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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Aufgrund meiner neu entdeckten positiven Regungen für meinen Onkel will ich ihm auf keinen Fall unrecht tun — und ich möchte nicht, daß mich meine lieben Cousinen, Onkels Töchter, irgendwann verfluchen und zum Teufel schicken — in eine Hölle, die von sadistischen Weibsbildern betrieben und von versklavten Onkelknechten am Laufen gehalten würde. Ich tue schon etwas Gutes, denke ich, wenn ich über diesen Mann schreibe. Ohne diese Aufzeichnungen würde es heute nicht mal ein kleines Restchen meines kolossalen Onkels geben, weil nach seinem Tod alle seine angesammelten Schätze — aber auch Fotos und alles Schriftliche — in den Müll wanderten. Leider begehe ich mit meiner sich steigernden Hinwendung aber auch ein kleines Verbrechen. Es war ein eindeutiger Wunsch von ihm, nicht nur kostenneutral und grablos, sondern auch ganz und gar namenlos aus dieser Welt zu verschwinden, sich also schnellstens in pulverisierten Dünger unserer Felder und Wiesen zu verwandeln. Strenggenommen bedeutete das in seinen Vorstellungen, denke ich, daß er absolut KEINE ERINNERUNGSRÜCKSTÄNDE zurücklassen wollte. Das mindeste, woran ich mich in diesem Text unbedingt halten muß: Onkels wahrer Name wird nicht verraten. Ich bleibe bei dem neutralen, dafür gedoppelten Tarnnamen.

In diesem Verschwindenwollen steckte natürlich etwas Feiges. Zu Lebzeiten war mein Onkel dagegen — in handwerklicher Hinsicht jedenfalls — ein extrem mutiger Mann. Leider setzte er gleichzeitig seine partielle Clownsrolle durch diverse Mißgeschicke immer weiter fort — fast als wollte er der ihn umdrückenden Meinung, er sei irreparabel lächerlich, entgegenkommen und diese irgendwann auch endgültig besiegelt sehen. Trotzdem führten seine fleischigen Zauberhände in der Wohnung eine Art Parallelexistenz, und sie blieben über Jahre trotz Onkels angeblich angeborener Faulheit grenzenlos geschickt.

Mein Onkel, dieser entthronte Leithammel, der für unsere Gemeinschaft lebensnotwendig war, führte lange Jahre alle schwierigen und hochqualifizierten Arbeiten — wenn er in Gang kam — grundsätzlich ein-mann-diktatorisch aus. Jedenfalls so lange, bis er den tobenden Sackgassenkampf gegen die Frauen, aber auch den Kampf gegen seine eigene Trägheit verlor. Er versteifte besonders effektvoll, wenn er bockig war, und in der Versteifung war es für ihn sicherlich am ökonomischsten, seine Einsiedlerruhe zu genießen, als gegen sie anzukämpfen. Irgendwann entdeckte er endlich, stelle ich mir vor, sein Bedürfnis nach Rückzug und Einkehr, lernte, seine innere Stille mit dem Dröhnen seines Fernsehers unter einen harmonieprallen Hut zu bringen. Er sprach mit der Zeit immer weniger und tat immer weniger. Und irgendwann wollte, sollte oder DURFTE er auch nichts mehr tun. Nachdem er in seinem Fernsehsessel (es war ein regelrecht königlicher OHRENSESSEL — ein durchgesessenes, milbenschwangeres und fleischgleich verfettetes Monster, das einem auch in Onkels Abwesenheit Furcht einflößte) definitiv versackt war, umpolsterte er sich vollständig, fraß sich eine ausdrucksarme Fettschicht im Gesicht an und baute leicht ab. Dann rührte er schon auf der Grundlage seiner hochgezüchteten Widerstandsethik sowieso nichts mehr an. Darüber konnte sich allerdings niemand von uns wirklich freuen — unsere Wohnung, die sich nach seinem letzten handwerklichen Großangriff nie wieder erholen sollte, füllte sich mit kaputten Geräten und schwärenden Schwachstellen. Diverse Probleme warteten nur darauf, sich zu Schwerpunkten chronischer Katastrophen aufzuschwingen.

— Bei mir brennt eine Birne nur manchmal, flimmert so. Und Ernas Steckdosen sind heiß.

— Ja, ja, ich mach's irgendwann.

— Nächstes Jahr?

— Vielleicht.

