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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Angela hatte einen ungläubigen kleinen Schrei ausgestoßen und war in eine geduckte, sprungbereite Haltung gesunken, dann aber wieder erstarrt, als die beiden Männer an der Tür drohend ihre Waffen hoben, und Bremer sah aus den Augenwinkeln, daß selbst sie Braun ungläubig und entsetzt ansahen. Bremer war ziemlich sicher, daß jeder von ihnen schon einen oder auch mehrere Menschen getötet hatte, oder zumindest dazu bereit war, doch was Braun gerade getan hatte, war etwas anderes. Und es war vor allem so sinnlos.

Fassungslos starrte er den leblosen Körper des Professors an. »Aber ... warum?«

»Wie bereits gesagt«, antwortete Braun. »Ich bin für klare Verhältnisse. Jetzt werden Sie mir glauben, daß ich es ernst meine.«

»Das hätte ich vorher auch«, sagte Bremer leise. »Es war nicht nötig, diesen hilflosen alten Mann umzubringen.«

»Seltsam«, antwortete Braun. »Aber ausgerechnet aus Ihrem Mund etwas über den Wert eines Menschenlebens zu hören, finde ich eher komisch.« Er griff mit der linken Hand in die Tasche, zog ein paar Handschellen heraus und warf sie Angela zu. »Wären Sie bitte so freundlich, sie anzulegen, meine Liebe?« fragte er.

Bremer hielt Angela aufmerksam im Auge. Sie sah einen Moment lang nachdenklich auf die Handschellen herab, und Bremer konnte regelrecht sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Er betete, daß sie keine Dummheiten machte. Er traute ihr durchaus zu, mit den beiden Agenten fertig zu werden, die auf sie angelegt hatten, vollkommen ungeachtet ihrer Waffen. Aber dann würden entweder Braun oder die beiden Männer auf dem gegenüberliegenden Dach ihn erschießen.

Angela schien wohl zu dem gleichen Schluß zu kommen, denn nach einer Sekunde zuckte sie mit den Achseln und ließ die Handschelle um ihr linkes Handgelenk schnappen. Als sie auch die andere einrasten lassen wollte, sagte Braun: »Hinter dem Rücken.« Angela warf ihm einen zornigen Blick zu, gehorchte aber. Braun machte eine entsprechende Geste, und einer seiner Männer ging rasch hin, überprüfte die Handschellen und drückte die verchromten Ringe dann enger zusammen, so daß Angela vor Schmerz die Luft einsog.

»Macht es Ihnen Spaß, Menschen zu quälen?« fragte Bremer.

»Es macht mir Spaß, am Leben zu bleiben«, antwortete Braun.

Bremer schnaubte verächtlich, bewegte sich unruhig in seinem Stuhl und sah zufällig an sich herab. Einer der beiden roten Lichtpunkte über seinem Herzen war verschwunden.

Braun fiel es im gleichen Moment auf wie ihm. Er runzelte die Stirn, griff in die Tasche und zog ein Handy heraus. Noch während er es ans Ohr hob, drückte er eine einzelne Taste.

»Einheit drei!« schnappte er. »Was ist bei euch los?« Offensichtlich bekam er keine Antwort, denn er wiederholte seine Frage noch einmal und rammte das Handy dann regelrecht in seine Jackentasche zurück.

»Schwierigkeiten?« fragte Bremer.

Braun zog eine Grimasse, kam näher und griff ein zweites Mal in die Tasche. Als er Bremer erreicht hatte, erlosch auch der zweite rote Laserpunkt auf seiner Brust. Braun fluchte, drückte seine Waffe auf Bremers Stirn und zog mit der anderen Hand eine verchromte Injektionspistole aus der Tasche. Ohne viel Federlesens stieß er Bremer die Nadel durch die Jacke in den Bizeps und drückte den Kolben herunter.

Bremer keuchte vor Schmerz. Er wußte nicht, was Braun ihm gespritzt hatte, aber es brannte wie konzentrierte Säure in seinem Arm, und es wirkte sofort. Ihm wurde schwindelig. Etwas wie ein grauer, dämpfender Schleier legte sich über Bremers Sinne.

Als Braun die Nadel aus seinem Arm zog und sich aufrichtete, implodierte die Fensterscheibe, und die Wirklichkeit wurde endgültig zum Alptraum.

