Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
»Nach Hause«, antwortete Mecklenburg, ohne stehenzubleiben oder auch nur zu ihm zurückzusehen. »Ich gehe schlafen. Falls Sie Probleme haben, wenden Sie sich vertrauensvoll an Kollege Grinner. Er weiß von alledem genauso viel wie ich!«
Braun hätte ihm befehlen können zu bleiben, aber er verzichtete darauf. Mecklenburg war müde und nervös, weil er nicht verstand, was hier vorging. Er hatte dieses reinigende Gewitter gebraucht. Morgen würde er angekrochen kommen und ihn um Verzeihung bitten - beziehungsweise so tun, als wäre gar nichts geschehen, was seine Art von angekrochen kommen war. Braun nahm ihm diesen Ausbruch nicht übel. Er beneidete Mecklenburg sogar ein bißchen um die Fähigkeit, seinen Gefühlen wenigstens manchmal freien Lauf lassen zu können. Er wünschte sich, ebenfalls dazu in der Lage zu sein.
Er drehte sich wieder herum und blickte den Stahlsarg an. Dann ging er zur anderen Seite der großen Scheibe, hob die Hand an die Tastatur daneben und tippte eine sechsstellige Codenummer ein. Ein helles Summen erklang, und in der Wand neben der Glasscheibe öffnete sich eine mit spiegelndem Metall verkleidete Tür. Braun trat hindurch, wartete, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte und öffnete dann die innere Tür der sterilen Schleuse. Das Thema steril hatte sich erledigt, als er seinen Override-Code benutzt hatte, um den Raum in seiner normalen Straßenkleidung zu betreten, aber das spielte wahrscheinlich keine Rolle mehr. Außerdem war es sowieso nur eine überflüssige Vorsichtsmaßnahme, um irgendeinem ebenso überflüssigen Sicherheitsprotokoll Genüge zu tun. Der Sarkophag selbst war nicht nur luftdicht, sondern bestand darüber hinaus aus einem Material, das so gut wie allen bekannten Strahlungen standhielt und sich vom Vakuum des Weltalls ebenso wenig beeindrucken ließ wie von einem Druck in viertausend Metern Wassertiefe. Das bißchen Straßenstaub, das er mit hereinbrachte, war lächerlich.
Draußen im Labor begannen ein halbes Dutzend Computer zu lamentieren, die diesen Verstoß gegen die Sicherheitsvorschriften als nicht ganz so lächerlich erachteten, und Braun sah durch die Scheibe, daß Grinner plötzlich alle Hände voll zu tun hatte, von einem Pult zum anderen zu hasten und sie zum Schweigen zu bringen. Er blieb einen Moment stehen, wo er war, dann trat er langsam an das Kopfende des Sarkophags heran. Das schwarz verchromte Metall strahlte eine fühlbare Kälte aus, und Brauns Gesicht spiegelte sich als verzerrte bleiche Totenmaske darauf. Vielleicht war es auch gar nicht sein Gesicht. Vielleicht sah er nicht das, was wirklich da war, sondern das Gesicht, das unter den acht Schichten aus Metall und Keramik verborgen war, das Gesicht des Mannes, den sie vor fünf Jahren lebendig in diesem Sarkophag begraben hatten, lange, bevor er wirklich gestorben war.
Haymar. Er hatte den Mann gekannt. Sie waren einmal Kollegen gewesen. Keine Freunde - Haymar hatte keine Freunde gehabt. Wer suchte schon die Freundschaft eines Psychopathen, der fast genauso verrückt war wie die Irren, die er jagte? Braun verspürte keine Gewissensbisse. Wenn es einen Menschen auf der Welt gab, der es verdient hätte, auf diese Weise zu enden, dann war es Haymar. Und sie hatten schließlich gar keine andere Wahl gehabt. Er erinnerte sich noch zu gut an die Frage, die Bremer Sillmann gestellt hatte, kurz bevor die Wirklichkeit in Stücke brach und der Irrsinn zu reagieren begann: Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn dieses Zeug in die Hände eines echten Psychopathen fällt?
Er konnte es sich vorstellen. Er hatte es erlebt. Haymar hatte das halbe Krankenhaus und zwei Drittel des Einsatzkommandos ausgelöscht, bevor sie endlich begriffen hatten, was wirklich geschehen war. Hätten sie ihn damals nicht im letzten Moment ausgeschaltet...
Nein. Braun wollte den Gedanken nicht zu Ende denken. Haymar war tot, und er hatte sich jede Sekunde des Leids, das er vorher durchstanden hatte, hundertfach verdient.
Und wenn nicht? wisperte eine Stimme in seinen Gedanken. Was, wenn er nicht tot ist? Wenn er noch lebt? Irgendwie?