Nach und nach wurde ich — einfach aus Not — inoffiziell zu Onkels Nachfolger ernannt. Quälend war dabei, daß ich nicht nur von Onkels handwerklicher Kompetenz weit entfernt war, ich kam vor allem an sein Tempo und seine Entschlußkraft nie heran.

— Georg ist so langsam (aber süß), er ist so übergründlich (reizend, oder?), er baut für die Ewigkeit (wie rührend!), hieß es, wenn ich für kleinere Instandsetzungsarbeiten engagiert wurde und nach mehreren Tagen immer noch nicht fertig war.

Onkels erbitterter Kampf gegen die große Frauenschar durchlief eine wechselvolle Geschichte. Ein einstechendes Zwischenspiel in seinem Ohrensessel-Verwachsungsdrama bildete ein Arbeitsunfall, nach dem Onkel ONKEL etwas schlechter sehen konnte. Zum Verhängnis wurde ihm leider seine Begeisterung für neuartige Geräte, Werkzeuge oder neu erfundene Arbeitsutensilien. Als im Lande die ersten Teppichmesser auftauchten und unter Männern — manchmal nur anhand von Abbildungen — als eine sensationelle Innovation diskutiert wurden, besorgte sich mein Onkel bald ein ganz und gar reales Exemplar. Woher er seinen Cutter hatte, wußte niemand. Das Stück kann nur Importware aus dem kapitalistischen Ausland gewesen sein. Er zeigte uns allen — stolz und offenherzig — diese handwerkliche Wunderwaffe, schob die schräge und mit Bruchkerben versehene Klinge hin und her, also rein und raus aus dem schmalen Gehäuse. Dummerweise belastete er die Klinge ineiner Schwächesekunde auch seitlich und hatte nicht bedacht, daß gehärteter Stahl nicht auch noch biegsam sein kann. Ein Klingensegment brach bei diesem übermütigen Akt ab und schoß ihm direkt ins Auge. Onkel stürzte wie ein Verrückter in Ernas Küche, wo gerade einige Damen zu einer Beratung zusammengekommen waren, und schrie:

— He! He! Scheiß HCS-Stahl!

— HCS, was bedeutet HCS? fragten die Tanten.

Der Onkel versuchte mit seinem entsetzten Gesichtsausdruck den Ernst der Lage zu untermalen und zeigte auf seine Wange, um sein angestochenes Auge nicht zu verdecken, also für den nötigen Blickkontakt freizuhalten.

— Zahn abgebrochen?

— Hast du auf etwas Eisenhaltiges gebissen?

Die Segmentspitze steckte zum Glück nur in der Hornhaut, und Onkels Auge floß nicht aus. Sein technologisches Vorsprungswissen behielt er allerdings für immer für sich, weigerte sich eisern-stahlfest, uns die Abkürzung HCS zu erläutern. Sein Schweigen, wenn er gefragt wurde, seine Weigerungen, wenn er angefleht wurde — also seine NEINS — waren berüchtigt. Als Louis Armstrong in Prag war und sein Konzert live übertragen wurde, lehnte er es ab, den Fernsehapparat lauter zu stellen. Die ganze Familie saß vor seiner häßlichen Kiste, und meine Mutter versuchte ihm, ihrem Schwager und Kunstfremdling, mehrmals zu erklären, Jazz müsse laut gehört werden.

— Satchmo wird nicht noch einmal nach Prag kommen.

— Nein, er ist laut genug.

Viel Ärger und Streit gab es immer wieder wegen Onkels penetranter Raucherei. Alle haßten den Geruch seines tödlich starken, meist billigen bulgarischen Pfeifentabaks, baten ihn oder rieten ihm, aus gesundheitlichen Gründen mit dem Rauchen aufzuhören oder wenigstens die Tabaksorte zu wechseln. Manchmal ging man zu leeren Drohungen über, die sich Onkel gern rauchend anhörte.-Wenn ich ein eigenes Zimmer hätte, hätten wir alle unsere Ruhe.

Daß wir Ruhe gehabt hätten, war eine Illusion, was aber die Rauchbelästigung anging, durfte er sich tatsächlich unschuldig fühlen. Sein Rauch verbreitete sich in der Stratosphäre seiner Schrankburg relativ ungebremst und wurde mit jeder Türbewegung in die restlichen Räume gepumpt. Die durchlässigen Stellen, also die Lecks seiner Barrikade vollständig abzudichten war in der Tat unmöglich.

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