Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Was aber die Behandlung und die Arzneien betrifft, so befolgten die Leichtkranken, soweit ich feststellen konnte, die ärztlichen Verordnungen nicht und nahmen auch die Arzneien nicht ein; aber die Schwerkranken wie überhaupt die wirklich Kranken ließen sich sehr gern behandeln und nahmen mit großer Pünktlichkeit ihre Mixturen und Pulver ein; besonders gern mochte man bei uns die äußeren Mittel. Schröpfköpfe, Blutegel, heiße Umschläge und Aderlässe, die bei unserem einfachen Volke so sehr beliebt sind und an die es so unerschütterlich glaubt, wurden bei uns gern und sogar mit Vergnügen genossen. Mich interessierte ein sonderbarer Umstand. Diese selben Menschen, die die entsetzlichen Schmerzen unter den Ruten und Stöcken so geduldig ertrugen, jammerten, klagten und stöhnten sogar bei einem paar Schröpfköpfen. Ob sie hier so verzärtelt worden waren oder einfach Komödie spielten, vermag ich nicht zu erklären. Allerdings waren unsere Schröpfköpfe von besonderer Art. Der kleine Apparat, mit dem die Haut in einem Augenblicke durchschnitten wird, hatte der Feldscher vor undenklichen Zeiten verloren oder verdorben, oder vielleicht war er von selbst kaputt gegangen. So mußte man die notwendigen Einschnitte mit der Lanzette machen. Mit dem Apparat tut es gar nicht weh: die zwölf kleinen Messer schlagen plötzlich und gleichmäßig ins Fleisch, und man spürt daher keinen Schmerz. Aber das Einschneiden mit der Lanzette ist eine andere Sache. Die Lanzette schneidet verhältnismäßig langsam, und man spürt den Schmerz; da man aber bei zehn Schröpfköpfen hundertzwanzig solche Einschnitte machen muß, ist das Ganze natürlich sehr empfindlich. Ich habe es selbst erprobt; es war zwar sehr schmerzhaft und unangenehm, aber immerhin nicht so schlimm, daß man sich nicht des Stöhnens enthalten könnte. Es war sogar komisch, manchem großen, kräftigen Kerl zuzusehen, wenn er sich vor Schmerzen wand und zu greinen anfing. Diese ganze Erscheinung läßt sich übrigens mit einer anderen vergleichen: mancher charakterfeste und in ernsten Dingen sogar ruhige Mensch fängt bei sich zu Hause vor lauter Nichtstun Grillen und macht Geschichten, will die ihm angebotenen Speisen nicht essen, schimpft und flucht; nichts will ihm passen, alle ärgern ihn, alle behandeln ihn grob, alle quälen ihn, mit einem Worte, er ist vor lauter Fett toll geworden, wie man von solchen Herren zu sagen pflegt, die übrigens auch im gemeinen Volke vorkommen; in unserem Zuchthause kamen sie aber beim engen Zusammenleben sogar allzu häufig vor. Manchmal fing man in einem der Krankensäle einen solchen Zärtling zu necken an, mancher schimpfte ihn sogar einfach aus; jener wurde sofort still, als hätte er nur darauf gewartet, daß man ihn ausschimpfe, damit er verstummen könne. Solche Geschichten konnte am allerwenigsten Ustjanzew leiden, und er ließ sich keine Gelegenheit entgehen, mit so einem Zärtling Streit anzufangen. Er ließ überhaupt keine Gelegenheit vorüber, sich in Händel einzulassen. Das war für ihn ein Genuß, ein Bedürfnis, natürlich infolge seiner Krankheit, zum Teil auch infolge seiner geistigen Beschränktheit. Er pflegte in solchen Fällen den Betreffenden erst unverwandt und ernst anzusehen und ihm dann mit ruhiger Stimme und Überzeugung eine Predigt zu halten. Alles war seine Sache; als hätte man ihn angestellt, um über die Ordnung und die allgemeine Moral zu wachen.
»Um alles kümmert er sich,« sagten manchmal die Arrestanten lachend. Man schonte ihn übrigens und vermied es, mit ihm zu streiten, sondern machte sich über ihn nur manchmal lustig.
»Wieviel er zusammengeredet hat! Das kann man auch nicht mit drei Fuhren wegschaffen.«
»Was habe ich denn zusammengeredet? Man darf doch nicht vor einem Dummkopf die Mütze ziehen. Warum schreit er so wegen der Lanzette? Liebst du kaltes Bier, so mußt du auch das Eis leiden.«
»Was geht es aber dich an?«
»Nein, Brüder,« unterbrach ihn einer von unseren Arrestanten, »die Schröpfköpfe sind noch nicht so schlimm; ich habe sie gekostet; es gibt keinen ärgeren Schmerz, als wenn man lange am Ohre gezogen wird.«
Alle lachten.