20

Hinter ihm hatte etwas geklappert. Nicht sehr laut, und nur für einen kurzen Moment, aber doch lange genug, um ihn für einen Moment abzulenken. Das Präzisionsgewehr in Ostners Händen schwankte zwei, drei Millimeter. Kaum sichtbar, und doch heftig genug, daß der rote Punkt im Zentrum des Zielfernrohres für drei oder vier Sekunden nicht mehr auf Bremers Brust verharrte, sondern hektisch über Mobiliar, Fensterscheiben und die sorgsam gestutzten Grünpflanzen des Dachgartens irrte, ehe es ihm gelang, die Waffe wieder fester zu ergreifen und den Laserpunkt auf sein ursprüngliches Ziel auszurichten.

Ostner fluchte lautlos in sich hinein. Es waren nur ein paar Sekunden gewesen, und er hoffte, daß Braun es nicht bemerkt hatte, war aber in diesem Punkt nicht allzu optimistisch. Braun gehörte zu jenen Menschen, die prinzipiell alles merkten, was sie nicht mitbekommen sollten. Außerdem war er vollkommen unberechenbar. Ostner hatte schon erlebt, daß er manchmal wirklich schlimme Fehler vergab und mit einem Achselzucken darüber hinwegging. Aber auch, daß er bei einer lächerlichen Kleinigkeit einen regelrechten Wutanfall bekam.

Seine Hände begannen allmählich steif zu werden. Er hatte die Waffe nicht auf das Stativ gestellt, sondern zielte freihändig; bei einer Entfernung von weniger als fünfzig Metern kein Problem. Der Laserpunkt im Zentrum des Fadenkreuzes zitterte nur ganz sacht. Die Waffe war so perfekt ausbalanciert, daß er ihr Gewicht normalerweise kaum spürte. Und er war ein wirklich ausgezeichneter Schütze. Aber es war viel kälter, als er erwartet hatte. Der Regen hatte zwar aufgehört, aber es war noch immer so feucht, daß seine Kleider bereits an seiner Haut klebten. Er würde diese Position nicht mehr allzu lange aushalten. Und er hatte keine Ahnung, wie lange es noch dauerte.

Er wußte nicht einmal so ganz genau, was er eigentlich tun sollte. Brauns Anweisungen waren ungewohnt vage gewesen. Strohm und er sollten Bremer auf der Stelle erschießen, wenn dort drüben irgend etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Was zum Teufel hatte er damit gemeint? Sollten sie ihn abknallen, wenn er sich am Hintern kratzte, oder doch besser abwarten, bis dort drüben eine Horde säbelschwingender Türken auftauchte? Ostner verfluchte sich dafür nicht um präzisere Anweisungen gebeten zu haben, sagte sich gleichzeitig aber auch selbst, daß er wahrscheinlich keine bekommen hätte. Er hatte Braun selten so reizbar und nervös erlebt wie an diesem Abend. Auf jeden Fall schien die Situation dort drüben allmählich zu eskalieren. Vor zwei oder drei Minuten hatte Braun den Professor erschossen, so wie Ostner das erkennen konnte, ohne besonderen Anlaß. War das nicht in Ordnung genug, um seinem Befehl nachzukommen und Bremer ins Jenseits zu befördern?

Einer der beiden roten Punkte in seinem Zielfernrohr erlosch. Ostner runzelte die Stirn, bewegte ganz sacht seine Waffe, um sich davon zu überzeugen, daß es nicht etwa sein eigener Ziellaser war, der im unpassendsten aller Momente den Geist aufgegeben hatte, und stellte fest, daß es nicht so war. Halblaut rief er Strohms Namen.

Er bekam keine Antwort, aber das Klappern hinter ihm wiederholte sich, dann hörte er einen sonderbaren, seufzenden Laut, gefolgt von einem Geräusch wie zerreißendes, nasses Papier.

»Strohm?« rief er noch einmal. »Verdammt noch mal, was ist los?« Er bekam immer noch keine Antwort.

Ohne die Waffe von ihrem Ziel zu nehmen, drehte Ostner den Kopf, um nach seinem Kollegen zu sehen, der nur ein paar Meter entfernt Stellung bezogen hatte.

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