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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Wir hatten natürlich nicht verhütet. Sie hatte die Notwendigkeit dazu nie angesprochen, und bei uns zu Hause hieß es immer, Dana hätte früher sehr gern Kinder gehabt, wäre aber ganz und gar unfruchtbar. Und weil sie es sicher auch war, kümmerte sie sich gynäkologisch um gar nichts mehr. Eine derartige Lässigkeit fand ich großartig. Einen Schrecken jagte sie mir einmal aber doch ein, als sie kurz verlauten ließ, sie sei schon seit zwanzig Jahren nicht beim Frauenarzt gewesen — zu anderen Ärzten ginge sie schließlich auch nicht. Und obwohl klar war, daß unsere Familie eine ganze Schar beschnittener Gynäkologen hätte in Marsch setzen können, wollte sie darüber nichts hören.

— Jetzt geht es nicht mehr, die würden mit mir furchtbar schimpfen. Ich komme mit meinen Kräutern schon klar.

Bei Dana vergammelten nebenbei auch wertvolle Kunstwerke. Sie hatte von ihrem Vater, der Maler und Kunstsammler war, einige Bilder der tschechischen Moderne geerbt. Und ich ahnte lange nicht, daß die dunkel gewordenen und teilweise von Vögeln betröpfelten Bilder von bekannten Malern stammten. Kein Zufall, daß ausgerechnet Dana auf die Idee gekommen war, ihre eigenen Skulpturen mit Dreck zu bewerfen.

— Das da ist ein früher Filla, einen Späla habe ich auch, den sieht man jetzt hinter den Büchern aber nicht — ist mir sowieso zu bunt.

In irgendwelchen Koffern bewahrte sie außerdem einen Haufen Korrespondenz ihres Vaters aus der Vorkriegszeit auf. Später wollte sie alles dem Nationalen Literaturarchiv übergeben. In der aktuellen politischen Situation kam es für sie allerdings nicht in Frage.- Den Idioten gebe ich es nicht, überlasse es lieber meinen Mäusen oder am besten Wanderratten.

Die Möglichkeit, daß in naher Zukunft auch Dana mit Haut, Haar und Kleidung das Beuteziel irgendwelcher Zerfallsbeschleuniger werden könnte, schienen inzwischen auch einige wirbellose Tiere zu wittern, hatte ich das Gefühl — Motten und fliegende Ameisen stiegen in ganzen Formationen auf, Wespen wüteten oft scheinbar grundlos und ungewöhnlich laut, und verrückt gewordene Marienkäfer verbündeten sich manchmal mit Mücken und flogen in der Gegend regelrechte Angriffe auf alle warmblütigen Oberflächen.

Das Ende unserer sexuellen Beziehung brachten uns allerdings nicht irgendwelche Krankheiten, meine Ängste oder mein wach gewordener Sinn für Hygiene, dieses Ende wurde bei einem Ausflug zu Danas Bekannten im Nachbardorf eingeläutet. Diese besaßen ein berüchtigt schönes Anwesen, und sie veranstalteten dort manchmal Gartenfeste. Wir ließen die Tiere unser Dreckparadies bewachen und fuhren auf zwei furchterregenden Fahrrädern kurz entschlossen hin.

Vor einiger Zeit hatte mich der blinde Klaudius auf einige Bildhauer neugierig gemacht — und auf seine Meinung verließ ich mich gern. Kläda empfing in seinem Wohnzimmer den ganzen Tag gebildete und hochbegabte Besucher, ließ sich pausenlos alles Wichtige erzählen, beschreiben, vorlesen. Am Ende eines jeden Tages wußte er über vieles in der Welt wieder bestens Bescheid. Bei einem Treffen, das bei meiner Mutter stattfand, sagte er:

— Seltsamerweise haben wir momentan keine großen Maler. Alle wichtigen Schriftsteller publizieren nicht oder sind im Ausland, beim Film und im Theater können auch die begabtesten Leute nicht zeigen, was sie können. Nur die Bildhauer läßt man noch einigermaßen in Ruhe, und viele davon sind großartig, gehören wirklich zur Weltklasse.

