Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
»Ich hasse Elfen!«, zischte Arane.
Scapa konnte nichts als tief atmen, sonst hätte das Gefühl der Hilflosigkeit ihn von innen heraus zerrissen.
»Ich hasse sie«, wiederholte Arane und die Worte entließen den Zorn in ihr wie ein Ventil. »Stinkende räudige Sumpfratten, geizige Betrüger, ich hasse sie alle!«
Sie stampfte mit dem Fuß auf und Scapa warf ihr einen Blick zu. In ihren Augen glühte wirklich Hass.
Schon einmal waren ihre Augen so gewesen. Damals, es war lange her und doch ... nicht mehr als ein Wimpernschlag schien ihn von jenem Augenblick zu trennen, der klar und deutlich in seiner Erinnerung war und immer sein würde.
Damals, als er Arane zum ersten Mal gesehen hatte.
Schon um mehrere Straßenecken hatte Scapa die Schreie gehört. Es waren nicht die gewöhnlichen Schreie, die in diesen Vierteln erklangen. Nicht das schrille Kreischen der Säuglinge, die in der Hitze rote Köpfe bekamen. Auch kein lautes Marktfeilschen.
Scapa schlich vorsichtig heran, dicht an die Mauer gedrängt, und hatte seinen Dolch gezückt. Inzwischen war seit seinem ersten Diebstahl so viel Zeit vergangen, dass er mit der Klinge umzugehen gelernt hatte. Und nicht nur das: Er war auch als Dieb viel gelassener geworden. Er war in nur wenigen Monaten so etwas wie ein dunkler Schatten geworden, der unbemerkt und flink durch die Gassen der Stadt huschte. Während all der Monate aber hatte er kaum mit einer Menschenseele gesprochen. Die Menschen jagten ihm Angst ein und die Elfen ebenfalls.
Schließlich bestahl Scapa sie alle.
Nun hörte er das wütende Gezeter und kam neugierig näher. Wenn es Aas gibt, sind die Geier nicht weit. Und wenn jemand streitet, fällt meistens ein Stückchen Beute ab, das nur darauf wartet, genommen zu werden.
Scapa ging in die Hocke und lugte um eine Straßenecke. Er sah einen Schmuckstand mit funkelnden Broschen und Armreifen – ohne Händler dahinter.
Der stand mit hochgekrempelten Hemdsärmeln vor seinen Verkaufstischen und war ganz offensichtlich abgelenkt: In den Armen des Elfenhändlers zappelte ein wildes kleines Ding, ein Junge mit Lockenschopf.
»Dieb, du dreckiger!« Der Händler begleitete diese Worte mit einem Schwall elfischer Flüche, die Scapa nicht verstand. »Schön hier geblieben, kleiner Teufel! Du kriegst heute noch Kerkerfraß, darauf kannst du wetten. Bleib da!«
Der Elfenhändler zog seinen Gürtel und versuchte den Jungen damit zu fesseln. Der wand sich aber herum wie ein Fisch und entglitt dem Elf jedes Mal um Haaresbreite.
Scapa wurde klar, was er tun musste. Auf allen Vieren schlich er sich an die Verkaufstische. Eilig zog er sich das Hemd aus, legte die Schmuckstücke in den Stoff, schnell und vorsichtig, damit nichts klirrte. Eine solche Gelegenheit bot sich schließlich nicht alle Tage.
Fast den halben Stand hatte er ausgeräumt, da geschah es. Der Händler jaulte auf – der kleine Dieb hatte ihn in die Hand gebissen. Scapa zuckte zusammen, obwohl er noch nicht entdeckt worden war. Der Elf holte mit der unverletzten Hand aus. So heftig traf der Schlag des Händlers den Dieb, dass er von den Füßen gerissen wurde. Ein heller Schrei drang durch die wirren Haare, Blut tropfte auf den Boden, als der Dieb flach liegen blieb. Und mit einem Mal hob der Junge den Kopf und starrte Scapa an.
Scapa wusste nicht, was ihn mehr überraschte: die Erkenntnis, dass es kein Junge, sondern ein Mädchen war, oder das klare Blau der Augen – dieser Augen, so glühend vor Hass und schön wie nichts, was er je erblickt hatte. Er spürte, wie der kurze Moment, in dem sie einander anstarrten, zur Ewigkeit wurde und alles bis auf sie beide in Dunkelheit zerfiel. Erst der Elfenhändler, der sich wütend über ihm aufbaute, rief Scapa zurück in die Wirklichkeit. Scapa rollte sich blitzartig zur Seite, bevor ihn die Faust des Händlers treffen konnte. Einen Herzschlag später stocherte er erschrocken mit dem Dolch durch die Luft, um den vor Wut tobenden Elf abzuwehren. Nur kurz erhaschte er einen Blick auf die Stelle, wo das Mädchen gelegen hatte. Doch von ihr war nichts geblieben als drei Blutflecken auf dem Boden. In einer schmalen Gasse sah er sie gerade noch davonrennen.
