Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Dana und ich waren nicht als ein Paar gekommen, außerdem verkörperte Dana nach außen eher meine Familie, ersetzte sozusagen meine Mutter. Das anstehende Gesellschaftsspiel war, wie gesagt, nicht nur uns unangenehm — trotz aller Proteste wurde am Ende aber niemandem erlaubt, angezogen zu bleiben. Dana war überraschenderweise überhaupt nicht gelassen und über die Situation erhaben. So kannte ich sie gar nicht, sie litt sichtlich und vergab dadurch noch zusätzliche Schönheitspunkte. Was mich betrifft, hatte ich in erster Linie fürchterliche Angst vor akut drohender Dauerkrampf-Erektion. In meiner Brust zog sich unterdrückte Panik zusammen, meine leicht angelaufene Eichel brannte im Innern, meine sämtlichen Erektionsblut-Sperren und Samen-Schleusen warteten nur auf die entsprechenden Startschüsse. Dana hatte zwar keine schlechte Figur, war aber nicht die Jüngste, außerdem beanspruchten ihre Brüste zu wenig Luftraum. Und Brüste, die der Umwelt kein Volumen abzweigen, entfalten beim aufrechten Gang die naturgewollte Fernwirkung nur unzureichend — für die überwiegende ALLGEMANNHEIT jedenfalls (mein altes Thema seit den frühen Schultagen). Solche Brüste entsprechen der genetisch kodierten Zweckdienlichkeit also nicht ganz programmgemäß und werden daher nicht wirklich ernst genommen — egal, wie erigibel ihre Warzen oder wie milchproduktiv die in sie mündenden, an sich ausdehnungsbescheidenen Milchdrüsen sein sollten. Danas Körperhaltung war, wie ich jetzt feststellen mußte, auch nicht die beste, und ihre Backenzähne — wie ich wußte — waren teilweise böse dezimiert. Das sah man ihr zum Glück aber nur dann an, wenn man sie bei ihren Kaumanövern genauer beobachtete. Wieso Yvettes straffe Haut jetzt schon so gleichmäßig bräunlich aussah, war mir schleierhaft. Dana und ich waren weiß, zwischen Danas schmalen Schenkeln klaffte eine luftige Lücke, mein Rücken war übersät mit beuligen Pickeln.
Dana hatte gegen Yvette absolut keine Chance, meine Chancen bei Yvette waren gleich null, Dana und ich fühlten uns wie zwei Wracks kurz vor einem Ausrangierungsverdikt. Dana sammelte mit der Zeit etwas Mut zusammen und behauptete sich auf dem Fleischjahrmarkt klugerweise einfach verbal. Sie verursachte mit ihren Zaubersprüchen allerdings zusätzliche Irritationen. Diese törnten die Männer natürlich gar nicht an, depotenzierten sie eher; Dana bekam auf diese Weise aber wenigstens auch attraktivere Männerexemplare gut in den Griff. Trotz ihres Minibusens und der Sichtlücke zwischen den Schenkeln.
— Die Zukunft nähert sich auf fremden Hörnern, Sie verstehen mich, nicht wahr? Wer fällt, wird nicht aufgespießt. Wer fällt, liegt zwar im Dreck, von unten aus dem Dreck kommen aber wenigstens die lila Erdbeeren — für mich allerdings ein Symbol für nur vermeintliche, dümmlich dämonisierte Gefahr. Kennt man von irgendwo, nicht? Von den Franzosen aus den Zwanzigern… oder?
— Na, ich weiß nicht.
— Nein, passen Sie auf! An dem figürlichen Wortbild stimmt doch etwas nicht — die Zukunft selbst ist mit Hörnern immer gut bewaffnet gewesen.
Auch andere Frauen konnten sich, da sie mit unendlich vielen Makeln besprenkelt, behangen und bepackt waren, mit Yvette absolut nicht messen und wären vor Scham sicheram liebsten unter den englischen Rasen gekrochen. Sie beobachteten dauernd ihre erschöpften und im Innern inzwischen nur aus Flüssigmagma bestehenden Männer, die dauernd auch noch andere — nicht nur Yvettes — glückversprechende Körperoberflächen musterten und einigermaßen spuckefrei über große Distanzen besabberten. Ich spreche hier natürlich auch über mich. Zur Auswahl gab es auf dem Gelände mehrere jüngere Schönheiten, sogar auch einige zarthäutige Mädchen mit noch frühlingsfrisch durchschimmerndem Schamhaar. Dana hatte auch mich gut im Blick. Irgendwann sollten wir alle in den Gemüsegarten kommen, um Salat und anderes Grünzeug für das gemeinsame Mittagessen zu holen. Der Gemüsegarten war als Ganzes natürlich auch eine Art Kunstwerk und Ausstellungsstück. Ich kam eher zufällig hinter Yvette zum Einsatz und konnte mein Glück nicht fassen, als sich diese göttliche Erscheinung plötzlich freiheraus bückte, um irgendwo etwas Unkraut zu jäten und auch an dieser Stelle die gestalterische Vollkommenheit herzustellen. Was ich dabei plötzlich und vollkommen unverhofft zu sehen bekam, kurierte mich auf einen Schlag. Daß mir Yvette ihren wunderbar pelzigen Fotzhügel entgegenstreckte und dabei ihre ganze Scham öffnete, war plötzlich zweitrangig. Ich sah, daß sie um den Anus herum irgendwelche Auswüchse, Wucherungen sitzen hatte, deren Existenz auf Menschenkörpern mir bis dahin vollkommen unbekannt war. Waren es äußere Hämorrhoiden? — Waren es Analprolapse? — Waren es Marisken?
