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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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»Und es ist niemandem gelungen, sie zu rekonstruieren?« fragte Angela zweifelnd. »Mit all den Möglichkeiten, die Sie haben? Zahllosen Wissenschaftlern, unbegrenztes Geld, der modernsten Technik?«

»Selbstverständlich«, antwortete Mecklenburg. »Wir haben die Formel im letzten Molekül rekonstruiert. Aber sie wirkt nicht.«

»Ich habe etwas anderes erlebt«, sagte Bremer. »Ich erlebe es noch.«

»Ich weiß«, sagte Mecklenburg. »Wir haben die Formel ein dutzendmal überprüft. Es ist die gleiche Zusammensetzung. Aber sie wirkt nicht. Es war nicht nur die Droge, verstehen Sie? Es war...«

»Etwas in Marc Sillmanns Blut«, sagte Angela leise.

Mecklenburg nickte. »Ja. Irgendein unbekannter Faktor. Etwas, was durch die Azrael-Droge erst geweckt wurde. Weder sein Vater noch Löbach konnten es wissen, aber sie haben eine Droge zusammengemixt, die nur bei ihm gewirkt hat.«

»Weil sie Marcs Blut als Ausgangsstoff genommen haben«, vermutete Bremer.

»Ja. Azrael und irgendein unbekannter Faktor in Marcs Blut erschufen dieses ... Etwas.«

»Und nach Marcs Tod gibt es keine Möglichkeit mehr, eine zweite Azrael-Droge herzustellen«, sagte Angela.

»Ich fürchte, so einfach ist das nicht«, seufzte Mecklenburg - »Es ist ansteckend.«

»Ansteckend?« wiederholte Angela ungläubig. »Wie ... eine Krankheit?«

»Es überträgt sich durch Blutkontakt«, sagte Mecklenburg. »Gelangt es einmal in den Kreislauf eines Menschen, dann fängt dieser nach einer gewissen Zeit ebenfalls an, den Azrael-Wirkstoff in seinem Körper zu produzieren. Der Prozeß ist nicht umkehrbar. Das macht diese Droge so gefährlich. Die Männer, die damals hinter Marc und Herrn Bremer her waren, wußten das.«

»Und es war ihnen gleich?« Angela riß die Augen auf.

»Wo denken Sie hin!« antwortete Mecklenburg. »Sie sind vielleicht gewissenlos, aber nicht dumm. Dieses Zeug ist gefährlicher als eine Wasserstoffbombe! Die gesamte zivilisierte Welt versucht seit zwanzig Jahren vergeblich, AIDS unter Kontrolle zu bekommen. Können Sie sich vorstellen, was dieses Zeug anrichtet, wenn es unkontrolliert in Umlauf gelangt?«

»Das Jüngste Gericht«, murmelte Angela. Sie war sehr blaß geworden.

»So ungefähr«, bestätigte Mecklenburg. »Das Aufräumkommando war sehr gründlich, das kann ich Ihnen versichern. Der Keller, in dem Marc Sillmann und sein Vater starben, wurde sterilisiert, sämtliche Leichen an Ort und Stelle verbrannt und der einzige Überlebende unter allen nur vorstellbaren Sicherheitsvorkehrungen weggeschlossen.«

Angela sah Bremer an, sagte aber nichts dazu, sondern fragte: »Lassen Sie mich raten. Zu diesem Zeitpunkt wußten Sie noch nicht, daß Sie die Droge nicht rekonstruieren konnten.«

»Nein«, bestätigte Mecklenburg.

»Schade, daß ich ihre Gesichter nicht gesehen habe, als sie es begriffen haben«, sagte Angela.

»Anscheinend haben Sie mir nicht zugehört«, sagte Mecklenburg ernst. »Es ist gar nicht nötig, die Droge zu synthetisieren. Azrael ist noch da. Es gab einen Überlebenden. Er war infiziert.« Angela starrte Bremer an, und Mecklenburg schüttelte den Kopf. »Ich rede nicht von Herrn Bremer. Er war nicht der Überlebende.«

»Aber...«

»Ich war klinisch tot«, sagte Bremer. »Beinahe vier Tage lang.« Er wandte sich an Mecklenburg. »Dieser andere Überlebende...?«

»Sein Name war Haymar«, sagte Mecklenburg. »Einer von Sendigs Männern. Kannten Sie ihn?«

Bremer verneinte, und Mecklenburg fuhr fort: »Er wurde sehr schwer verletzt. Wir haben die letzten fünf Jahre damit zugebracht, ihn irgendwie am Leben zu erhalten.«

»Wir?«

»Ich«, gestand Mecklenburg. »Ich sagte bereits, daß ich es bedaure, mich je mit ihnen eingelassen zu haben.«

»Und warum haben Sie es getan?« Bremer sah sich demonstrativ um. »Geld?«

»Nein. Ich stamme aus einer ziemlich vermögenden Familie. Geld hat mich nie interessiert. Ich glaube, es war die Herausforderung. Die Chance, vielleicht das Geheimnis des Lebens selbst zu lüften.«

»Ist es Ihnen gelungen?« fragte Bremer.

