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Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]

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Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]
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Als er an dieses Erlebnis dachte, erschauderte er. Doch dann wurde ihm klar, daß darin auch eine gewisse Möglichkeit lag …

»Überseele«, flüsterte er. »Es gibt auf dieser Welt meisterliche Bogenmacher. In diesem Augenblick schnitzt bestimmt einer davon ein Stück Holz in die richtige Form.«

›Keiner mit so primitiven Werkzeugen, wie sie dir zur Verfügung stehen‹, sagte die Überseele in seinem Verstand.

»Dann suche einen und gib ihm die Idee ein, einen Bogen mit einem einfachen Messer zu schnitzen. Und dann versetze seine Gedanken, seine Bewegungen in meinen Geist. Gib mir das richtige Gefühl dafür.«

›Es wird dich in den Wahnsinn treiben.‹

»Suche in deinen Speichern einen Bogenmacher, einen, der immer so gearbeitet hat — in vierzig Millionen Jahren muß es doch einen gegeben haben, der das Gefühl des Messers geliebt hat, der einen Bogen schnitzen konnte, ohne dabei zudenken.«

›Ah … ohne zu denken … reine Gewohnheit, reiner Reflex …‹

»Vater hat sich in seinem Traum so eindringlich auf alles konzentriert — deshalb konnte ich es nicht ertragen, seine Erinnerungen in meinem Verstand zu haben. Aber ein Bogenmacher, der mit den Händen arbeitet, ohne dabei nachzudenken … Gib mir dessen Geschick ein. Laß mich wissen, wie es sich anfühlt, damit auch ich diese Reflexe habe.«

›Ich habe so etwas noch nie versucht. Ich wurde nicht zu diesem Zweck entworfen. Vielleicht treibt es dich trotzdem in den Wahnsinn. »Vielleicht bringt es uns aber einen Bogen«, sagte Nafai. »Und wenn es mir nicht gelingt, einen Bogen zu schnitzen, ist diese Expedition vorbei.«

›Ich werde es versuchen. Gib mir Zeit. Es dauert eine Weile, in all den Jahren des menschlichen Lebens auf Harmonie einen Mann zu finden, der so unbekümmert gearbeitet hat …‹

Also wartete Nafai. Eine Minute, zwei Minuten. Und dann überkam ihn ein seltsames Gefühl. Ein Prickeln, eigentlich nicht in seinen Armen, sondern in der Vorstellung, die er selbst von seinen Armen hatte. Der Drang, die Muskeln zu bewegen, sich an die Arbeit zu machen. Es ist soweit, dachte Nafai, die Erinnerung der Muskeln, der Nerven, und ich muß lernen, sie zu empfangen, meinen Körper von den Händen und Fingern, Gelenken und Armen eines anderen Menschen führen zu lassen.

Er verlagerte das Messer in seiner Hand, bis es sich bequem anfühlte. Und dann zog er das Messer über die Oberfläche des Holzes, drang nicht mit der Klinge ein, bekam nur ein Gefühl für den Schößling. Und dann endlich wußte er — oder besser gesagt, fühlte er —, wann das Holz die Klinge einlud, in seine Oberfläche einzudringen, die dünne Rinde abzuschälen. Er zog das Messer durch das Holz, wie ein Fisch sich durch das Meer bewegte, fühlte den Widerstand des Holzes und lernte davon, fand die harten Stellen, die weichen und arbeitete um sie herum, gab nach, wo zuviel Druck das Holz zersplittern lassen würde, griff hart zu, wo das Holz nach der Disziplinierung durch die Klinge schrie.

Die Sonne war untergegangen, und der Mond ging gerade auf, als er fertig war. Aber der Bogen war glatt und wunderschön.

Grünes Holz, also wird es seine Spannkraft nicht lange behalten.

Woher weiß ich das? dachte Nafai und lachte dann über sich. Woher habe ich irgend etwas davon gewußt?

Wir können die Schößlinge sammeln, die wir brauchen, und aus einem Teil sofort Bögen machen, andere aber aufbewahren, damit sie altern und die Bögen, die wir später daraus anfertigen werden, auch halten. Es gibt auf unserem Weg nach Süden genug Wälder, die unseren Zwecken genügen. Wir müssen nicht einmal hier verweilen, um Holz zu sammeln.