»He – verdammt!« Scapa duckte sich vor dem Schlag des Händlers und schlüpfte unter seinen Armen hindurch. Dann holte er mit seinem Hemd aus, in dem noch immer der Schmuck klapperte, und schlug dem Händler gegen den Rücken. Verdutzt sackte der Elf in die Knie, fuhr aber sogleich wieder herum. Da war Scapa schon davongerannt, direkt in die Gasse hinein, in der das Mädchen verschwunden war.
Lange suchte er sie. Er rannte durch alle ihm bekannten Straßen, durchstreifte die Gassen und lugte sogar hier und da in die Schänken und Spelunken der Gegend. Er fragte die Bettler und Straßenkinder, ob sie ein Mädchen mit blonden Locken und blauen Augen gesehen hätten, ein Mädchen, das irgendwo am Kopf bluten musste; er befragte sogar die Waschweiber in den Färbervierteln, aber niemand konnte ihm Auskunft geben.
»Ein Mädchen, das wie ein Junge aussieht und vielleicht eine Platzwunde am Kopf hat?«, wiederholten sie ungläubig. Diese Beschreibung konnte auf jedes zweite Straßenkind zutreffen. Aber Scapa vermochte nicht zu erklären, was an ihr anders gewesen war – anders auf eine Weise, die ihm selbst ein Rätsel war.
Als er sie abends nicht gefunden hatte, kletterte er in eine kleine Hausruine, in der er seit einiger Zeit schlief und seine Beute versteckte, und betrachtete im Schein der Straßenlampe den Schmuck des Händlers. Er überlegte, welches Stück das Mädchen wohl hatte stehlen wollen, und darüber grübelte er auch noch in der nächsten Nacht und in der übernächsten.
Viele Tage lang musste er an das Mädchen denken.
Und je länger er an sie dachte, desto heftiger spürte er, dass sie sein Schicksal sein würde. Ganz einfach.
Er kannte jetzt einen Teil seiner Zukunft, ob das nun gut war oder nicht.
Die Zeit verging, ohne dass Scapa das Mädchen wieder gesehen oder dass er von ihr gehört hätte.
Allmählich schwand die Gewissheit, dass sie eine Rolle in seinem Leben spielen würde. Insgeheim begann er sich über sich selbst zu ärgern. Wie hatte er so fest von dieser dummen Idee überzeugt sein können? Er beschloss das Mädchen zu vergessen. Und um ein Haar wäre es ihm auch gelungen.
Fast drei Wochen waren vergangen, seit Scapa dem Elfenhändler den Schmuck gestohlen hatte. Nun schlenderte er durch die bevölkerten Straßen von Kesselstadt, vorbei an Tavernen und lärmenden Leuten. Es war ein warmer, schöner Vormittag und das Leben der Stadt blühte. Straßenmusik und laute Stimmen erfüllten die Luft. In den Schatten der Häuser spielten rauchende Elfenjungen Würfelspiele, grell geschminkte Tänzerinnen lehnten sich aus den Fenstern der Häuser und riefen jedem etwas zu, der an ihnen vorbeikam.
Scapa wich gerade rechtzeitig zur Seite, als ein mit Glocken behängtes Schwein an ihm vorbeirauschte, gefolgt von einer Horde lärmender Menschen. »Wer das Schwein fängt, gewinnt drei Mehlsäcke!«, schrie jemand, der vermutlich der Veranstalter der Schweinejagd war. Scapa kannte solche Hetzjagden. Das Schwein war darauf trainiert, zu seinem Besitzer zurückzulaufen. Am Ende gewannen immer die Veranstalter des Spiels.
Scapa lief weiter, die Augen offen für jede Gelegenheit, die sich ihm bot. Vielleicht entdeckte er einen unachtsamen Händler, eine offene Westentasche ...
An der Ecke eines Markplatzes stand ein Kartenspieler und forderte die vorbeigehenden Leute auf, ihr Glück bei ihm zu versuchen. Erriet jemand, welche der verdeckten Karten der rote König war, so gewann er einen Kupfertaler des Geldes, das andere Leute bereits bei dem Spieler gelassen hatten. Neugierig drängten sich mehrere Schaulustige um den Spieltisch. Scapa kam näher, als er das aufgeregte Gemurmel der Menschen und Elfen vernahm.