Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
19
Sie waren eine gute Viertelstunde ziellos durch die Stadt gefahren, ehe Bremer sich endlich entschieden hatte. Angela hatte ihre Begeisterung für schnelle Wagen in dieser Zeit zumindest weit genug im Zaum gehalten, daß sie keiner Verkehrsstreife auffielen und womöglich auf der Stelle verhaftet wurden, und sie hatten auch noch in anderer Hinsicht Glück: Bremer ließ Angela vor einer Telefonzelle anhalten und blätterte das Telefonbuch durch, das er darin fand, und die Adresse, die er ihr danach nannte, war nur wenige Blocks entfernt. Trotzdem war es fast vier, als sie vor dem vierstöckigen Appartementhaus anhielten und ausstiegen.
Angela legte den Kopf in den Nacken und blinzelte an der mit kupferfarbenem Spiegelglas verkleideten Fassade empor.
»Erstaunlich«, sagte sie.
»Was?«
»Ich hätte mir vorgestellt, daß ein Mann wie dieser Professor Mecklenburg in einer Villa im Grünen wohnt«, sagte sie. »Nicht in so einem Haus.«
»Wahrscheinlich gehört es ihm«, antwortete Bremer achselzuckend. Er hatte ihr nicht erzählt, daß Mecklenburg Professor war. Er sagte nichts, notierte sich den Punkt aber auf einer länger werdenden Liste von Fragen, die er ihr stellen würde, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab. Im Moment hatten sie andere Probleme.
Bremer sah sich aufmerksam in beide Richtungen um ehe sie auf die Straße hinaustraten. Die Gegend war so ziemlich das genaue Gegenteil von der, in der sie auf Cremer und Reinhold getroffen waren. Die Häuser waren modern und gepflegt, und sämtliche Straßenlaternen brannten. Mit Ausnahme des BMW stand kein einziger Wagen auf der Straße. Wenn sie beobachtet wurden, hatten sich ihre Verfolger gut getarnt.
Bremer schüttelte die Vorstellung ab. Sie wurden nicht beobachtet. Es war ihrer Sache nicht dienlich, wenn er seiner Paranoia freien Lauf ließ.
Sie überquerten die Straße. Die Hausbeleuchtung ging automatisch an, als sie sich dem Eingang näherten. Bremer musterte die Namensschildchen neben den beleuchteten Klingelknöpfen und stellte ohne Überraschung fest, daß Mecklenburg im obersten Stockwerk wohnte. Seine Klingel war die einzige, die allein in einer Reihe stand. Vermutlich eine Penthouse-Wohnung. Vielleicht hatte er mit seiner Vermutung, daß Mecklenburg dieses Haus gehörte, gar nicht falschgelegen.
Er wollte die Hand nach dem Klingelknopf ausstrecken, aber Angela schüttelte den Kopf und lehnte sich mit der Schulter gegen die Haustür. Sie sprang mit einem kaum hörbaren Klicken auf.
»Jemand ist spät nach Hause gekommen und war wohl zu müde, um abzuschließen«, sagte sie.
»Woher wußtest du das?« fragte Braun mißtrauisch.
Angela schob die Tür weiter auf und deutete zugleich mit einer Kopfbewegung auf eine Spur feuchter Schuhabdrücke, die auf dem weißen Marmor des Hausflures glänzten. »Einer meiner Vorfahren hieß Sherlock Holmes«, sagte sie spöttisch. Sie grinste.
Bremer lächelte nicht. Angela hatte auf scheinbar alles eine logische Erklärung, aber das änderte nichts daran, daß sie ihm allmählich fast unheimlich wurde. Vielleicht war es auch nur seine gekränkte Männlichkeit. Wer ertrug es schon auf Dauer, mit jemandem zusammenzusein, der nur halb so alt war, das Aussehen einer Schönheitskönigin hatte, stärker und schneller als er selbst war und noch dazu alles besser konnte?
Außerdem fühlte er sich immer noch zu ihr hingezogen Jetzt vielleicht stärker denn je.
Ohne ein weiteres Wort trat er an ihr vorbei und wartete, bis sie die Tür hinter sich wieder zugeschoben hatte. Das Treppenhaus war größer als seine Wohnung und ganz mit weißem Marmor und funkelnden Messing-Accessoires ausgekleidet, und der Aufzug befand sich an seinem jenseitigen Ende. Sie traten in die Kabine, und Bremer drückte den obersten Knopf. Nichts rührte sich. Während Bremer die Schalttafel noch feindselig musterte, streckte Angela die Hand aus und drückte den Knopf für die vierte Etage, und der Lift setzte sich gehorsam in Bewegung.
