Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]
- Автор: Кард Орсон Скотт
- Серия: Die Heimkehr #3
- Год: 1995
- Язык: немецкий
- Год: Bastei Lübbe
- ISBN: 3-404-24195-9
- Переводчик: Uwe Anton
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]». Краткое содержание книги:
Nafai hatte Luet noch nie so gebieterisch gesehen. Er war jedoch lange genug in Basilika gewesen, um Ehrfurcht vor dem Titel der Wasser Seherin zu empfinden. Man vergaß schnell, daß die Frau, die er jeden Abend in sein Bett nahm, dieselbe Frau war, deren Träume, deren Worte in Basilika nur flüsternd wiedergegeben wurden. Einmal war sie unter großem Risiko zu ihm gekommen, hatte die Stadt mitten in der Nacht verlassen, um ihn zu wecken und vor einer Gefahr zu warnen, die seinem Vater drohte — und in dieser Nacht hatte sie sich nicht im geringsten anmerken lassen, daß sie sich ihrer erhabenen Rolle in der Stadt bewußt war. Einmal hatte sie ihn, als er von Gaballufix’ Männern gejagt wurde, zum See der Frauen hinabgeführt, zu dem kein Mann gehen, den kein Mann lebend verlassen durfte. Und selbst, als sie jenen gegenübertrat, die ihn, Nafai, getötet hätten, hatte sie nicht mit diesem Tonfall, sondern ruhig und sachlich gesprochen.
Und dann dämmerte es Nafai — Luet umgab sich nicht mit dieser hochmütigen Würde, weil sie ein Teil von ihr war. Sie benahm sich so, weil Kokor sich so benommen hätte, hätte sie auch nur den geringsten Fetzen von Macht gehabt. Luet sprach mit Nafais Halbschwester in einer Sprache, die diese verstand. Und die Nachricht kam an. Kokor zupfte an Obrings Ärmel, und die beiden gingen.
»Du bist sehr gut darin«, sagte Nafai. »Ich kann kaum erwarten, zu hören, daß du mit Schveja so sprichst, wenn sie dich zum erstenmal ärgert.«
»Ich habe vor, Schveja zu einer Frau zu erziehen, bei der man diese Stimme niemals anwenden muß.«
»Ich wußte nicht einmal, daß du diese Stimme hast.«
Luet lächelte. »Ich auch nicht.« Sie küßte ihn erneut.
»Du wolltest mir etwas über Vas sagen.«
»Etwas, das Huschidh gesehen, aber nicht verstanden hat; die Überseele hat es mir erklärt. Vas hat nicht vergessen, daß Sevet ihn mit Obring betrogen und damit öffentlich erniedrigt hat.«
»Ach nein?«
»Die Überseele sagt, er habe vor, sie zu ermorden.«
Nafai lachte spöttisch auf. »Vas? Er war doch die Ruhe selbst. Mutter hat gesagt, sie habe noch nie jemanden gesehen, der so gut mit einer schlechten Nachricht fertig wird.«
»Ich vermute, er spart sich seine Rache für später auf«, sagte Luet. »Wir haben jetzt jede Menge Indizien, die darauf hindeuten, daß Vas keineswegs so ruhig und kooperativ ist, wie es den Anschein hat.«
»Ach ja?« fragte Nafai. »Meb und Dol, Obring und Kokor, sie klagen und jammern, daß sie in die Stadt zurückkehren wollen. Vas hingegen nicht. Er nimmt es ruhig auf, scheint mitzumachen und zerstört dann die Pulsatoren, damit wir zurückkehren müssen.«
»Du mußt eingestehen, es war ein kluger Plan.«
»Und wenn er mich dabei zufällig tötet … na ja, dann habe ich eben Pech gehabt. Da kommt mir der Gedanke — wäre Gaballufix so subtil vorgegangen wie Vas, wäre er jetzt König von Basilika.«
»Nein, Nafai. Er wäre tot.«
»Wieso?«
»Weil die Überseele dir befohlen hätte, ihn zu töten, um den Index zu bekommen.«
Nafai starrte sie fassungslos an. »Du wirfst mir das vor?«
Sie schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Ich erinnere dich daran, damit du nicht vergißt, wie stark du bist. Du.bist skrupelloser und klüger als Vas, wenn du weißt, daß du dem Plan der Überseele dienst. Und jetzt geh, Nafai! Du hast nur noch ein paar Stunden Tageslicht. Du wirst Erfolg haben.«
Solange die Berührung ihrer Hand auf seiner Wange in der Erinnerung seiner Haut noch lebte und ihre Stimme noch in seinem Ohr und ihr Vertrauen und ihre Ehre noch heiß in seinem Herzen waren, kam er sich tatsächlich wie einer der Helden von Pjiretsiss vor. Besonders wie Velikoduschnu, der das lebende Herz des Gottes Zaveest aß, damit die Bürger von Pjiretsiss in Frieden leben konnten, statt sich ständig miteinander zu verschwören, um den anderen zu übervorteilen und jene, die Erfolg gehabt hatten, zu vernichten. Die Illustration jener Version der Geschichte, die Nafai gelesen hatte, zeigte Velikoduschnu, wie er den Kopf in die aufklaffende Brusthöhle des Gottes rammte, obwohl Zaveest den Helden mit seinen langen Fingernägeln abwehrte. Es war eins der stärksten Bilder seiner Kindheit, das Bild eines Mannes, der seine fürchterlichen Schmerzen ignorierte, um das Böse zu verzehren, das sein Volk zugrunde richtete.
