Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.». Краткое содержание книги:
»Die Geschworenen werden ihr Urteil bekanntgeben«, verkündete Algie.
Unerbittlich sah sie ihn an – er vertraute sie einem höhergestellten Henker an.
»Nach ausführlicher Beratung«, begann Algie, der Geschworene, »erklären die Geschworenen die Angeklagte für schuldig. Auf die Frage: ›Hat die Angeklagte Androide zur Revolte angestachelt?‹ antworten die Geschworenen einstimmig mit Ja. Auf die Frage: ›Hat sich die Angeklagte der Mittäterschaft am Verbrechen gegen künstliche Diener des Gesetzes, die im Dienst ermordet wurden, schuldig gemacht?‹ antworten die Geschworenen mit einer Zweidrittel-Mehrheit mit Ja.«
Algie schwieg und gab keinerlei Erklärungen über das andere Drittel ab, das so nachsichtig mit der kleinen Eva gewesen war. Gleichfalls, und sonderbarerweise, unterließ er es, sich über das Strafmaß zu äußern. Gut, man erklärte sie für schuldig – doch wozu verurteilte man sie? Zum Tode, zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe, zum ewigen Verstummen? – Zweifellos nicht zum Tode, denn die Androiden waren – ontologisch betrachtet – unteilbar, was von vornherein die Prozeduren ausschloß, die ihre anatomische und genetische Unversehrtheit leugneten, das heißt alle, sogar das Vergasen. Welche Möglichkeiten blieben also? – Zumindest in jenen heroischen Zeiten des Aufkommens der künstlichen Intelligenz war das alles viel einfacher gewesen: die Roboter endeten im Mörser.
»Wie werde ich sterben?« fragte sich die kleine Eva. »Und wer wird mich zum Tode befördern?« Ein Mensch, ein Androide wie sie selbst?
Plötzlich kam es ihr seltsam vor, daß die Anklageschrift und die Entscheidungsgründe in der Urteilsschrift einräumten, daß die Ermordung eines Androiden durch seinesgleichen überhaupt im Bereich des Möglichen lag. Eigentlich hätte der Staatsanwalt vor Entrüstung aufschreien und von einem Sakrileg sprechen müssen.
Was ihre Mittäterschaft bei diesem rätselhaften Verbrechen anging, war sie sich ihrer Sache nicht ganz sicher, da sie sich an nichts mehr erinnern konnte. Möglicherweise handelte es sich sogar um eine Verschwörung. Natürlich konnte sie das nicht beweisen, und zwar nach wie vor aus denselben Gründen. Ihr Gedächtnisschwund entschuldigte sie nicht: er war lediglich ein Hinweis darauf, daß das Räderwerk der Justiz im Verlauf der Untersuchung ihr Gedächtnis zermalmt hatte.
Diese letzte Hypothese war die wahrscheinlichste und gleichzeitig die demütigendste. Algie begnügte sich nicht damit, ihr ihre Vergangenheit als Mensch zu konfiszieren, sondern entwertete auch die Erinnerungen ihres Androiden-Daseins … Und was war mit dieser Geschichte einer Revolte? Waren die fraglichen Androiden Rebellen? Und sie, war sie ihr Mannweib …?
»Ich möchte Berufung einlegen«, sagte sie mit deutlich hörbarer Stimme. Der mit Speichel befeuchtete Knebel zerriß. Als Provokation zerkaute sie ihn und schluckte ihn hinunter.
Algie sah sie ungläubig an.
»Dieser Prozeß muß für ungültig erklärt werden«, fuhr sie fort, »die Zeugen sind nicht geladen worden!«
Algie zuckte die Achseln. Sein Kopf verschwand zwischen seinen Buddha-Schultern. Dann ging er nach Hause, seine Aufgabe war erledigt.
»Bronze, läßt du mich ganz allein zurück?«
Wie versteinert stand er da. Mit geschlossenen Augen, gespitzten, harten Lippen, die Hände auf dem Nabel liegend, als würde er für die Ewigkeit posieren.
Die kleine Eva näherte sich der Statue, stützte sich mit den Ellbogen auf die Umrandung des Zeugenstandes und weinte.
»Stimmt es, daß du weggegangen bist?«
Sie versuchte, die Stille der Zelle zu brechen: es kam ihr vor, als würde die Maschine summen. Doch das Summen war so undeutlich zu hören, kam von so weit her, daß es sich auch um die Hintergrundgeräusche ihrer inneren Armaturen handeln konnte.
