Die Jüdin von Toledo
- Автор: Фейхтвангер Лион
- Год: 1947
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
Er hatte die Galiana nicht betreten, seitdem Raquel dort lebte. Er versagte sich’s auch jetzt in der entscheidenden Stunde, sosehr es ihn drängte, Raquel nahe zu sein. Wohl aber schickte er Musa, und Alfonso war froh, Raquel in der Sorge des alten Arztes zu wissen.
Die Wehen waren langwierig, und es entstanden Zwistigkeiten zwischen Musa und der Amme Sa’ad über die Maßnahmen, die man treffen sollte. Dann aber kam das Kind glücklich ans Licht. Die Amme bemächtigte sich seiner sogleich, rief ihm ins rechte Ohr den Aufruf zum Gebet, ins linke das Bekenntnis: »Allah ist Allah und Mohammed sein Prophet« und wußte nun triumphierend, das Kind gehörte dem Islam.
Jehuda in diesen Stunden wartete im Castillo und schwankte, was er hoffen sollte und was fürchten, daß das Kind ein Knabe oder daß es ein Mädchen sei. Neue Zweifel stiegen ihm auf, ob nicht das lange Verharren im falschen Glauben ihm die Seele vergiftet habe, ob er die Kraft haben werde, das Rechte zu tun, ob er ein wahrer Jude geworden, ob er nicht in seinem Heimlichsten ein Meschummad geblieben sei.
Mose Ben Maimon hatte das Grundbekenntnis der Judenheit in dreizehn Glaubenssätze zusammengefaßt. Peinlich erforschte sich Jehuda, ob er in Wahrheit und von innen her diese Sätze glaube. In der Fassung, die ihm vorlag, begann ein jeder Glaubensartikel mit den Worten: »Ich glaube mit ungeteiltem Glauben.« Langsam sprach Jehuda die Sätze vor sich hin: »Ich glaube mit ungeteiltem Glauben, daß es Recht ist, den Schöpfer, gepriesen sei sein Name, anzubeten, ihn allein, und Unrecht, irgendein anderes anzubeten. Ich glaube mit ungeteiltem Glauben, daß die Offenbarung des Mose Unseres Lehrers, Friede sei mit ihm, die reine Wahrheit ist, daß er der Vater der Propheten ist, derer vor ihm und derer nach ihm.« Ja, er glaubte das, er wußte das, es war so, und keines Christus und keines Mohammed Lehre verlöschte die Offenbarung Unseres Lehrers Mose. Mit Inbrunst betete Jehuda die Schlußworte des Bekenntnisses: »Auf deine Hilfe hoffe ich, Adonai. Ich hoffe, Adonai, auf deine Hilfe. Adonai, auf deine Hilfe hoffe ich.« Er betete, er bekannte, er war bereit, für diesen seinen Glauben und für dieses sein Wissen den Tod zu erleiden.
Aber alle Hingabe und Sammlung verhinderte nicht, daß seine Gedanken in die Galiana wanderten. Er wartete, wog, fürchtete, hoffte.
Endlich kam der Bote, und noch vor dem Gruß rief er Jehuda die glückhafte Formel zu: »Ein Knabe kam zur Welt, Segen kam in die Welt.«
Jubel ohne Maß war in Jehuda. Gott hatte ihn begnadet, Gott hatte ihm Ersatz gesandt für Alazar. Ein Knabe war zur Welt gekommen, ein neuer Ibn Esra, ein Nachfahr König Davids, sein, Jehuda Ibn Esras, Enkel.
Noch im gleichen Augenblick indes verschattete Angst seinen Jubel. Ein Nachfahr König Davids – doch auch ein Nachfahr der Herzöge von Burgund und Grafen von Kastilien. Don Alfonso hatte den gleichen Anspruch wie er selber, Don Alfonso konnte für sein Recht die ganze Macht der Christenheit einsetzen, und er, Jehuda, stand allein. Aber: »Ich glaube mit ungeteiltem Glauben«, glaubte er, und: »Ich will mit ungeteiltem Willen«, wollte er, und: »Es soll dem ungläubigen König nicht gelingen«, beschloß er. »Ich werde es schaffen mit der Hilfe Gottes und meines guten Verstandes.«
In der Galiana mittlerweile beschaute und betastete zärtlich Doña Raquel ihren Sohn. Unhörbar schmeichelte sie ihm und koste ihn und nannte ihn Immanuel und immer wieder Immanuel, mit dem Namen des Messias.
Alfonso aber – so verlangten die Courtoisie und sein Herz – ließ sich vor Raquel auf ein Knie nieder und küßte der unendlich Schwachen die Hand.
Entsetzt sah es die Amme Sa’ad. Raquel war unrein, die Wöchnerin war unrein auf lange Zeit, und nun berührte sie dieser Mann, der Dummkopf, der Herrscher der Ungläubigen, und rief alle bösen Geister auf gegen sie und gegen sich selber und gegen das Kind. Und schnell legte sie das Kind zurück in die Wiege, schnitt ein paar Härchen von seinem Kopf, sie zu opfern, und stellte um die Wiege Zucker, damit das Kind süß und gut, Gold, damit es reich, Brot, damit es langlebig werde.