Er nannte dann einige Namen, Danas Nachbar war dabei.Dana selbst hatte mir über ihren Kollegen nie viel erzählt. Sie lebte vollkommen anders als er, die beiden respektierten einander lediglich — mehr aber nicht. So wußte ich nur, daß der Gastgeber beruflich zu den nicht vollständig Ausgegrenzten gehörte und teilweise auch größere offizielle Aufträge bekam. Seine Frau Yvette war Malerin. Das Gehöft der beiden sollte ein Kleinod und Wunderwerk sein. Der abseits stehende Bauernhof war aber nicht einfach nur wunderschön, wie man schon von weitem sehen konnte, er war traumhaft ästhetisch gestaltet und auch ausgesprochen funktional ausgebaut. In der Scheune gab es zwei Ateliers. Englischer Rasen bedeckte das ganze Gelände und war auch in den letzten Winkeln kurz geschnitten und edeldicht. Eine saftige Brennessel für eine geschmacksfreie Brennesselsuppe sah man nirgendwo. Da und dort standen Plastiken aus Granit, dazwischen einige aus Holz. Die aus Holz waren riesig, und obwohl sie nicht gegenständlich waren, wirkten sie bedrohlich wie fleischfressende Drachen. Kunst entdeckte man überall. Aus dem Dach des Hauptgebäudes erhoben sich kleine Schreckgestalten — oder ihre Teile wie Hexenkrallen und Teufelshufe. Bei genauerem Hinsehen waren es aus Ton gebrannte Einzelstücke, deren Sockel wie Dachziegel geformt waren und sich zwischen die anderen Dachziegel schieben ließen. Aber auch die Wände des Hauses waren keine glatten Wände, man entdeckte — vor allem an den Ecken — unterschiedlich stilisierte Fratzen aus Sandstein. Sie waren fest eingemauert, drum herum war alles sauber verputzt. Dana zeigte mir einen Kopf, aus dessen Ohr und Auge eine Flamme herausschoß, mußte mir aber nicht weiter verraten, wer damit gemeint war.

Auch die unwichtigsten Nebengebäude waren bestens restauriert und solide mit Hilfe von Teer, Altöl und Kreide behandelt worden. An allen Außenwänden, auch an diesen Schuppen hing außerdem etwas Schönes, zur Kunst erhobenes Ready-Gemachtes oder Gemaltes. Dana und ich schauten uns oft an, ich dachte meistens an ihre grünen Dreckmänner.

Was uns bei dem Fest außerdem noch erwartete — also die Hauptattraktion — , konnten wir anfangs noch nicht ahnen. Der extrem sonnige und warme Frühlingstag brachte die sonnenverrückte Yvette auf die (spontane?) Idee, daß sich alle ausziehen sollten. Alle sollten vollkommen nackt herumlaufen, so wie Yvette es auf dem Grundstück auch oft tat — so oft, wie es nur ging. Es sprach rein praktisch nichts dagegen. Das Gehöft stand weit genug vom Dorf entfernt, das Grundstück war groß und außerdem zur Landstraße hin mit dichten Hecken abgeschirmt. Das nudistische Vorhaben machte trotzdem — wie man mitbekommen konnte — fast alle verlegen.

Der Gastgeber war ein bulliges Exemplar von einem resoluten Hammer-, Meißel- und Stemmeisen-Mann — , und daß er Alkoholiker mit ungesunder Gesichtshaut war, tat seinem beeindruckenden Äußeren keinen Abbruch. Gefeiert werden sollten allerdings nicht die beiden Gastgeber als das Hohe Paar — das eigentliche Ausstellungsstück des Tages sollte eindeutig Yvette sein, Yvette allein. Sie war viel jünger als ihr Mann und eindeutig das schönste Wesen weit und breit. An dem Tag sicher die schönste Frau auf Erden, das ideale Traumstück, das man sich für die Weitergabe der eigenen Gene vorstellen konnte. Und da sie sich als erste ausgezogen hatte, konnte es jeder beurteilen. Sie war makellos gebaut und besaß Brüste, an deren Proportionalität und Plazierung alles voller Harmonie war — wie bei einer griechischen Statue. Ihre Schultern hielt sie selbstverständlich gerade und stolz. Außerdem hatte sie eine riesige Lokkenmähne, angemessen buschige Venushügelbehaarung, und in der Hüfte war sie außergewöhnlich schmal. Da ihr Rücken aber eine saubere Gesamtgeometrie aufwies und ihre Wirbelsäule im Kreuz korrekt durchgedrückt war, waren ihre Arschwölbungen trotz ihres Knabenbeckens ausreichend markant. Zu meiner Beruhigung hätte ich an ihr gern etwas Unvollkommenes entdeckt, es war aber einfach unmöglich. Weil auch Yvette klar war, daß sie die Allerschönste war, strahlte und lachte sie pausenlos — und das machte sie natürlich noch anziehender, peitschte ihre Attraktivität in unerträgliche Höhen. An dem Tag begriff ich, warum mich schlanke Frauen mehr anzogen als dicke: Die schlanken und zierlichen Frauenkörper würden bei der Kopulation mit einem Penis gegebener Größe verhältnismäßig expansiver ausgefüllt als die dickeren.

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