Dann hatte er es genauso verdient, antwortete Braun trotzig. Und sei es nur für den unwahrscheinlichen Fall, daß es keine Hölle gab.
Sein Handy piepste. Braun riß den Apparat regelrecht aus der Tasche, klappte ihn auf und drückte die Sprechtaste, ohne auch nur vorher auf das Display zu schauen und die Nummer des Anrufers zu identifizieren. Er wußte, daß es Cremer war, und er würde ihm gehörig den Marsch blasen. »Habt ihr ihn endlich?« schnappte er.
Es war nicht Cremer. Die Stimme war so dünn, daß Braun im ersten Moment Mühe hatte, sie zu identifizieren. Sein Handy war ein Hochleistungsgerät, aber er befand sich unter unzähligen Tonnen Beton, Erdreich und Metall, und selbst die modernste Technik blieb noch ungefähr drei Lichtjahre hinter Brauns Wünschen zurück.
»Malchow hier«, flüsterte eine verzerrte Stimme an sein Ohr. »Ich bin im St.-Elizabeth-Krankenhaus. Reinhold und Cremer sind gerade eingeliefert worden.«
Braun vergaß schlagartig alles, was er sich zu Cremers Begrüßung zurechtgelegt hatte. Sein Gehirn schaltete von einem Sekundenbruchteil zum anderen um und arbeitete jetzt wieder so präzise und kalt wie ein Computer. »Was ist passiert?«
»Das weiß ich nicht«, antwortete Malchow.
Braun rekapitulierte blitzschnell, was er über den Agenten wußte. Ein ruhiger, präzise arbeitender Mann, vielleicht mit einem leichten Hang zur Selbstüberschätzung. Sehr zuverlässig. Wenn er sagte, daß er nichts wußte, konnte er sich jede Nachfrage sparen.
»Die beiden sind gerade eingeliefert worden. Die diensthabende Krankenschwester hat die Notfallnummer auf Cremers Ausweis angerufen. Cremer liegt im Koma. Eine schwere Gehirnerschütterung, vielleicht ein Schädelbruch. Er wird durchkommen, aber es kann Tage dauern, bis er vernehmungsfähig ist.«
»Und Reinhold?«
»Der wird vielleicht nie wieder reden können«, antwortete Malchow. »Er sieht aus, als hätte jemand versucht, ihn mit einem Vorschlaghammer zu rasieren. Die beiden sind übel zusammengeschlagen worden.« Für einen Mann wie Malchow war das eine ungewöhnliche Meldung, dachte Braun, die deutlicher als alles andere zeigte, wie sehr ihn das, was er gerade gesehen hatte, beeindruckt haben mußte.
»Bremer?« fragte er.
»Keine Spur von ihm«, antwortete Malchow. »Aber wir haben den Wagen der Kleinen gefunden. Er stand mit laufendem Motor auf der Straße. Dafür ist Cremers Wagen verschwunden.« Braun runzelte die Stirn. Was bedeutete das? Bremer hätte gegen einen Mann wie Reinhold nicht einmal dann eine Chance, wenn dieser mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen gegen ihn angetreten wäre. Innerlich aber triumphierte er. Wenn die beiden wirklich so dumm gewesen waren, Cremers BMW zu nehmen, dann hätten sie sie.
»Okay«, sagte er knapp. »Peilen Sie den Wagen an. Ich will drei komplette Teams vor Ort haben. Aber laßt euch nicht sehen und greift nicht ein, bis ich selbst da bin. Ich bin unterwegs.« Er steckte das Handy ein und drehte sich gleichzeitig herum, um den Raum zu verlassen. Diesmal schien es Ewigkeiten zu dauern, bis sich die Sicherheitstür öffnete; und noch länger, bis er endlich durch die Schleuse hindurch war. Im Sturmschritt durchquerte er das Labor, blieb aber vor dem Ausgang noch einmal stehen und drehte sich herum. Seine Gedanken arbeiteten schnell und präzise wie schon lange nicht mehr. Es war zehn, vielleicht fünfzehn Minuten her, daß jemand, von dem er nun wußte, daß es Bremer gewesen war, Cremers Handy ausgeschaltet hatte. Und ungefähr zur gleichen Zeit...
»Grinner?« Es dauerte eine oder zwei Sekunden, bis das bleiche Gesicht des Forschungsassistenten hinter einem Computer-Pult auftauchte.
»Herr Braun?«
»Diese ... zerebralen Aktivitäten, oder wie Sie es nennen wollen - Sie haben doch Aufzeichnungen davon gemacht?«
»Selbstverständlich.«
»Gut«, antwortete Braun. »Dann machen Sie mir einen Ausdruck. Ich will genau wissen, wie heftig sie waren. Und vor allem wann.«