Wenn Algie summte, so hieß das, daß er seinen Winterschlaf hielt. Also handelt es sich um undurchsichtige Machenschaften! dachte die kleine Eva. »Man isoliert mich, um meine Reaktionen zu testen …«
Sie hatte Angst. Die Einsamkeit war ein Gefühl, das die Androiden kannten. Sie erinnerte sich an ihren ersten Kontakt mit den Weltraumkolonien, als sie allein, tagelang allein gewesen war, in einer keimfreien Kuppel, wo sie ungeduldig auf ihre Ablösung wartete …
SIE ERINNERTE SICH!
Sie erinnerte sich – als Algie gegangen war, hatte er ihr ihr Gedächtnis zurückgegeben. Warum, fragte sie sich voller Angst. Mit Sicherheit handelte es sich nicht um ein Geschenk: er beobachtete sie, setzte sie so lange dem Schweigen aus, bis sie sich verriet!
Ihr Geist sträubte sich, versuchte, den Andrang der Erinnerungen zurückzuhalten. Doch sie erinnerte sich, sie erinnerte sich, ihr Hirn verlor massenhaft Erinnerungen …
Nacheinander tauchten die Bilder einer Mauer, die Bilder einer wilden Verfolgungsjagd, eines Kampfes auf – sie begriff: das waren die Flüchtenden. Algie hatte recht: sie hatte diese Ereignisse tatsächlich miterlebt.
Dann zogen, fragmentarisch und rasch aufeinanderfolgend, die Bilder ihres Abschieds von den Flüchtenden, die Bilder vom Eintreffen der Ordnungskräfte vorbei … Sie sah einen Schatten, der sie auf den Mund küßte. Sie sah einen Schatten, der rittlings auf der Mauer saß, ein Licht, das den Sternenhimmel entflammte.
Der Kuß auf den Mund verblüffte sie – Androiden küßten sich nie, nicht einmal spöttisch, denn der Mensch ertrug es nicht, daß man seine Liebesgewohnheiten nachäffte. Zudem hatten die Androiden keinerlei Interesse, nutzlos zu sündigen, weil sie frigide waren. Wenn einer von ihnen der Versuchung erlag, so hieß das, daß ein Reisender, Mann oder Frau, versucht hatte, ihn zu verführen – gewöhnlich handelte es sich um einen Homosexuellen (oder um eine Lesbierin), der (die) nicht wußte, wie man zu Unrecht sagte, daß das Zwitterhafte der Androiden erregend war. Doch stets beklagten sich die Verführer über die Passivität ihrer Eroberungen, und die Verwaltung der Weltraumkolonien ließ sie im Namen der Moral gewähren, unter der Bedingung, daß das Abenteuer ein einmaliger Zwischenfall bleiben würde. Zuletzt jedoch, als die eheähnlichen Verhältnisse immer häufiger wurden, ging sie mit aller Strenge vor. Der (oder die) Perverse wurde auf die Erde zurückgeschickt, dem Androiden wurde eine Moralpredigt gehalten, und damit war die Sache erledigt.
»Fräulein Eva …«
Eine Stimme riß sie aus ihren Überlegungen. Sie hob die Augen zum Buddha, doch er war nicht derjenige, der sie angesprochen hatte.
»Fräulein Eva, hier …«
Sie drehte sich um. Die Tür des Abstellraums der Zelle stand offen und auf dem Reliefbildschirm eines Fernsehapparats flimmerte ein lächelndes Gesicht.
»Ich bin Ihr neuer Anwalt«, erklärte der Unbekannte fröhlich.
Die kleine Eva trat näher.
»Wer sind Sie?«
»Ich habe den Auftrag, Sie zu verteidigen.«
»Das habe ich nicht gemeint … Sind Sie ein Androide?«
»Ja.«
Sie hätte es sich denken können: seine Gesichtszüge waren die eines neumodischen Zwitters. Das eher junge Individuum hatte einen sehr runden Kopf, und die sogenannten männlichen Merkmale konzentrierten sich wie gewohnt um die lange, spitze Nase, die dichten schwarzen Augenbrauen und die braunen, starren, kurzgeschnittenen Haare – also im wesentlichen auf die obere Gesichtshälfte –, während die weiblichen Eigenschaften die untere Gesichtshälfte kennzeichneten, die bartlosen, weichen Wangen, die fleischigen, rot geschminkten Lippen, das feine, spitze Kinn und den freien, glatten Hals. Und die Augen …? Die Augen zeigten weder männliche noch weibliche Kennzeichen, sondern waren von einer anderen Art: eine Mischung aus männlichen und weiblichen Merkmalen, die man, je nachdem, ob man sie ausdruckslos oder verführerisch fand, als mißlungen oder als interessant bezeichnen konnte.