Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
Das Geschöpf hatte begonnen, aus den Schatten zu materialisieren, kaum daß der BMW abgefahren war. Es stand einfach da, reglos, schweigend, und starrte die beiden bewußtlosen Gestalten an. Manchmal bewegten sich seine grausamen Hände, und manchmal, noch seltener, raschelte eine seiner riesigen ledrigen Schwingen, scharrte eine Klaue über Asphalt. Es wartete.
Das Geräusch des Krankenwagens kam nun endgültig näher. Am westlichen Ende der Straße erschien ein Scheinwerfer unter einem zuckenden Blaulicht, und gleichzeitig begann sich aus der entgegengesetzten Richtung eine andere, hellere Sirene zu nähern.
Die Kreatur drehte den Kopf und starrte das näherkommende Blaulicht an. Die hektisch zuckenden Reflexe spiegelten sich auf seinen Augen und erfüllten sie für einen Moment mit der Illusion von Leben, das niemals darin gewesen war.
Dann zog sie sich lautlos und schnell wieder in die Dimension zurück, aus der sie gekommen war, als wäre sie wirklich nicht mehr als ein Schatten gewesen.
18
Braun schaltete das Handy aus, betrachtete den Apparat einen Moment lang nachdenklich und ließ ihn dann mit einem angedeuteten Achselzucken in der Jackentasche verschwinden. Cremer antwortete nicht; das war ärgerlich, aber nicht einmal besonders außergewöhnlich. Cremer gehörte nicht unbedingt zu seinen zuverlässigsten Mitarbeitern. Es kam oft vor, daß er sich nicht sofort meldete, weil er nicht an seinem Platz war oder auch einfach keine Lust hatte. Cremer gehörte zu jenen Männern, die insgeheim nach Autorität suchten, sich aber trotzdem schwer damit taten, sie anzuerkennen, und deshalb immer wieder im kleinen den Aufstand probten. Solange er es dabei bewenden ließ, dann und wann auf einen Anruf verspätet zu reagieren oder einen Befehl ein wenig großzügig zu interpretieren, ließ ihm Braun diese kleinen revolutionären Anwandlungen. Heute war er allerdings zu weit gegangen. Er hatte sein Handy nach dem ersten Klingeln ausgeschaltet, und das würde Braun ihm nicht mehr durchgehen lassen. Aber heute nacht ging ja sowieso alles schief.
Braun fuhr sich mit beiden Händen durch das Gesicht, unterdrückte ein Gähnen und ließ seinen Blick über die Schreibtischplatte vor sich schweifen. Theoretisch. Praktisch konnte er keinen Quadratzentimeter davon sehen, denn der Tisch quoll über von Ordnern, Computerausdrucken und Plastikschnellheftern, auf denen in feuerroten Buchstaben das Wort VERTRAULICH prangte. Der Anblick störte ihn in zweierlei Hinsicht. Zum einen haßte Braun Unordnung. Er war kein wirklicher Pedant, aber doch nicht allzu weit davon entfernt, und wenn die Theorie stimmte, daß der Arbeitsplatz eines Menschen seinen seelischen Zustand widerspiegelte, dann war bei ihm wirklich einiges nicht mehr im Lot. Zum anderen - und das war weitaus schlimmer - bewies das Chaos auf seinem Schreibtisch etwas, was er schon seit einer geraumen Weile befürchtete: Die Sache lief aus dem Ruder. Und das gründlich.
Braun nahm einen der schmalen Ordner zur Hand, schlug ihn auf und blätterte ziellos darin herum, ohne allerdings wirklich zu lesen. Er kannte ihn ohnehin auswendig; so, wie er jedes der Schriftstücke auf seinem Schreibtisch auswendig kannte. Es waren eine Menge bedruckter Seiten, trotzdem auch wieder erstaunlich wenige, wenn man die Größe der Aufgabe bedachte, die sie sich gestellt hatten. Fünf Jahre, dachte er. Fünf Jahre lang hatte alles geklappt wie am Schnürchen. Sie waren langsam voran gekommen, aber damit hatten sie gerechnet, trotzdem aber stetig, und sie hatten Fortschritte gemacht, mehr und größere als irgendeiner der Beteiligten - ihn selbst ausgenommen - auch nur ahnte. Seit ein paar Wochen aber lief alles schief. Und er wußte nicht einmal, warum.
Auch das war etwas, was Braun außerordentlich ärgerte. Er hätte es wissen müssen. Er war sozusagen die Schaltzentrale in dieser Geschichte, der Knotenpunkt, an dem alle Informationen zusammenliefen und sich zu einem Ganzen zusammenfügten. Er. Sein Gehirn, nicht das Sammelsurium bedruckten Papiers vor ihm, und erst recht keine Datenbank, denen er nicht traute. Braun setzte die modernste Technik ein, wo es nur ging, aber Computerdateien mißtraute er zutiefst. Schon weil er wie kaum ein anderer wußte, wie lächerlich das Wort Datensicherheit im Grunde war.
