kommen, und schloß frech und unschuldig, nun, da kein Verbot König Heinrichs mehr im Wege stehe, könne man ja ohne Verzug den Ehevertrag Berengarias und das Bündnis mit Don Pedro unterschreiben und siegeln.
Ein Geschäft aber hatte er, bevor er reiste, noch zu erledigen. Wiewohl er sicher war, in der Hut Gottes zu stehen, so wollte er doch Vorsorge treffen für den Fall seines Ausgangs aus der Welt. Er wird Doña Raquel mit reichem Gut ausstatten und dem Kinde Sancho, seinem lieben, kleinen Bastard, die geziemenden Titel und Würden verleihen.
Er befahl Jehuda in die Burg. »Da hast du es, mein Freund«, begrüßte er ihn mit fröhlichem Spott. »Jetzt ist es aus mit deinen Mätzchen und Schlichen. Jetzt hab ich ihn, meinen Krieg!« Jehuda sagte: »Die Aljama von Toledo wird allen Segen des Himmels auf deine Majestät herabflehen. Und dir eine Streitmacht stellen, deren du dich vor der Christenheit nicht zu schämen haben wirst.« – »In längstens drei Tagen«, verkündete Alfonso, »reite ich nach Burgos. Ich werde dort wenig Zeit haben und gar keine auf meiner Rückkehr. Ich möchte jetzt schon Verfügungen treffen für den Fall, daß mich trotz eurer Gebete und eurer Soldaten der Herr in währender Schlacht einen christlichen Tod sterben läßt. Bereite du die Dokumente vor, so daß ich sie nur zu unterschreiben brauche.« – »Ich höre, Herr König«, sagte Jehuda. »Ich will«, verkündete der König, »Doña Raquel Güter verschreiben, welche ihr Jahreseinkünfte von mindestens dreitausend Goldmaravedí gewährleisten. Und die Titel und Rechte der frei gewordenen Grafschaft und Stadt Olmedo will ich unserem kleinen Sancho überschreiben.«
Jehuda verpreßte die Lippen, mühte sich um ruhigen Atem. Die Geste Don Alfonsos war kühn und königlich. Jehuda sah seinen Enkel heranwachsen als Grafen von Olmedo, sah, wie ihm der König andere Würden und Herrschaften übertrug, vielleicht den Titel eines Infanten von Kastilien. Absurd und großartig tanzte vor Jehuda der Traum, wie sein Enkel, ein Prinz aus dem Hause Ibn Esra, König von Kastilien sein wird.
Der Traum zerrann. Er hatte gewußt, von der Minute an, da er vom Tode König Heinrichs erfuhr, hatte er gewußt, jetzt erst stand vor ihm der schwerste Kampf. Er sagte: »Deine Großmut ist wahrhaft eines Königs Großmut. Aber das Gesetz verbietet, einen Nichtchristen zum Lehnsherrn der Grafschaft zu machen.« Alfonso erwiderte leichthin: »Hast du geglaubt, ich werde mit der Taufe meines Sohnes warten, bis ich aus dem Krieg zurück bin? Ich werde Sancho morgen taufen lassen.«
Jehuda dachte an die Vorschrift des Rabbi Tobia: »Eh daß ihr einen einzigen preisgebt, müßt ihr alle den Tod auf euch nehmen.« Er dachte an den Vers der Schrift: »Welcher eines seiner Kinder dem Götzen gibt, der soll des Todes sterben.«
Er sagte: »Hast du mit Doña Raquel gesprochen, Herr König?« – »Ich werde es ihr heute sagen«, antwortete Alfonso. »Wenn du’s aber vorziehst, kannst du es ihr sagen.« Jehuda, in seinem Innersten, betete: Auf deine Hilfe hoffe ich, Adonai. Ich hoffe, Adonai, auf deine Hilfe. Er sagte: »Du bist ein Nachfahr burgundischer Herzöge und gotischer Könige, Don Alfonso, aber Doña Raquel ist eine Ibn Esra und aus dem Hause König Davids.« Alfonso stampfte. »Hör auf mit dem Affengeschwätz!« herrschte er ihn an. »Du weißt so gut wie ich, daß ich keinen Juden zum Sohn haben kann.« – »Auch Christus ist Jude gewesen, Herr König«, antwortete still und verbissen Jehuda.
Alfonso schluckte. Es hatte keinen Sinn, mit Jehuda über den Glauben zu disputieren. Er wird Raquel selber mitteilen, daß das Kind morgen getauft wird. Aber sie war noch hinfällig, und wenn auch Jehuda ihren innern Widerstand übertreibt, es wird sie sehr mitnehmen, es wird sie vielleicht gefährden, wenn ihr der Sohn getauft wird. »Laß die Urkunden ausstellen, wie ich dir’s angegeben habe«, befahl er. »Und sei gewiß: mein Sohn wird getauft, bevor ich zu Feld ziehe. Du wirst gut daran tun, deine Vernunft zu gebrauchen und Doña Raquel vorzubereiten.«
Aufatmete Jehuda. Vorläufig ging der König nach Burgos. Zeit war gewonnen, Wochen waren gewonnen. Es wird eine Zeit der Qual sein. Er wußte jetzt, daß es dem König furchtbar ernst war, daß er nicht in den Krieg ziehen wird, ohne das Kind zu taufen. Aber Zeit war gewonnen, und der Gott, der ihm so viele Gnaden erwiesen hatte, wird ihm auch dieses Mal den Ausweg zeigen.
Als hätte Alfonso ihn erraten, sagte er: »Und daß du dir nicht einfallen läßt, mir einen deiner schwarzen Streiche zu spielen, während ich in Burgos bin. Ich will Raquel nicht aufregen in ihrer Schwäche. Aber auch du sollst ihr nicht zusetzen mit Reden und Drohungen und Versprechungen. Mein Sohn soll, bis ich zurückkomme, bleiben, was er ist: noch kein Christ, aber bestimmt kein Jude.« – »Es sei, wie du sagst, Herr König«, sagte Jehuda.
Sie standen sich gegenüber und maßen sich feindselig, argwöhnisch. »Ich trau dir nicht, mein Jehuda«, sagte ihm Alfonso ins Gesicht. »Du mußt mir einen Eid schwören.« – »Ich bin bereit, Herr König«, sagte Jehuda. »Aber es muß ein harter Eid sein«, fuhr Don Alfonso fort, »sonst bindet er dich nicht.«
Er hatte einen grimmigen Einfall. Es gab da einen alten Eid, welchen zu der Zeit, da er noch ein Knabe war, die Juden hatten schwören müssen, eine närrische und finstere Formel, mittels deren sie alles Böse auf sich herabschworen für den Fall des Wortbruchs. Später, auf Bitten der Juden und auf Betreiben Don Manriques, hatte er die Formel abgeschafft. Er erinnerte sich nicht des Wortlauts, aber daran, daß es ein abstoßender, furchterregender und gleichzeitig läppischer Eid gewesen war. »Es gibt solch einen harten Eid, ich weiß es«, erklärte er jetzt dem Jehuda. »Ihr habt ihn früher oft schwören müssen, und vielleicht war ich zu milde, als ich ihn euch erließ. Dir erlaß ich ihn nicht.«