Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.». Краткое содержание книги:
»M«, sagte die Fee. »Très bien. Die erste Frage lautet: Was bedeutet ›Mäeutik‹?«
Gwendolyn lachte innerlich, bemüht, ihre Lippen ruhig zu halten. Mit dem Thesaurusimplantat in ihrem Kopf waren solche Rätsel gewiß kein Problem. Sie schloß die Augen und las vor: »Die Mäeutik ist ein Lehrverfahren des Sokrates, durch geschicktes Fragen auf die Lösung des Problems hinzuführen.«
»Ah, oui! Hier ist dein erster Preis.« Ein Teil des Feennebels waberte deutend in Richtung eines flachen Steins. Eine Wolke von Glitzerstaub wirbelte darüber, verdichtete sich, bis dort schließlich eine Feder lag. »Diese Kakadufeder.«
»Kakadu?« quietschte Fips auf Gwendolyns Schulter. »Herrje, Ammenmärchen. Kakadus gibt es nicht.«
»Mon dieu! Diese Feder, wenn du sie fallen läßt, verleiht dir die Gabe zu fliegen. Dazu sag folgenden Zauberspruch auf:
Garan, Vege, Sabo, Sor,
Resul, Hauptquar, Imi, Por,
Respek, Vorda, Exis, Arre,
spannen wir vor unsre Karre.
Dreizehn, fünef, sieben, vier,
jedes -tier ist ein Pläsier;
Ampu, Mon, Jus, No und Dik,
bringen uns jedoch kein Glück.
Murmel aber, Maul und Schnabel
sie gehörn ins Reich der Fabel.«
»Herrjemine, wenn wir das nur nicht übersetzen müssen. Fliegen, das ist doch nichts Besonderes, nichts Besonderes.«
»Schscht! – Ist dieser Spruch wirklich notwendig?«
»Non. Ich dachte nur, das macht es etwas interessanter. Du kannst auch ein wenig Latein versuchen. Doch nie darfst du den gleichen Zauber erneut gebrauchen – bis repetita non placent. Bist du bereit, die zweite Frage zu beantworten? Pardon, ich vergaß, wenn du die rechte Antwort nicht weißt, verlierst du die Flugfeder wieder.«
»So ist das! Was ist der zweite Preis?«
»C’est une surprise.«
»Na schön. Ich wag’s.«
»Tu’s nicht, tu’s nicht!«
»Alors, die zweite Frage: Was ist der Malleus maleficarum?«
Gwendolyn tat, als müßte sie darüber nachdenken. »Der Hexenhammer«, antwortete sie. Dazu gab es einen Querverweis mit einem ellenlangen Eintrag, den sie größtenteils übersprang: »Der von den dominikanischen Inquisitoren Sprenger und Institoris verfaßte Kommentar zur Hexenbulle Papst Innozenz’ VIII. zur systematischen Verfolgung von Hexen.«
Die Fee nickte. »Der zweite Preis, voilà.« Auf dem flachen Stein neben der Feder entstanden wie aus sprühenden Wunderkerzen zwei Glasfläschchen. »Du trinkst jenes, welches leichtes Wasser enthält, aus. Das aber, welches schweres Wasser enthält, schüttest du in einen Fluß oder See, und schon bist du in der Lage, übers Wasser zu gehen, ganz wie über feste Erde.«
»Wozu das, wenn du fliegen kannst«, flüsterte Fips, »wozu?«
»Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker«, bemerkte die Fee. Gwendolyn sah sie scharf an.