Oder waren es Folgen einer mißglückten Operation? fragte ich mich — und das gleiche frage ich mich bis heute. Ich drehte mich instinktiv schnell weg, so daß ich noch mitbekam, wie sich ein ebenfalls stark abgelenkter und mit einem scharfen Spaten ausgestatteter Helfershelfer gefährlich verletzte. Er hatte seinen Spaten — verzweifelt durch seine unerfüllbare Ficksehnsucht, nehme ich an — in die Erde rammen wollen und hackte sich dabei beinah einige Zehen ab.Die Afteröffnung meiner zukünftigen Lebensgefährtin, überlegte ich mir hinterher, würde aussehen müssen wie ein zarter Babymund. Auf jeden Fall würde sie frei sein müssen von egal wie gearteten Kutteln.
Wie es nach diesem erotischen Foltertag zwischen mir und Dana weiterging, ist schnell erzählt. Als wir nach Hause kamen, wollte ich sie als erstes ins Bett bugsieren — und sie sagte wütend NEIN. Das war neu und bedeutete den totalen Bruch unserer einvernehmlich festgebumsten Regeln. Weil wir aber innerseelische Dinge generell nicht gewohnt waren zu besprechen, verlief auch der an diesem Tag eingeläutete Trennungsprozeß vollkommen wortlos. Auch wenn folgendes damit nicht unbedingt zusammenhängt: Beim Fellatio hatten ihre Lippen und ihre Zunge ähnlich artikulationsschwach agiert. Unser Sex hatte inzwischen sowieso etwas Rituell-Maschinelles, und ich war während unserer gemeinsamen Zeit — was das Sprechen betrifft — eher auf das Zuhören spezialisiert. Zwischen uns kam es also zu keiner Aussprache, der weitere Gang der Dinge blieb offen, bedeutete im Grunde aber das Ende. Ich hörte irgendwann auf, Dana zu besuchen, von ihr kamen keine einladenden Signale. Wer von uns in den nächsten Monaten sexuell mehr litt, weiß ich nicht. Wenn wir uns begegneten, gaben wir uns einfach die Hand.
sein auge blieb trocken, floß nicht aus
Den Penis meines Onkels habe ich als Kind nur ein einziges Mal gesehen. An dem Tag und in dem Augenblick war er besonders klein und schrumpelig gewesen, deswegen auch überraschend dunkelhäutig, und sah wie eine Kackwurst aus, die an einer falschen Stelle herausgekommen war. Mein Onkel konnte zu allem Unglück kein»?«aussprechen. An sich hat es im Land der Tschechen und Mähren nie als ein Verbrechen gegolten, trotzdem quälen sich die meisten der NUR-28-Konsonanten-Sprecher in der Kindheit mit seltsamen Sprechübungen, um wegen des fehlenden neunundzwanzigsten Mitlauts nicht aufzufallen. Manche lernen es trotzdem nie und benutzen ihr Leben lang ein gequältes Ersatz-»?«. Auch einer unserer Präsidenten mußte sich mit dieser Konsonantenkrücke begnügen. Onkel ONKEL hatte bei uns von Anfang an — wie mehrfach geschildert — keinen besonders guten Stand. Er leistete sich immer wieder Fehlgriffe, die man nicht vergessen und die man ihm auch nie ganz verzeihen wollte. Wenigstens konnte man einige originelle Anekdoten — hinter Onkels Rücken versteht sich — mit Vergnügen zum Besten geben und Onkels schlechten Ruf in der Stadt auf diese Weise festigen. Als Tante Eva nach der Entbindung nach Hause kam und mit meiner ersten Cousine im Körbchen auf dem Treppenabsatz stand, hielt er ihr statt Blumen eine Schüssel mit kochendem Wasser entgegen. Sie sollte darin ihre Hände desinfizieren. Aber wie schon einmal angesprochen: Der körperwuchtige Onkel ONKEL rückt trotz allem mit würdiger Gewalt ins Zentrum meines Interesses und überschattet mit Leichtigkeit die eine oder andere liebenswürdige Tante. Und noch etwas anderes setzt sich dabei vorsichtig in Bewegung: Ich beginne mich mit meinem Onkel solidarisch zu fühlen. Beides hätte ich mir früher nicht träumen lassen. Als junger Mann soll Onkel ONKEL witzig und lebendig gewesen sein. Über seine Beiträge zur guten Laune wurde uns Kindern aber grundsätzlich nie etwas erzählt, keiner seiner Scherze ist Teil der familienkollektiven Überlieferung geworden. Viel später sagte ich mir in diesem Zusammenhang: Die Vorstellung, daß das Matriarchat eine bessere Welt hätte hervorbringen können, würde sich garantiert als illusorisch erweisen.