»Moment mal«, sagte Angela. »Was soll das heißen: Du warst vier Tage klinisch tot? Niemand ist vier Tage klinisch tot und spaziert anschließend wieder herum!« Sowohl Mecklenburg als auch Bremer ignorierten sie.

»Sagen Sie mir, daß das, was ich gerade gehört habe, nicht das bedeutet, was ich glaube«, murmelte Bremer.

»Es hat fast fünf Jahre gedauert«, sagte Mecklenburg leise. »Aber wir standen kurz davor, den Azrael-Wirkstoff in seinem Blut zu isolieren. Nicht dieses Teufelszeug, das die Leute wahnsinnig macht, sondern das, wonach Löbach und Sillmann damals gesucht haben.«

»Das ist monströs«, sagte Angela. »Wie konnten Sie sich nur darauf einlassen?«

»Sie sind ziemlich naiv, mein Kind«, sagte Mecklenburg. »Haben Sie denn immer noch nicht begriffen, worüber wir hier reden? Wer immer diese Droge besitzt, hat die absolute Macht! Sie können Menschen beherrschen. Jeden beliebigen Menschen. Nicht durch Erpressung oder Bestechung. Wenn Sie ihn mit Azrael infizieren, dann wird er alles tun, was Sie von ihm verlangen. Und er wird nicht einmal merken, daß er manipuliert wird.«

»Und wenn er es merkt, wäre es ihm gleich«, fügte Bremer hinzu.

»Ja«, sagte Mecklenburg, noch immer an Angela gewandt. »Es geht hier um Macht, meine Liebe. Nicht um Geld. Um Macht. Das einzige, was zählt.«

»War es das, was Sie auch gereizt hat?« fragte Angela ernst. »Macht über Leben und Tod?« Mecklenburg antwortete nicht gleich, aber Bremer las auf seinem Gesicht, daß sie mit ihrer Frage der Wahrheit ziemlich nahe gekommen sein mußte.

»Vielleicht«, sagte er schließlich.

Nicht vielleicht, dachte Bremer. Die Antwort lautete eindeutig ja. Aber vermutlich war das das äußerste Zugeständnis, zu dem er im Moment in der Lage war.

»Dann tun Sie mir leid«, sagte Angela. »Es gibt Dinge, an die man besser nicht rühren sollte.«

»Als ob ich das nicht wüßte!« Mecklenburg griff nach seiner Tasse, stellte fest, daß sie leer war und schenkte sich nach, ließ sich dann aber wieder zurücksinken, ohne getrunken zu haben.

»Was ist schiefgegangen?« fragte Bremer.

»Schiefgegangen? Wie kommen Sie darauf, daß etwas schiefgegangen ist?«

»Wir wären jetzt nicht hier, wenn alles nach Plan verlaufen wäre, oder?« sagte Bremer.

Angela hob plötzlich mit einem Ruck den Kopf und lauschte. Bremer sah alarmiert zu ihr auf. »Was hast du?«

»Nichts«, antwortete Angela. »Es war ... nichts.« Diese zweifache Beteuerung hielt sie allerdings nicht davon ab mit einer fließenden Bewegung aufzustehen und eine weitere Sekunde konzentriert und mit geschlossenen Augen stehenzubleiben. Sie drehte sich einmal um ihre Achse ging dann zum Fenster und öffnete die Terrassentür. Ein Schwall feuchtkalter Luft wehte zu ihnen herein und ließ Bremer schaudern, als sie auf die Dachterrasse hinaustrat. Er versuchte ihr mit Blicken zu folgen, aber es gelang ihm nicht, denn irgendwie schien ihre Gestalt schon nach wenigen Schritten mit der Dunkelheit draußen zu verschmelzen. Bremer fragte sich, ob Angela vielleicht irgendeine Art von Ninja-Ausbildung genossen hatte. Wenn ja, schien sie zu funktionieren. Bremer hatte sich bisher immer geweigert, an solcherlei Humbug zu glauben - aber schließlich hatte er in den letzten vierundzwanzig Stunden eine Menge erlebt, was er noch tags zuvor für unmöglich gehalten hätte.

Er schob den Gedanken von sich und wandte sich wieder an Mecklenburg. »Also?«

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