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Nijura - das Erbe der Elfenkrone

Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:

Als die junge Halbelfe Nill im Wald ein rätselhaftes Messer findet, ahnt sie nicht, dass sie damit zur Schlüsselfigur in einem alles bedrohenden Konflikt geworden ist. Ein unglaubliches Verbrechen hat den Frieden der Welt erschüttert: Elrysjar, die magische Halbkrone der Moorelfen, wurde von einem Menschen gestohlen! Als ihr Träger ist er unverwundbar und erlangt die blinde Ergebenheit aller Moorelfen. Verführt von seiner neuen Macht, hat der geheimnisvolle Menschenkönig bereits eine Armee Grauer Krieger um sich geschart, um die Welt mit seiner Schreckensherrschaft zu überziehen. Nur eine Waffe kann ihm Einhalt gebieten – geschmiedet aus der zauberkräftigen Halbkrone der Freien Elfen, die dem neuen König noch nicht Untertan sind.
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
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Ein kleiner Junge war durch die Gassen des Viertels gelaufen. Er trug keine Schuhe und hatte von Steinen und Straßenschmutz zerschundene Füße. Am Morgen dieses heißen Sommertages, an dem selbst die Fliegen matt an den Hauswänden herumkrabbelten, war seine Mutter gestorben.

Er lief schon seit einigen Stunden so vor sich hin, immer weiter fort von dem muffigen kleinen Zimmer, in dem die tote Frau lag. Wahrscheinlich hatten das Essen, das schmutzige Wasser sie dahingerafft, vielleicht war es eine Seuche gewesen. Scapa trauerte nicht. Trauer war, das wusste er, ein Luxus für die Reichen. Außerdem hatte seine Mutter nicht selten zugeschlagen. Nein, traurig war er nicht, und doch ... er fühlte sich alleine, stand plötzlich verloren und barfuß in der Welt. Es war ein beängstigendes Gefühl.

Er kam zu einem Markt. Menschen und Elfen strömten an ihm vorüber, Blicke streiften ihn, ohne dass jemand ihn wahrnahm. Eine Weile beobachtete er das rege Treiben. Ihm war klar, dass er weder Geld noch Arbeit hatte und ohne beides nur betteln konnte. Oder er konnte das Risiko wagen und es wie die anderen machen, die in seiner Lage waren: Er konnte stehlen.

Langsam kam er auf einen Stand zu, Stoffe, Gürtel, Kleider und Schuhe häuften sich auf den Warentischen und hingen von der bunten Stoffplane herab.

Langsam, langsam näherte er sich dem Stand, wie ein Hund sich einem Knochen nähern würde, den ein Fremder ihm entgegenhält.

Der Händler hinter den Tischen schwatzte so aufgeregt mit einem Kunden, dass silbrige Schweißperlen auf seiner Stirn glitzerten. Er sah Scapa überhaupt nicht. Es würde ganz einfach sein. Nur ein Griff. Ein kleiner Griff und dann rennen.

Scapa stand zitternd am Rand des Standes. Für einen Moment war er sich nicht sicher, ob er nicht vor Schreck wie erstarrt stehen bleiben würde; prüfend trat er von einem Fuß auf den anderen. Sollte er es jetzt wagen?

Er warf unauffällig einen Blick nach allen Seiten.

Niemand sah zu ihm herüber. Oder? Er blickte wieder zum Händler. Wie schnell würde der merken, dass Scapa etwas gestohlen hatte – würde er ihm gar folgen?

Plötzlich drehte sich der Händler zu ihm um. Einen Herzschlag lang sahen sie sich in die Augen.

Scapa schoss das Blut ins Gesicht, ihm war, als stünde ihm sein Vorhaben auf die Stirn geschrieben. Ohne nachzudenken, schnappte er sich ein Stiefelpaar vom Tisch und flitzte davon.

»He! Dieb! Dieb! Dieb ...« Die wilden Rufe des Händlers verloren sich hinter ihm. Während er durch die dichte Menge sprintete, streckte er die Hand aus und klaute im Rennen einen Dolch – nur zur Sicherheit, zur Sicherheit –, falls man ihn verfolgte. Er hatte noch nie eine Waffe gehalten. Mit dem Dolch hätte er sich so gut verteidigen können wie mit einem Löffel, das stand fest. Und es war ein Glück, dass er den Dolch an diesem Tag nicht gebrauchen musste.

Nach einer Weile kam Scapa keuchend zum Stehen und krabbelte in ein altes Fass, das zwischen Hausmauern am Straßenrand lag. Die gewohnten Geräusche der Stadt umgaben ihn. Und als er seine neuen Schuhe anzog – Schuhe, die ihm viel zu groß waren und erst passten, als sie längst Löcher hatten –, war er einer der unzähligen Straßendiebe von Kesselstadt geworden.

»Bitte sehr, gnädige Dame. Lasst es Euch schmecken.« Scapa überreichte Arane mit einer galanten Handbewegung den Wassereimer. Lächelnd setzte sie sich auf; sie mochte es, wenn Scapa so mit ihr sprach. Arane trank lange, denn die Hitze machte durstig. Dann stellte sie den Eimer wieder ab, schöpfte mit der hohlen Hand Wasser heraus und wusch sich das Gesicht. Danach schien sie einigermaßen wach, stand auf und schüttelte sich die nassen Haare aus der Stirn.