Bremer ersparte sich jeden Kommentar. Wahrscheinlich handelte es sich um einen jener Aufzüge, die direkt in die Penthouse-Wohnung hineinführen, und natürlich brauchte man einen Schlüssel, damit er sich in Bewegung setzte. Darauf hätte er auch von selbst kommen können. Schweigend fuhren sie in die vierte Etage hinauf und verließen die Kabine. Der Flur, in den sie hinaustraten, war mit dem gleichen weißen Marmor ausgekleidet wie der Eingangsbereich unten. Es gab auf jeder Seite nur zwei Türen, was einen gewissen Rückschluß auf die Wohnungen dahinter zuließ, und eine fünfte, schmalere, an seinem anderen Ende. Angela eilte voraus, um sie zu öffnen, und Bremer folgte ihr in einem gewissen Abstand, und langsamer.
Erneut fiel ihm auf, wie unglaublich elegant und geschmeidig sie sich bewegte. Es war ihm jetzt fast unmöglich, sie mit der gleichen Frau zu identifizieren, die vor weniger als einer Stunde mit der Kompromißlosigkeit eines Killerinsekts über den Agenten hergefallen war und ihn fast umgebracht hätte. Außerdem kam sie ihm sehr viel schöner vor als noch am Nachmittag, als sie sich kennengelernt hatten - war das tatsächlich erst wenige Stunden her? Ihm kam es vor wie Jahre! Sie hatte sich verändert, und schien deutlich fraulicher und reifer geworden zu sein, ohne dadurch allerdings etwas von ihrer jugendhaften Unbefangenheit und Fröhlichkeit verloren zu haben.
Natürlich war ihm gleichzeitig klar, daß nichts davon wirklich der Fall war. Der einzige, der sich verändert hatte, war er. Er sah Angela anders. Vielleicht jetzt noch viel weniger als das, was sie wirklich war, wie am Nachmittag.
Angela öffnete die Tür. Sie gelangten in ein schmales, im gleichen schlichten Luxus gehaltenes Treppenhaus, das in einen dafür um so weitläufigeren Empfangsraum hinaufführte, der nur zwei weitere Türen aufwies. Die eine bestand aus Glas und führte auf einen kleinen, matt erleuchteten Dachgarten hinaus, die andere zu Mecklenburgs Wohnung.
Diesmal war Bremer als erster an der Tür und klingelte. Er hörte nichts, aber nach kaum dreißig Sekunden drehte sich der Türknauf und Mecklenburg öffnete die Tür. Er wirkte blaß und übernächtigt, aber keineswegs so, als hätte ihr Klingeln ihn aus dem Schlaf gerissen. Bremer hatte plötzlich eine ungefähre Ahnung, wer die feuchten Spuren unten im Treppenhaus zurückgelassen hatte.
Und er sah kein bißchen überrascht aus, Bremer mitten in der Nacht vor sich zu sehen.
Er wirkte schlichtweg entsetzt.
»Was ... was machen Sie denn...?« begann er. Bremer schob ihn unsanft ein Stück zurück, drückte mit der anderen Hand die Tür weiter auf und trat ein. Angela huschte wortlos an ihm vorbei und verschwand in der Wohnung. Mecklenburg schien sie nicht einmal zu bemerken. Er starrte Bremer weiter an.
»Ich weiß, es ist ein bißchen spät für einen Hausbesuch«, sagte Bremer. »Aber es handelt sich sozusagen um einen Notfall. Sie gestatten doch?« Im Vorbeigehen packte er Mecklenburg an der Schulter und zerrte ihn grob hinter sich her. Der Arzt war ein Stück größer als er, dafür aber wesentlich schlanker und mindestens zehn Jahre älter. Er schien überhaupt kein Gewicht zu besitzen. Bremer zog ihn halb, halb schubste er ihn in das großzügige Wohnzimmer hinein, das sich an die Diele anschloß, und sah sich rasch um. Der Raum war riesig. Zwei der vier Wände bestanden ganz aus Glas und führten auf den gepflegten Dachgarten hinaus, den er schon von der Eingangshalle aus gesehen hatte. Tagsüber oder in einer klaren Nacht mußte die Aussicht auf die Stadt fantastisch sein.
Abgesehen von einer zierlichen Sitzgarnitur, einem überdimensionalen Fernseher und einer kleinen Bar war der Raum praktisch leer, was den größten Luxus darstellte der Bremer bisher in diesem Haus begegnet war. Er stieß Mecklenburg auf das kleinere der beiden Sitzmöbel herab und baute sich drohend vor ihm auf.