Das Telefon klingelte. Braun setzte dazu an, in die Tasche zu greifen, realisierte erst dann, daß es der Apparat auf seinem Schreibtisch war, nicht das Handy, und fegte unwillig einen Hefter zur Seite, um an das Gerät zu gelangen. Der Apparat hatte die Größe eines Notebooks und sah auch ungefähr so aus. Als Braun ihn aufklappte, schaltete sich der briefbogengroße LCD-Bildschirm darin automatisch ein, und er blickte in ein müdes Gesicht mit dunklen Tränensäcken unter den Augen und wirrem Haar. Die Uhrzeit, die automatisch am unteren linken Bildschirmrand eingeblendet wurde, paßte zu der Müdigkeit in diesem Gesicht. Drei Uhr zwölf. Braun fragte sich, warum er eigentlich nicht müde war. Er hatte vor fast sechsunddreißig Stunden das letztemal geschlafen.
»Ja!« sagte er knapp.
»Guten Morgen, Herr Braun«, sagte Mecklenburgs Assistent. Braun konnte sich im Moment nicht an seinen Namen erinnern. Seine Müdigkeit machte sich wohl doch stärker bemerkbar, als er angenommen hatte. »Es tut mir leid, daß ich Sie so spät noch einmal störe, aber hier geht etwas vor, was Sie wissen sollten.«
»Das macht nichts«, antwortete Braun. »Ich habe nicht geschlafen. Was gibt's?«
Mecklenburgs Assistent druckste einen Moment herum wußte augenscheinlich nicht mehr, wohin mit seinem Blick. Es war deutlich, daß er Angst vor seiner eigenen Courage hatte. Einen Entschluß zu fassen war eben manchmal doch leichter, als ihn in die Tat umzusetzen. »Wir haben wieder ... Aktivitäten«, sagte er schließlich.
»Aktivitäten?« Braun wußte genau, was er meinte. Er erinnerte sich jetzt auch an seinen Namen.
»Haymar«, antwortete Grinner nervös. »Seine ... zerebralen Werte sind mittlerweile so hoch, daß wir sie nicht mehr messen können.« Warum war Braun eigentlich nicht überrascht?
»Was sagt Doktor Mecklenburg dazu?«
»Nichts«, antwortete Grinner. »Ich meine: Er weiß es nicht. Er ... hat sich vor einer halben Stunde hingelegt, um ein bißchen zu schlafen.«
Und du hast es natürlich nicht für nötig gehalten, ihn zu wecken, dachte Braun. Der erste Eindruck, den er von Grinner gehabt hatte, schien richtig gewesen zu sein. Der Mann war ein Intrigant, hatte aber nicht die Charakterstärke, um diese Rolle mit Erfolg auszufüllen. Er würde mit Mecklenburg reden. Nein. Braun korrigierte sich in Gedanken. Er würde höchstpersönlich dafür sorgen, daß Grinner in eine hübsche kleine Wetterbeobachtungsstation am Polarkreis versetzt wurde, sobald diese Krise hier vorbei war. »In Ordnung«, sagte er. »Ich komme nach unten. Wecken Sie den Professor.« Er klappte das Gerät zu, stand auf und verließ mit schnellen Schritten das Zimmer. Ein menschenleerer, nur schwach erhellter Korridor nahm ihn auf. In der Luft hing ein ganz sachter Kiefernduft, der die Stelle des Aerosol-Geruchs früherer Zeiten eingenommen hatte, und der teure Teppichboden dämpfte das Geräusch seiner Schritte fast bis zur Unhörbarkeit. Die Wände des langen Korridors waren mit pastellfarbenem Kunststoff verkleidet, und es gab eine Anzahl hochwertiger Kunstdrucke in teuren Rahmen. Die Architekten, die dieses Gebäude vor fünf Jahren renoviert hatten, hatten sich jede nur erdenkliche Mühe gegeben, seine Besucher vergessen zu lassen, daß sie sich in einem Krankenhaus befanden. Braun vergaß es keine Sekunde. Er hatte eine tiefsitzende Abneigung gegen Krankenhäuser. Die St.-Elizabeth-Klinik mochte mit zu den teuersten und vornehmsten Privatkliniken des Landes gehören aber eine Klapse blieb eine Klapse, auch wenn man sie vergoldete. Braun wußte natürlich, daß der Gedanke vollkommen irrational war, und er hätte es niemals zugegeben - aber tief in sich war er der Überzeugung, daß ein Gebäude sich stets den Menschen anpaßte, die darin lebten. All die Bekloppten, die hinter den mahagoniverkleideten Stahltüren saßen und sich für Napoleon hielten oder versuchten, Eier zu legen, konnten nicht ohne Wirkung auf dieses Haus geblieben sein.