»Hat man dich denn schon am Ohre gezogen?«
»Was glaubst du denn? Natürlich hat man mich am Ohre gezogen.«
»Darum stehen dir die Ohren auch so ab!«
Dieser kleine Arrestant, namens Schapkin, hatte tatsächlich ungewöhnlich lange, auf beiden Seiten abstehende Ohren. Er gehörte zu den Landstreichern, war ein noch junger, tüchtiger und stiller Bursche und sprach immer mit einem eigentümlichen, versteckten Humor, was manchen seiner Erzählungen viel Komisches verlieh.
»Warum hätte ich glauben sollen, daß man dich am Ohre gezogen hat? Wie soll ich darauf kommen, du Dickschädel?« mischte sich wieder Ustjanzew ein, sich empört an Schapkin wendend, obwohl jener gar nicht zu ihm, sondern zu allen gesprochen hatte; Schapkin sah ihn aber nicht einmal an.
»Wer hat dich denn am Ohre gezogen?« fragte jemand.
»Wer? Natürlich der Isprawnik. Es war, als ich mich als Landstreicher herumtrieb, Brüder. Wir kamen damals nach K., wir waren unser zwei, ich und ein anderer, gleichfalls ein Landstreicher, ein gewisser Jefim ohne Familiennamen. Unterwegs hatten wir bei einem Bauern im Dorfe Tolmina unsern Schnitt gemacht. Es gibt so ein Dorf Tolmina. Wir kommen also nach K. und sehen uns um, ob wir nicht auch hier unsern Schnitt machen und dann verduften könnten. Im Felde fühlt man sich frei, in der Stadt hat man aber bekanntlich immer Angst. Vor allen Dingen gehen wir in eine Kneipe und sehen uns um. Da geht auf uns so ein heruntergekommener Kerl zu mit durchlöcherten Ellbogen, in städtischer Kleidung. Ein Wort gibt das andere.
›Wie steht es bei euch, wenn ich fragen darf, mit den Papieren?‹
›Wir haben,‹ sagen wir, ›keine Papiere.‹
›So. Auch ich hab keine. Ich habe hier noch zwei Freunde,‹ sagt er, ›die dienen auch beim General Kuckuck.Das heißt im Walde, wo der Kuckuck ruft. Er will damit sagen, daß auch sie Landstreicher sind. Anm. Dostojewskijs. Also erlaube ich mir die Bitte: wir haben ein wenig gebummelt und sitzen augenblicklich auf dem Trockenen. Wollt ihr uns nicht für eine halbe Flasche Schnaps spendieren?‹
›Mit unserem größten Vergnügen,‹ sagen wir ihm. So tranken wir zusammen. Und da machten sie uns auf eine Sache aufmerksam, auf einen Einbruch, also etwas von unserem Fach. Am Rande der Stadt stand ein Haus, darin wohnte ein Kleinbürger, ein reicher Mann; also nahmen wir uns vor, ihn nachts aufzusuchen. Bei diesem reichen Kleinbürger wurden wir nun alle fünf in dieser selben Nacht erwischt. Man brachte uns aufs Revier und führte uns vor den Isprawnik in eigener Person. ›Ich will sie selbst vernehmen,‹ sagte er. Er kommt mit seiner Pfeife zu uns heraus, man trägt ihm eine Tasse Tee nach, ist ein kräftiger Kerl mit Backenbart. Er setzte sich. Außer uns hatte man aber noch drei andere Landstreicher hingebracht. Ein komischer Mensch ist so ein Landstreicher, Brüder: er kann sich auf nichts besinnen, und wenn man ihm auch den Schädel einschlägt; er hat alles vergessen und weiß von nichts. Der Isprawnik wendet sich zuerst an mich. ›Wer bist du?‹ Es klang so hohl, wie aus einem Fasse. Natürlich sage ich dasselbe wie alle: ›Ich kann mich auf nichts besinnen, Euer Hochwohlgeboren, ich habe alles vergessen.‹
›Wart,‹ sagt er, ›ich werde mit dir noch reden, deine Visage kommt mir bekannt vor.‹ Dabei glotzt er mich an. Ich habe ihn aber vorher noch nie gesehen. Dann wendet er sich an einen andern: ›Wer bist du?‹
›Reißaus, Euer Hochwohlgeboren.‹
›Heißt du so: Reißaus?‹
›Ja, ich heiße so, Euer Hochwohlgeboren.‹
›Na, gut, Reißaus. Und du?‹ fragt er einen dritten.