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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Es war zwecklos, mit Irina zu diskutieren. Sie saß jetzt oben in ihrem Zimmer und hörte Wyssozki. Das ganze Haus dröhnte davon. Noch immer glaubte Kurt das durch Türen und Fenster dringende Brüllen zu hören. Als brüllte da jemand um sein Leben. Eine Unglücksmusik, dachte Kurt. Eine Musik — wenn man es Musik nennen wollte — , die Irina dazu diente, sich in ihr Unglück hineinzusteigern, das war es, was Kurt missfieclass="underline" dieser Drang, sich ins Unglück hineinzusteigern, den Irina neuerdings, nachdem sie jahrelang nichts von ihren russischen Wurzeln hatte wissen wollen, mit ihrer ruhsischen Selle in Zusammenhang brachte.

Hinzu kam der Alkohol — ein Stoff, dem die ruhsische Selle ohnehin in einem besonderen Maße zugeneigt schien. Zwar hatte Irina, anders als er selbst, schon von jeher kräftig getrunken, allerdings war es bisher immer eine Art «gesellschaftliches» Trinken gewesen. Dass sie sich in ihr Zimmer zurückzog und sich, Wyssozki hörend, in aller Einsamkeit betrank, war eine ziemlich neuartige Erscheinung. Gewiss war sie keine Alkoholikerin: Manchmal trank sie tagelang oder sogar wochenlang nicht. Und doch beunruhigte es Kurt, wenn er an die schier unbeherrschbare Kettenreaktion dachte, die ein einziger Kognak bei ihr auslösen konnte.

Diesen einen einzigen Kognak hatte Kurt ihr — nach der Nachricht von Saschas Flucht — nicht verwehren können. Aber kaum dass sie diesen einen einzigen Kognak getrunken hatte, hatte sie mit Vehemenz einen zweiten (und letzten) verlangt. Danach hatte sie begonnen, in fast unflätiger Weise über Catrin herzuziehen, die sie (vielleicht nicht vollkommen zu Unrecht) verdächtigte, Sascha zur Flucht überredet zu haben. Den dritten Kognak goss sie sich selber ein und drohte fast handgreiflich zu werden, als Kurt ihr die Flasche wegnehmen wollte. Nun fehlte nur noch, dass Kurt sie, um ihre Verzweiflung zu mildern, vorsichtig daran erinnerte, dass auch sie, da sie bereits über sechzig, also im Rentenalter war, das Recht hatte, ihren Sohn im Westen zu besuchen — und ihre Wut wendete sich gegen ihn, Kurt, weil er ihr zumuten wollte, ihren Fuß über die Schwelle dieser Frau zu setzen, und schließlich, nach dem vierten Kognak, sogar gegen Sascha, an dem sie sonst nie etwas Schlechtes zu finden bereit war: Mein Sonn hat mich verratten, hieß die Formel, in der ihre Enttäuschung ihren endgültigen Ausdruck fand, und wenngleich Kurt einen Hauch von Genugtuung darüber verspürte, dass auch Sascha einmal etwas abbekam, hatte er tapfer Einspruch erhoben und wenigstens diese einfache Wahrheit vor Irinas vernichtenden und selbst für ihre Verhältnisse beeindruckend irrationalen Attacken zu verteidigen versucht: dass Saschas Flucht sich ja nicht gegen sie persönlich richte! Daraufhin hatte Irina sich mit dem Rest der Flasche und der merkwürdigen Drohung, sich einen Hund anzuschaffen, in ihr Zimmer zurückgezogen, und Kurt hatte sich Bratkartoffeln gemacht.

Das heißt, er hatte versucht, sich Bratkartoffeln zu machen. Dummerweise waren die in Scheiben geschnittenen Kartoffeln am Pfannenboden angebacken und beim Wenden zerbrochen, sodass die am Boden klebenden Inseln nach einer Weile zu rauchen begannen. Um das Ganze zu retten, hatte er zwei Eier dazugetan: Katastrophe mit Ei, so nannte er das Gericht. Und so schmeckte es auch.

Warum machte Irina eigentlich nie Bratkartoffeln? Mit Spiegelei. Mochte er seit seiner Kindheit. War ihr das zu profan? Und wieso, fragte sich Kurt, während er Zeit genug hatte, den Feuerwanzen auf dem buckligen Neuendorfer Gehweg auszuweichen, wieso sprach sie eigentlich, von Belehrungen unbeirrt, seit dreißig Jahren alle langen Vokale im Deutschen kurz und alle kurzen umgekehrt lang aus: Ruhsische Selle …

— Er wollte mich ja heiraten, sagte Nadjeshda Iwanowna plötzlich.

