Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
Braun betrat den Aufzug am anderen Ende des Ganges, drückte den Knopf für die unterste Etage und wartete, bis sich die Türen geschlossen hatten. Dann drückte er noch dreimal hintereinander auf den Knopf und blickte eine Sekunde lang starr in den kleinen Spiegel, der in der Rückwand der Kabine angebracht war. Die winzige Kamera dahinter tastete seine Netzhaut ab und verglich die Aufnahme mit den gespeicherten Daten. Scheinbar änderte sich dadurch nichts, aber als das Licht für die Kelleretage über der Tür aufleuchtete, fuhr der Lift noch ein gutes Stück weiter, bevor er endlich anhielt und die Türen aufglitten.
Ein weiterer, sehr viel schmuckloserer Gang nahm ihn auf. Es gab nur wenige Türen, und die Wände bestanden aus nacktem Beton, ihr einziger Schmuck waren symmetrisch verlegte Kabelbündel und Rohrleitungen. Das gedämpfte Wummern eines schweren Generators ließ die Luft erzittern. Es roch nach heißem Öl, Feuchtigkeit und Moder.
Braun ging mit schnellen Schritten bis zu der massiven Stahltür am Ende dieses Ganges, öffnete sie mit Hilfe des Netzhautscanners an der Wand daneben und vertrieb sich die Wartezeit, die die Mechanik brauchte, um die halbtonnenschwere Tür zu öffnen, mit der Frage, was eigentlich geschehen würde, wenn es hier unten einmal zu einem totalen Systemzusammenbruch kam. Es war unwahrscheinlich, aber langjährige bittere Erfahrung hatte Braun gelehrt, daß jeder Mist, der passieren konnte, auch irgendwann passierte. Die Antwort auf seine Frage war nicht besonders ermutigend. Abgesehen von ihm selbst, Mecklenburgs Team und einer handverlesenen Anzahl Männer gab es niemanden in dieser Stadt, der auch nur wußte, daß dieses unterirdische Labor existierte. Die Anlage war eine regelrechte Festung, und sie war vor allem darauf ausgelegt, ihre Insassen drinnen zu halten. Wenn der Strom und mit ihm sämtliche Computer ausfielen, dann saßen sie hier unten wie die Ratten in der Falle.
Die Tür sprang mit einem metallischen Geräusch auf, und Braun betrat das Labor. Der Raum war taghell erleuchtet und kam ihm noch kleiner vor als sonst, obwohl sich weniger Menschen darin aufhielten. Konkret waren es nur Grinner und Mecklenburg; seine beiden anderen Assistenten hatte er vorhin auf Brauns Weisungen fortgeschickt. Grinner wirkte noch nervöser als vorhin am Telefon, während Mecklenburg nicht den Eindruck machte, als wäre er schon ganz wach.
»Also?« fragte er knapp.
Mecklenburg gähnte und sah weg, und Braun hätte auch ohne das verräterische Funkeln in seinen Augen gewußt, daß er nur den Ahnungslosen spielte. Er wußte ganz genau, was vorging. Aber es war ihm entweder egal, oder er wartete in aller Ruhe ab, um seinen Assistenten im passenden Moment auflaufen zu lassen.
Braun war nicht in der Stimmung für Spielchen. Ganz gewiß nicht.
»Das wissen Sie doch«, sagte er. »Oder hat Ihnen Kollege Grinner noch nicht alles erzählt?«
Braun sah aus den Augenwinkeln, wie der junge Forschungsassistent zusammenfuhr und noch nervöser wurde. Normalerweise hätte er die Situation genossen. Er liebte es, Leute fertigzumachen.
In diesem Punkt ähnelte er seinem ungeliebten Mitarbeiter Cremer (der in diesem Moment in der Notaufnahme einer Unfallklinik auf den OP gehoben wurde und wenige Augenblicke später ins Koma fallen sollte), nur, daß er dazu nicht die Fäuste einsetzte sondern weitaus subtilere Methoden vorzog. Aber er war wirklich nicht in der Stimmung für Spielchen.