»Und jetzt gehen wir zu Afarell«, sagte sie.

»Der Schlüsselbund noch.«

Sie deutete an ihren Gürtel, an dem ein Leinenbeutel festgebunden war. »Ist schon drin.«

Gemeinsam verließen sie das kleine Haus. Im Grunde war es kein wirkliches Haus mehr; die oberen Stockwerke waren zerstört worden bei einem der Brände, die es in Kesselstadt täglich gab. Man hatte jedoch übersehen, dass ein Zimmer im Erdgeschoss heil geblieben war, und Arane und Scapa hatten es bezogen, bevor einem anderen der vorteilhafte Schlafplatz aufgefallen wäre. Inzwischen waren auch die Nachbarhäuser wieder bewohnbar gemacht, und über dem niedergebrannten Haus hatte man eine Terrasse angelegt, auf der im Sommer Straßenkinder und Bettler übernachteten.

Scapa und Arane gingen durch die schmale Gasse und erreichten eine Pflasterstraße. Ein Ochsengespann kam ihnen entgegen und sie mussten zur Seite weichen – der Besitzer des Wagens war zweifellos ein ahnungsloser Neuankömmling. Mit vier Rädern und einem Ochsen kam man in Kesselstadt schwer voran. Als der Wagen vorbeirumpelte, warf Scapa einen Blick unter die Wagenplane: Obst häufte sich dort in wunderbar vollen Strohkisten. Als die Plane wieder zugefallen und das Ochsengespann vorbeigezogen war, hielt Scapa Arane einen Pfirsich hin und biss herzhaft in einen zweiten.

Während sie frühstückten, liefen sie weiter ihres Weges. Eine zerzauste graue Katze kam ihnen entgegen und strich Arane schnurrend um die Beine. Im Schatten eines Hauses suchten sich zwei magere Hunde Essen aus Abfällen. Kaum ein paar Schritte weiter stand ein bunt gekleideter Moorelf und bot Welpen feil. An der nächsten Hausecke saßen Männer und Moorelfen um ein altes Holzfass und spielten Karten.

Scapa und Arane sprangen über blaue und grüne Pfützen hinweg, als sie unter den Wäscheleinen der Färber vorbeikamen. Über ihnen spannten sich violett tropfende Leinentücher und Hemden über die enge Straße, und sie mussten Acht geben, kein Färbemittel abzubekommen. Ein paar Kinder kamen angehuscht und schöpften mit verbeulten Eimern aus den Pfützen. Man nannte die Kinder, die die Reste des Färbemittels von den Straßen aufsammelten und damit selbst Kleider färbten (von schlechterer Qualität natürlich und zu einem wesentlich geringeren Preis) Regenschöpfe. Weil sie sich ständig unter den gefärbten Stoffen aufhielten, hatten sie unzählige bunte Spritzer in Gesicht und Haaren und erinnerten an die wilden Stämme der Moorelfen, die sich mit Schlamm bemalten. Viele der Kinder waren sogar elfischen Geblüts. Eines von ihnen fletschte die Zähne und knurrte, als Scapa und Arane vorbeikamen – hier war sein Territorium. Rasch hüpften die beiden über die letzten Pfützen, ein Tropfen fiel auf Arane herab und malte ihr eine violette Träne auf die Wange.

Hinter den Färbereien schraubte sich eine breite Treppe weiter hinab in die Tiefen der Stadt. Es gab viele solcher Treppen – und das aus gutem Grund: Sie waren leichter zu nehmen als die Straßen, die zum Teil so steil waren, dass viele sie für schier unbegehbar hielten. Die alten Steinstufen, die Scapa und Arane hinabliefen, waren platt getreten und an einigen Stellen zerbröckelt. Links und rechts erhoben sich Häuser und sogar Türme, so klein und schief, dass sie bestimmt unbewohnbar waren. Schräge Balkone und Terrassen beugten sich über die Treppe, manche von ihnen waren bereits so durchgebogen, dass sie jeden Augenblick einzustürzen drohten. Tatsächlich kamen solche Einstürze oft vor und versperrten danach ganze Treppenfluchten, bis die Leute kamen, um ein paar Ziegelsteine und Holzbretter für sich zu ergattern und den Weg dadurch wieder frei zu räumen.

Am Ende der Treppe bogen Scapa und Arane um eine Straßenecke und standen plötzlich in goldenem Sonnenlicht. So war das oft in Kesselstadt: An manchen Orten konnte es zu jeder Tageszeit nachtfinster bleiben, und mit einem Mal trat man in einen einzigen gleißenden Lichtstrahl, der sich bis hinab in die tiefsten Viertel verirrt hatte. Vor ihnen eröffnete sich ein Markt. Um die pralle Sonne abzuschirmen, waren weite helle Tücher von Hausdach zu Hausdach gespannt worden, und die Luft vibrierte mit dem Schlagen der Papierfächer, die vor den schwitzenden Gesichtern der Leute auf und ab tanzten.

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