Das macht einen Helden aus, dachte Nafai, das macht einen guten Menschen aus, und solange er Gaballufix nur für Zaveest halten konnte, war es gut und richtig, ihn getötet zu haben.
Aber diese Idee half ihm nur einen Augenblick lang; dann kehrte das Entsetzen zu ihm zurück, Gaballufix ermordet zu haben, während dieser betrunken und hilflos auf der Straße lag. Und ihm wurde klar, daß diese Erinnerung, diese Schuld, diese Schande, dieses Entsetzen — daß dies alles vielleicht der Tortur gleichkam, von Zaveest den Rücken aufgerissen zu bekommen.
Egal. Stecke es dorthin zurück, wohin es gehört, ins Gedächtnis, nicht in die vorderste Front der Gedanken. Ja, ich bin derjenige, der Gaballufix getötet hat, aber ich bin auch derjenige, der einen Bogen machen und ein Tier töten und es vor morgen abend zurückbringen muß — oder die Überseele kann von vorn anfangen.
Obring duckte sich durch die Tür von Vas’ und Sevets Zelt. Es war das erstemal, daß er mit Sevet allein war, seit Kokor die beiden in Basilika erwischt hatte, wie sie sich im Bett vergnügten. Und da Vas ebenfalls im Zelt war, war er auch eigentlich gar nicht richtig mit ihr allein. Aber in gewisser Hinsicht bedeutete die Tatsache, daß Vas dieses Treffen gebilligt hatte, vielleicht, daß die lange Kälteperiode vorbei war.
»Nett, daß du vorbeischaust«, sagte Vas.
Es lag so viel Ironie in seiner Stimme, daß Obring klar wurde, er mußte einen Fehler begangen haben, für den Vas ihn nun tadelte. Oh — vielleicht hatte er zu lange gebraucht, um hierher zu kommen. »Du hast gesagt, ich solle ohne Kokor kommen, und ich kann nicht einfach davonmarschieren. Wißt ihr, sie fragt mich immer, wohin ich gehe. Und dann beobachtet sie mich, um sich zu vergewissern, daß ich auch die Wahrheit gesagt habe.«
Sevets Lippen kräuselten sich, und Obring wußte, sie genoß die Vorstellung, daß er dermaßen eng an Kokor gefesselt war. Doch wenn jemand seine Zwangslage verstehen müßte, dann Sevet — stand sie nicht unter Vas’ unbarmherziger Aufsicht? Nein, vielleicht nicht — Vas war nicht so nachtragend wie Kokor. Er war an diesem Abend vor über einem Jahr nicht einmal wütend geworden. Also hatte Sevet vielleicht nicht so sehr gelitten wie Obring.
Doch als er Sevet nun betrachtete, konnte er sich kaum daran erinnern, wieso er so versessen darauf gewesen war, sie zu besitzen. Ihr Körper hatte seit den alten Tagen beträchtlich an Reiz verloren. Zweifellos hatte das Kind das seine dazugetan — der dicke Bauch, die zu vollen Brüste —, aber es wurde auch an ihrem Gesicht deutlich, eine gewisse Verbissenheit, ein grimmiger Zug um die Augen. Sie war keine schöne Frau. Andererseits jedoch hatte Obring wohl kaum ihren Körper geliebt. Es hatte zum einen Teil an ihrem Ruhm als eine der führenden Sängerinnen Basilikas gelegen, und zum anderen daran — gestehe es dir ein, Obring, alter Knabe —, daß sie Kojas Schwester war. Schon damals hatte Obring es seiner hübschen, aufreizenden, verächtlichen Frau heimzahlen, ihr zeigen wollen, daß er eine bessere Frau bekommen konnte, wenn er es nur wollte. Zweifellos hatte er nichts dergleichen bewiesen, denn Sevet hatte bestimmt nur aus ähnlichen Gründen mit ihm geschlafen – wäre er nicht Kokors Mann gewesen, hätte sie nicht einmal Speichel verschwendet, um ihn anzuspucken. Beide hatten sie es darauf angelegt, Kokor zu verletzen, und es war ihnen gelungen, und seitdem mußten sie dafür bezahlen.