»Frage drei, so du bereit bist, und die beiden ersten Accessoires aufs Spiel setzt.«
»O, oh. Ich sag nichts, ich sag nichts.«
»Nur zu.«
»Diese Aufgabe besteht aus zwei Teilen. Erstens: Was ist ein magisches Quadrat?«
»Ein magisches Quadrat, auch Hexeneinmaleins genannt, ist ein Quadrat, das schachbrettartig in Zahlenfelder eingeteilt ist, deren Summe waagrecht, senkrecht und diagonal gleich ist«, sagte Gwendolyn. Sie überflog den Text, der vor ihrem inneren Auge vorüberzog. »Zunächst in China, etwa das Saturnsiegel.« Sie nahm einen Zweig, kratzte ein paar Linien in den Sand und kopierte das magische Quadrat aus dem Thesaurus:
»Später beispielsweise in Dürers Melancolia.« Sie fuhr fort, in den Sand zu schreiben:
»Excellent! Das ist fast schon der zweite Teil der Aufgabe: gib mir ein magisches Quadrat der Ordnung Sieben!«
Gwendolyn wischte ihre Zeichnung aus. Ein so großes Quadrat war in ihrem Thesaurus nicht angegeben. Sie schloß die Augen. War nun alles verloren? Doch sie hatte Glück: für ungerade Zahlen war ein Verfahren angegeben. Sie zeichnete ein Quadrat in den Sand und unterteilte es in 49 Felder. »Wir beginnen in der Mitte der ersten Zeile«, sagte sie und trug an der genannten Stelle eine Eins ein. »Falls die gerade bearbeitete Zahl durch – hm, sieben – teilbar ist, ist im darunterliegenden Feld, sonst im rechts darüber liegenden fortzufahren.« Sie bewegte den Zweig nach rechts oben – außerhalb des Quadrats. »Nanu? Oh, falls die erste Zeile oder die letzte Spalte überschritten wird, ist im gegenüberliegenden Feld fortzufahren.« Sie schrieb eine Zwei ins fünfte Feld der letzten Zeile, eine Drei und Vier jeweils rechts darüber, die Fünf ins mittlere Feld der ersten Spalte, die Sechs und die Sieben jeweils rechts darüber, die Acht unter die Sieben, und so fuhr sie fort, bis das magische Quadrat vollständig war:
Auf diese einfache Methode reduziert, hatte das magische Quadrat absolut nichts mehr Magisches an sich. »Die Summe in jeder Zeile, Spalte und den beiden Diagonalen beträgt …«, sagte sie prahlerisch und murmelte vor sich hin: »Sieben mal – 49 plus eins, fünfzig – dreihundertfünfzig, durch zwei …« Mit fester Stimme fuhr sie fort: »Einhundertfünfundsiebzig.«
»Ah, c’est ça!« Neben der Feder und den Arzneifläschchen erschien inmitten funkelnder Sternchen eine Lupe. »Betrachte dich durch dieses Vergrößerungsglas, sag einen passenden Zauberspruch dazu auf, und du wächst und wächst und wächst. Adieu.« Die Fee verblaßte, ihr nebelhafter Leib wurde noch vager, löste sich auf. Tausende von Christspinnen, die allesamt ein M auf dem Rücken trugen, fielen vom Baum wie reifes Obst und wuselten in alle Richtungen davon.
Gwendolyn spürte, daß sie tatsächlich durstig war. »Pause!« sagte sie. Der Wald um sie herum verschwand, sie lag auf ihrem Bett.
Alyssa nahm die Klammer ab und ließ die Küche einen Fruchtsaft aus Äpfeln, Orangen und Kiwis zubereiten. Am Terminal las sie die eingegangene Post, während sie trank. Den Großteil überflog und archivierte sie, eine Nachricht markierte sie als ungelesen, um sie später zu beantworten. Dann schlenderte sie zurück ins Schlafzimmer, stellte das Glas ab, legte sich hin und setzte die Klammer wieder auf.
Zurück auf der Lichtung, ging Gwendolyn zu Grobian, der noch immer fraß – Grasbüschel hingen links und rechts aus seinem Maul, während der Unterkiefer geräuschvoll auf und ab mahlte –, verstaute Feder, Fläschchen und Vergrößerungsglas in der Satteltasche, saß auf und ritt weiter.
Rasch brach die Nacht herein. Als sie ein Licht entdeckte, stieg sie ab und schlich vorsichtig näher. Sie fand einen Jägersmann an seinem Lagerfeuer. Es roch nach gebratenem Fleisch. An einem einfachen Spieß, der über zwei in die Erde gebohrten Astgabeln lag, röstete der gehäutete Kadaver eines Gobblehobgoblin. Der Kobold hatte ausgekollert. Mit einem Messer, dessen Griff aus Drachenhorn gefertigt war, schnitt der Jäger große Stücke vom Fleisch. Zischend tropfte Saft ins Feuer. Ringsum waren Engelbälge zum Trocknen aufgehängt, stattliche ausgewachsene Engel mit prächtigem Gefieder ebenso wie junge, kaum größer als ein Kartoffelgnom. Manche Leute mißbrauchten Fancy, um ihre perversen Phantasien auszuleben. Entsetzt, und froh, unbemerkt geblieben zu sein, ritt Gwendolyn weiter.
Der Wald schien sich zu verändern, der Boden wirkte wie ein brauner, grobgewebter Teppich, die blattlosen, toten Bäume schimmerten in geisterhaft bleichem Grün. Dazwischen wuchsen zehn Fuß hohe, modrig riechende Pilze. Mondschatten schienen nach ihr zu greifen, leuchtende Augen beobachteten sie von ringsum, Dryaden huschten vorbei, Trolle flitzten vor ihr über den Boden und die Stiele von Riesenschirmpilzen und Spitzmorcheln hinauf. Es wirkte unheimlich, und der Schreck über den Jäger saß ihr noch so in den Gliedern, daß sie im Zeitraffer ein paar Augenblicke bis zur Dämmerung verstreichen ließ.