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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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»So«, sagte er. »Und jetzt will ich ein paar Antworten.« Sein brachiales Verhalten war kein Zufall, und er hatte auch keineswegs die Nerven verloren. Ganz im Gegenteil war sein völlig untypisches Verhalten genau kalkuliert. Bremer hatte in langen Jahren der Polizeierfahrung genug Menschenkenntnis gesammelt, um ziemlich genau zu wissen, zu welcher Art von Mensch der Professor gehörte. Er war sicher niemand, der leicht zu beeindrucken war oder sich gar einschüchtern ließ. Dafür verfügte er selbst über zuviel Macht und zuviel Erfahrung. Um so verheerender wirkte auf solche Menschen oft genug die Erfahrung primitiver, körperlicher Gewalt.

Die Rechnung ging auf. Mecklenburgs Augen quollen vor Entsetzen ein Stück weit aus den Höhlen. Er zitterte so heftig, daß die kleine Chaiselongue, auf der er saß, deutlich zu wackeln begann. »Bitte, Herr Bremer«, stammelte er. »Ich...«

»Sie werden mir jetzt zuhören!« unterbrach ihn Bremer. »Ich werde Ihnen jetzt ein paar Fragen stellen, und dann werden Sie reden!« Gleichzeitig gemahnte er sich in Gedanken aber auch selbst zur Mäßigung. Es hatte keinen Zweck, Mecklenburg so sehr zuzusetzen, daß er am Ende zusammenklappte. Er wollte, daß er ihm antwortete, nicht, daß er einen Herzanfall bekam. Außerdem tat ihm der alte Mann mittlerweile ehrlich leid. Aber er hatte einfach keine Zeit, nett zu sein.

Angela kam zurück. »Die Wohnung ist sauber«, sagte sie. »Niemand da.«

»Ich lebe allein«, sagte Mecklenburg. »Das hätte ich Ihnen auch sagen können. Wer sind Sie?«

»Sie gehört zu mir«, sagte Bremer und zog Mecklenburgs Aufmerksamkeit damit wieder auf sich. »Wer sie ist, spielt jetzt keine Rolle.«

»Bitte, Herr Bremer!« Mecklenburg fuhr sich nervös mit der Zungenspitze über die Lippen. Er zitterte noch immer, fand seine Fassung aber allmählich wieder. »Es gibt keinen Grund, grob zu werden. Ich ... bin froh, daß Sie hier sind, glauben Sie mir.«

»Nein«, sagte Bremer. »Tue ich nicht.«

»Das kann ich Ihnen nicht einmal verdenken«, antwortete Mecklenburg. »Aber ich meine es ernst, glauben Sie mir. Es tut mir aufrichtig leid. Ich wollte, ich hätte nie etwas mit dieser Sache zu tun gehabt.«

»Ich auch«, sagte Bremer. Er setzte sich - genauer gesagt: Er wollte sich setzen. Aber als er eine entsprechende Bewegung machte, schoß ein so greller Schmerz durch seine Nieren, daß er stöhnend die Zähne zusammenbiß und für einen Moment zitternd und nach vorne gebeugt dastand.

»Was haben Sie?« fragte Mecklenburg alarmiert.

»Nichts«, antwortete Bremer gepreßt. »Es geht gleich vorbei.«

»Jemand hat ihm in die Nieren geschlagen«, sagte Angela. »Ziemlich heftig.«

»Das ist nicht gut.« Mecklenburg stand auf. »Ich sehe mir das besser einmal an.«

Bremer hob abwehrend die Hand. Mit einiger Mühe gelang es ihm, sich wieder aufzurichten, auch wenn er dabei das Gefühl hatte, in der Mitte durchzubrechen und ihm der Schmerz die Tränen in die Augen trieb. »Das ist nicht nötig«, sagte er. »Wenn ich Ihre Toilette benutzen darf, reicht das schon.«

»Mit so etwas ist nicht zu spaßen«, sagte Mecklenburg ernst, zuckte aber mit den Schultern und deutete nach links. »Die zweite Tür.«

»Danke.« Bremer biß die Zähne zusammen, damit ihm nicht ganz aus Versehen doch noch ein Schmerzenslaut entschlüpfte, und ging mit steifbeinigen, kleinen Schritten in die Richtung, die Mecklenburg ihm gewiesen hatte. Das Licht in der Toilette ging automatisch an, als er sie betrat. Bremer schloß die Tür hinter sich, ließ sich schwer dagegen fallen und blieb länger als eine Minute zitternd und mit geschlossenen Augen stehen, ehe er auch nur die Kraft fand die zwei Schritte zur Kloschüssel zu gehen. Der Schmerz in seinen Nieren wurde immer schlimmer und breitete sich allmählich in seinen ganzen Eingeweiden aus. Er war jetzt überzeugt davon, daß Cremer ihn wirklich schwer verletzt hatte. Das Urinieren war eine Qual, und als Bremer hinterher ins Becken blickte, stellte er fest, daß er eine Menge Blut von sich gegeben hatte.