Kurt wusste nicht gleich, ob sie mit ihm oder sich selbst sprach. Es stellte sich heraus, dass sie Irinas Vater meinte, von dem Irina (die ihn allerdings im Leben nur einmal und nur von weitem gesehen hatte) behauptete, dass er Zigeuner gewesen sei. Was Nadjeshda Iwanowna jedoch abstritt. Zuverlässig war keine der beiden Quellen. Irina neigte dazu, die Welt so zu sehen, wie sie sie sehen wollte, während Nadjeshda Iwanowna, die ja praktisch Analphabetin war, nur ein äußerst fragmentarisches Bewusstsein von den Ereignissen hatte, die rings um sie geschehen waren: Kollektivierung, Bürgerkrieg, Revolution — Kurt hatte Mühe, ihre Berichte nach verlässlichen Anhaltspunkten zu ordnen. Und dass Nadjeshda Iwanowna jetzt, während sie zu Wilhelms Geburtstag schritten, von einer Stadt zu sprechen begann, in die sie gezogen sei, verwirrte ihn sogar für einen Moment:

— In welche Stadt denn, fragte er.

Tatsächlich meinte sie Slawa.

Kurt sah «die Stadt» vor sich: die Schotterstraße, die übermannshohen Bretterzäune links und rechts, hinter denen sich schiefe, eingeschossige Holzbohlenhäuser duckten — eine Siedlung von nicht ganz neuntausend Einwohnern, flach zwischen die Sümpfe gebaut: der Arsch der Welt, dachte Kurt. Es gab wohl kaum einen Ort, der dreckiger, hässlicher, unwirtlicher war als dieses verdammte Nest, in dem er — nach Beendigung seiner Haftstrafe — noch sieben Jahre als sogenannter ewig Verbannter zugebracht hatte. Allerdings, wenn er davon absah, dass er (übrigens ziemlich regelmäßig einmal im Monat) das große Heulen bekommen hatte, wenn er gewahr wurde, wie die Zeit verstrich, ohne dass sich die Aussicht auftat, jemals wieder ein richtiges, ein normales Leben beginnen zu können — wenn er davon absah, musste er zugeben, dass es sogar in dem Drecksnest Gutes gegeben hatte.

Zum Beispiel die erste Suppe, die Irina für ihn gekocht hatte: Erbsensuppe aus der Tüte oder, genauer, aus dem Paket (frische Erbsen hatte es nicht gegeben). Wie köstlich! Auch wenn sie sich später, als Irina noch einmal so ein Paket aus Slawa mitbrachte, als kaum genießbar erwies …

Oder morgens schwimmen im Fluss.

Oder die weißen Nächte, wenn man bis zum Sonnenaufgang zusammen am Feuer saß und allmählich die Zeit zu verlieren begann … Auf ewig verbannt waren sie alle: eine Versammlung der Ewigkeiten. Wie lustig man sein konnte aus lauter Verzweiflung.

Oder die ersten Fotos, die Irina und er gemacht hatten. Den Fotoapparat hatte ihnen Sobakin aus Swerdlowsk mitgebracht, Entwickler hatten sie sich aus Pottasche und, wie hieß das Zeug, Natriumsulfit gemischt, und zwar, da die Verhältnisse genau stimmen mussten, unter Zuhilfenahme einer selbstgebastelten Balkenwaage sowie einiger als Gewichte dienender russischer Kopeken — und Kurt, der bei den «ersten Fotos» vor allem an bestimmte erste Fotos dachte, an die ersten, wie soll man es nennen, nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Fotos, erinnerte sich jetzt, während er mit Nadjeshda Iwanowna am Arm zu Wilhelms Geburtstag schritt, ziemlich genau an den Moment, als auf dem Blatt, das im selbstgemischten Entwickler schwamm, die Konturen heraustraten, zaghaft zuerst, kaum deutbar, kaum wusste man, wo oben und unten war, bis vor dem dunkler werdenden Hintergrund plötzlich — weiß und mächtig — Irinas Hüften hervorsprangen: So aufregend, dieser Moment, dass sie vergaßen, das Blatt ins Fixierbad zu legen, und stehend in der Dunkelkammer übereinander herfielen … Schade, dachte Kurt, dass sie die Fotos vor der Ausreise aus der Sowjetunion hatten vernichten müssen.

Andererseits: Wer weiß, vielleicht war es wie mit der ersten Tütensuppe nach zehn Jahren Lager. Ohnehin mochte Irina von solchen Dingen (wie sie es neuerdings nannte) nicht mehr viel wissen. Ja, sie begann sogar alles, was sie einmal als erotisch und lustvoll empfunden hatte, mehr und mehr abstoßend und niedrig zu finden: eine Art rückwärtsgewandte Schwarzseherei. War das auch ihre ruhsische Selle? Oder war es die Eierstockoperation? Wie dem auch sei — das Leben mit Irina war auf einmal schwierig geworden. Und die Tatsache, dass Sascha im Westen war, würde es kaum leichter machen.

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