Mecklenburg schien das zu spüren, denn er fuhr von sich aus und in kein bißchen verschlafenem Ton fort: »Anscheinend lieben Sie es, mich immer wieder dasselbe sagen zu hören. Also gut: Ich weiß es nicht. Irgend etwas geht in seinem Gehirn vor, das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Das ist vielleicht keine sehr wissenschaftliche Antwort, aber leider die einzige, die Sie von mir hören werden. Oder sind Sie anderer Meinung, Kollege Grinner?« Grinner antwortete nicht, sondern zog nervös die Unterlippe zwischen die Zähne und drehte sich weg. Nach einer Weile fuhr Mecklenburg fort: »Wenn der Mann da drinnen schlafen würde, dann würde ich sagen, daß er den schlimmsten Alptraum aller Zeiten hat. Aber er schläft ja nicht.«
»Und wenn doch?« fragte Braun. Nachdenklich näherte er sich der Panzerglasscheibe und betrachtete wieder einmal den zweieinhalb Meter langen, schwarz verchromten Sarkophag, der ganz allein in dem Raum dahinter stand.
»Wie meinen Sie das?«
»Wie ich es sage«, antwortete Braun. »Wir glauben, daß er tot ist. Aber was ist, wenn er noch lebt ... irgendwie?«
Mecklenburg gab ein komisches Schnauben von sich. »Falsch, Herr Braun«, sagte er. »Sie glauben, daß er tot ist. Ich weiß, daß er es ist. Der Mann ist vor über einem Jahr gestorben.«
»Und wieso funktioniert sein Gehirn dann noch?«
»Das tut es nicht«, behauptete Mecklenburg. »Die elektrischen Aktivitäten, die wir messen, sind nur da, weil wir sein Gehirn damit stimulieren, um es vor dem Verfall zu bewahren. Wenn wir den Stecker herausziehen würden, wäre es vorbei.«
»Und trotzdem wissen Sie nicht...«
Mecklenburg unterbrach ihn gereizt. »Sie sagen es. Ich weiß nichts. Niemand weiß, was hier vorgeht! Weil niemand vorher versucht hat, das Gehirn eines Menschen so lange künstlich am...« Er stockte. Braun vermutete, daß er nach Worten suchte, weil er den Begriff Leben nicht verwenden wollte. Es dauerte gute drei Sekunden, bis er weiter sprach. »...am Funktionieren zu halten! Wir betreten vollkommenes Neuland. Genausogut könnten wir mit einem Raumschiff losfliegen und auf dem erstbesten Planeten landen, ohne vorher auch nur aus dem Fenster zu sehen! Vielleicht ist das, was im Moment in seinem Gehirn vorgeht, ganz normal. Vielleicht auch nicht. Woher zum Teufel soll ich das wissen?«
Braun hatte den Professor selten so aufgebracht erlebt. Anscheinend war er nicht der einzige, an dessen Nerven die Situation zerrte. »Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, Professor«, sagte er versöhnlich. »Ich wollte nur...«
»Sie wollten vor allem nicht meine Meinung hören«, unterbrach ihn Mecklenburg. »Aber auch, wenn sie Sie nicht interessiert: Was wir hier tun, ist Wahnsinn! Es ist sinnlos, es ist unethisch und vielleicht sogar gefährlich. Wir sollten es beenden.«
»Über dieses Thema haben wir bereits gesprochen«, sagte Braun.
»Das haben wir nicht!« schnaubte Mecklenburg. Er war ganz offensichtlich dabei, sich in Rage zu reden. »Sie haben gesprochen, und ich habe zugehört. Was ist los mit Ihnen, Herr Braun? Haben Sie plötzlich Gewissensbisse?«
»Warum sollte ich?« fragte Braun. »Wenn Sie recht haben, gibt es dafür keinen Grund. Sagten Sie gerade nicht selbst, daß das da drinnen schon lange kein lebender Mensch mehr ist?«
»Und wenn ich mich täusche?«
Das war absurd. Mecklenburg attackierte ihn mit der gleichen Frage, die er noch vor ein paar Sekunden so vehement verneint hatte. Trotzdem fuhr er fort: »Was ist, wenn ich mich irre? Wenn wir uns alle täuschen, und das da drinnen doch mehr sind als hundertfünfzig Pfund Fleisch, die Sie nach Belieben melken können? Denken Sie einmal darüber nach. Und während Sie es tun, wünsche ich Ihnen unangenehme Träume!« Er fuhr wütend herum und stampfte zur Tür.
»Wo wollen Sie hin?« fragte Braun.