Ein zweiter Schwächeanfall zwang ihn dazu, sich noch einmal gegen die Wand zu lehnen und diesmal gleich mehrere Minuten stehenzubleiben, bis der Schmerz in seinen Nieren allmählich abklang. Seine Knie zitterten, als er das Bad verließ und zu Angela und Mecklenburg zurückging. Er erlebte eine Überraschung. Die beiden saßen beieinander auf der Couch und tranken Kaffee, als hätten sie Mecklenburg nicht mitten in der Nacht in seiner Wohnung überfallen, sondern wären zu einem lang ersehnten Familienbesuch vorbeigekommen.

Als er näher schlurfte, hob Mecklenburg den Kopf und fragte: »Mit oder ohne?«

»Blut.« Bremer verzog das Gesicht, ließ sich in einen der noch freien Sessel fallen und betrachtete stirnrunzelnd die Kanne mit frisch aufgebrühtem Kaffee, die auf dem Tisch stand.

»Wie lange war ich da drinnen?« fragte er.

»Der Kaffee war schon fertig«, antwortete Mecklenburg. »Ich hatte ihn gerade aufgebrüht, als Sie so freundlich um Einlaß gebeten haben. Ich bin erst vor einer Viertelstunde gekommen.«

»Und Sie trinken immer schwarzen Kaffee, wenn Sie morgens um vier von der Arbeit kommen«, vermutete Bremer. »Um besser einschlafen zu können, nehme ich an.«

»Ich hatte nicht vor, zu schlafen«, antwortete Mecklenburg.

Bremer beugte sich umständlich vor, um sich eine Tasse Kaffee einzuschenken, und Angela nahm ihm die Mühe ab.

Mecklenburg sagte: »Das würde ich nicht tun. Wenigstens nicht, bevor sich ein Arzt Ihre Nieren angesehen hat.«

»Kennen Sie einen guten, den Sie mir empfehlen könnten?« fragte Bremer böse. Er häufte drei Löffel Zucker in seinen Kaffee, rührte um und nahm einen weiteren Löffel, nachdem er gekostet hatte. Mecklenburg schien tatsächlich nicht vorgehabt zu haben, schlafen zu gehen. Nach diesem Kaffee würde er ein Jahr lang nicht mehr schlafen können.

»Wahrscheinlich haben Sie recht, Doktor«, sagte er. »Aber ich fürchte, meine Nieren sind im Moment mein kleinstes Problem.« Mecklenburg widersprach ihm nicht, was Bremer ziemlich beunruhigend fand.

»Ich habe mich ein wenig mit Ihrer Assistentin unterhalten, während Sie auf der Toilette waren«, sagte er. »Ich kann Ihren Zorn jetzt verstehen. Es ist schlimmer, als ich dachte.«

»So?« fragte Bremer. »Was?«

»Man hat Ihnen niemals die ganze Geschichte erzählt, nicht wahr?« fragte Mecklenburg.

»Niemand hat mir irgendeine Geschichte erzählt«, antwortete Bremer betont. »Der einzige, der mir etwas erzählt hat, war mein behandelnder Arzt. Nur weiß ich nicht, ob ich ihm noch glauben kann oder nicht. Ich fürchte, das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt ist in letzter Zeit ein bißchen erschüttert worden.«

»Ich verstehe, daß Sie so denken«, sagte Mecklenburg traurig. »Aber ich habe Ihnen so viel gesagt, wie ich konnte. Eigentlich schon mehr, als ich durfte.«

»Sie arbeiten für sie«, sagte Bremer.

»Sie?«

»Ich habe keine Ahnung, wie sich der Verein nennt«, fauchte Bremer. »Wahrscheinlich hat er keinen Namen. Aber Sie wissen verdammt genau, wen ich meine! Der freundliche Herr, der mir die Nieren massiert hat, gehört dazu.«

»Ich wußte nicht, daß sie so weit gehen würden«, sagte Mecklenburg leise. »Aber wahrscheinlich war ich ziemlich naiv.« Bremer tat ihm nicht den Gefallen, zu widersprechen. Er versuchte vergebens, irgendeine Spur von Haß oder auch nur Zorn auf Mecklenburg in sich zu entdecken. Wenn ihm eines klar war, dann, daß Mecklenburg auch nicht mehr als ein Werkzeug in dieser Geschichte war. Aber er war auch nicht hierhergekommen, um ihm die Absolution zu erteilen.

»Sie können es wieder gutmachen«, sagte er. »Erzählen Sie mir, was wirklich passiert ist.«

»Sie haben die Formel verloren«, sagte Mecklenburg.

»Wie?«

»Die Azrael-Formel.« Mecklenburg trank einen Schluck Kaffee. »Sillmann hat gründliche Arbeit geleistet. Sie haben jedes verdammte Stückchen Papier unter ein Elektromikroskop gelegt, das sie in seinem Haus und in der Fabrik gefunden haben, aber ohne Erfolg. Die Formel ist weg. Ein für allemal.«

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