Vorsichtig entrollte er ein Ende der Schnur, die Luet ihm gegeben hatte, und befestigte sie an dem dafür vorgesehenen schmalen Haken, den er an dem einen Ende des Bogens geschnitzt hatte. Dann zog er die Schnur den Bogen entlang zum anderen Ende, schlang sie um den anderen Haken und befestigte sie auch dort. Die Schnur war so straff, daß sie ständig unter Spannung stand und nicht wackeln würde, wenn er einen Pfeil abschoß, sondern sich augenblicklich wieder strammzog, so daß der Pfeil auch sein Ziel finden würde. Es fühlte sich richtig an, als hätte er es schon tausendmal getan, und er verknotete geschickt die Schnur und schnitt den überschüssigen Rest ab.

»Wenn ich darüber nachdenke, was ich tue«, flüsterte er der Überseele zu, »kann ich es nicht mehr.«

›Weil es ein Reflex ist‹, kam die Antwort in seinen Sinn. ›Er geht tiefer als Gedanken.‹

»Aber werde ich mich daran erinnern? Es den anderen beibringen können?«

›Du wirst dich an einen Teil davon erinnern. Du wirst Fehler machen, aber es wird dir wieder einfallen, denn jetzt ist das Wissen auch tief in deinem Verstand. Du kannst vielleicht nicht erklären, was du tust, aber die anderen können dich beobachten und so lernen.‹

Der Bogen war fertig. Er nahm die Schnur wieder ab und begann mit den Pfeilen. Die Überseele hatte ihn zu einem Ort geführt, an dem viele Vögel nisteten — dort gab es jede Menge Federn. Und die kurzen, geraden Pfeilschäfte machte er aus dem harten Schilfrohr, das um einen Teich wuchs. Und die Pfeilspitzen aus dem Obsidian, das aus der Seite eines Hügels bröckelte. Er sammelte alles ein, ohne eine Ahnung zu haben, was er damit anfangen wollte; doch nun strömte das Wissen einfach aus seinen Fingern, ohne je sein Bewußtsein zu erreichen. Bei Anbruch der Dämmerung würde er den Bogen und die Pfeile haben und vielleicht noch ein paar Stunden schlafen können. Dann würde das Tageslicht und seine wirkliche Probe kommen: Er mußte seine Beute aufspüren, verfolgen, töten und nach Hause bringen.

Und wenn es mir gelingt … was dann? Ich werde der Held sein, triumphierend ins Lager zurückkehren mit dem Blut meiner Beute an meinen Händen, auf meiner Kleidung. Ich werde derjenige sein, der Fleisch beschaffen konnte, als es keinem anderen möglich war. Ich werde dafür sorgen, daß die Expedition fortgesetzt wird. Ich werde Velikoduschnu sein, der Retter meiner Familie und Freunde, und alle werden wissen, daß ich, als sogar mein Vater vor der Reise zurückschreckte, eine Möglichkeit fand, sie fortzusetzen, und wenn wir zwischen den Sternen reisen und der Fuß eines Menschen wieder den Boden der Erde betritt, dann wird es mein Triumph sein, weil ich diesen Bogen gemacht habe, diese Pfeile, und weil ich den Frauen Fleisch brachte …

Dann, mitten in seinem eingebildeten Triumph, ein anderer Gedanke: Von da an wird man mich für alles verantwortlich machen, was schiefgeht. Mir wird man jedes Unglück auf unserer Reise zuschieben. Es wird meine Expedition sein, und selbst Vater wird mich als Führer anerkennen. An diesem Tag wird Vater unwiederbringlich geschwächt werden. Wer wird uns dann führen? Bis jetzt wäre die Antwort klar gewesen: Elemak. Wer könnte ihn schon herausfordern? Wer würde einem anderen folgen, abgesehen von den wenigen, die alles tun, was die Überseele verlangt? Doch wenn ich nun als Held zurückkehre, werde ich imstande sein, Elemak herauszufordern. Nicht, ihn zu überwältigen. Nur herausfordern. Ich werde lediglich stark genug sein, um die Gruppe zu zerreißen. Ganz gleich, wer gewinnt, es wird nur zu Verbitterung führen, vielleicht sogar zu Blutvergießen. Wenn die Expedition Erfolg haben will, darf ich es nicht dazu kommen lassen.

Also kann ich nicht als Held zurückkehren. Ich muß eine Möglichkeit finden, das Fleisch zurückzubringen, das wir zum Überleben brauchen, ohne dabei — Vaters Position zu schwächen.

Und während er darüber nachdachte, setzten seine Finger und Hände die Arbeit fort, fanden unweigerlich das geradeste Schilf und kerbten es für die Sehne ein, schnitten geschickt Spiralen für die Federn und brachten am anderen Ende die kleinen Pfeilspitzen aus Obsidian an.

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