Alfonso war glücklich. Gott hatte ihm den Lohn seines Feldzugs im voraus gegeben, hatte ihm einen andern Sohn geschenkt an Stelle des verlorenen. Er beschloß, das Kind solle am dritten Tag getauft werden, und Sancho solle es heißen; Sancho der Ersehnte war der Name seines Vaters gewesen. Er wollte Raquel das sagen, aber sie war sehr schwach, besser schob er’s auf für morgen oder für übermorgen.
Er mußte seine Freude mit andern teilen. Er ritt nach Toledo. Ließ seine Räte kommen und diejenigen der Barone, die er für Freunde hielt. Strahlte. Teilte Gnaden aus.
Er hatte auch Don Jehuda in die Burg beschieden, und er hielt ihn zurück, als die andern Urlaub nahmen. Beiläufig sagte er ihm: »Ich werde den Knaben Sancho heißen nach meinem Vater. Die Taufe soll Donnerstag sein. Du hast meine Galiana nicht gern, ich weiß es; aber vielleicht überwindest du dich und machst mir die Freude, an diesem Tage dort mein Gast zu sein.«
Jehuda, nun die Minute der Entscheidung da war, wurde ganz ruhig. Es wäre ihm lieb gewesen, er hätte Raquel sehen können vor dieser seiner Auseinandersetzung mit Don Alfonso. Sie liebte den Mann, es wird ihr schwer sein, dem Gewalttätigen nein zu sagen und immer wieder nein. Aber er wußte, sie war fest im Glauben, sie war seine Tochter, sie wird es können.
Er sagte nicht ohne Ehrerbietung: »Ich glaube, Herr König, du tätest besser, die Entscheidung aufzuschieben. Ich glaube, meine Tochter Raquel wird wünschen, daß ihr Sohn heranwachse nach den Gesetzen Israels und erzogen werde in den Bräuchen und Sitten der Ibn Esras.«
Die Idee, daß Raquel oder selbst der Alte dergleichen auch nur denken könnten, war dem König nicht gekommen. Er wollte auch jetzt nicht glauben, daß der Jude es ernst meinte. Es war ein närrischer Scherz, ein sehr unziemlicher Scherz. Er ging nah an Jehuda heran, spielte mit seiner Brustplatte. »Das wäre was, wie?« sagte er. »Ich schlage mich mit den Moslems, und mein Sohn läuft hier herum als Beschnittener!« Er lachte. Jehuda sagte stilclass="underline" »Ich bitte dich in Ehrfurcht, Herr König, nicht zu lachen. Oder hast du mit Doña Raquel gesprochen?« Alfonso zuckte die Achseln, unwirsch. Der Scherz ging zu weit. Aber er wollte sich den Tag nicht verderben lassen. Er lachte weiter, schallend. Jehuda sagte: »In Demut und ein zweites Mal bitte ich dich, nicht zu lachen. Du könntest uns aus dem Lande hinauslachen, wenn du uns verlachst.«
Alfonso wurde ungeduldig. »Du bist verrückt!« sagte er kurz. Jehuda, mit seiner sanften, eindringlichen Stimme, fuhr fort: »Ich war nicht in der Galiana, du weißt es, ich habe nicht mit Raquel gesprochen, und ich werde wohl auch in den nächsten Tagen nicht mit ihr sprechen. Aber ich sage dir: so gewiß heute abend die Sonne untergeht, so gewiß wird Raquel die Galiana und das Land verlassen, ehe sie den Kopf ihres Sohnes dem Wasser deines Glaubens preisgibt.« Und immer noch leise, doch wütig schloß er: »Viele von uns haben ihre Kinder umgebracht, ehe sie das Wasser des Unglaubens über ihre Köpfe haben gießen lassen.« Er lispelte.
Alfonso wollte etwas Stolzes, Verächtliches entgegnen. Aber die stillen, wilden Worte Jehudas waren noch im Raum, sie klangen nach, Jehudas Wille war im Raum und war so stark wie sein eigener Wille. Alfonso erkannte: Jehuda hatte recht. Er wird Raquel verlieren, wenn er den Sohn taufen läßt. Er stand vor der Wahclass="underline" Sollte er das Kind preisgeben oder Raquel?
Voll hilflosen Zornes, höhnisch, warf er dem Jehuda hin: »Und dein Alazar?« Jehuda, sehr blaß, sagte: »Das Kind soll nicht den Weg deines Schildknappen Alazar gehen.«
Der König schwieg. In ihm dachte es: Die Schlange im Wams, der Zunder im Ärmel. Er fürchtete, im nächsten Augenblick werde er den Juden niederschlagen. Brüsk ging er aus dem Saal.
Jehuda wartete lange. Alfonso kam nicht zurück. Schließlich verließ Jehuda die Burg.