Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.». Краткое содержание книги:
Nach einer Weile pflückte sie von Disteln, die zahlreich am Ufer wuchsen, ein paar Feigen, und aß sie, und von Dornensträuchern Johannis- und Heidelbeeren, die sie sich mit Fips teilte. Es war kalt geworden. Grobians Atem stand in kleinen Wölkchen vor seinen Nüstern. So ritten sie weiter, bis sie schließlich an eine tiefe Schlucht gelangten.
Gwendolyn sah nach unten. Geröll löste sich unter Grobians Füßen vom Rand und fiel hinab. Es fiel und fiel immer tiefer, bis es schließlich in einem Strom glühender Lava versank.
Fips sagte, was er immer sagte: »O, oh.« Links und rechts führte die Schlucht bis zum Horizont, ein Ende war nicht abzusehen. »Jetzt müssen wir zurück, hier gibt es kein Weiterkommen, kein Weiterkommen.«
»Unsinn, wir überfliegen die Schlucht.«
»Das ist gefährlich für dich, bitte nicht, bitte nicht!«
Sie holte die Kakadufeder heraus und ließ sie in die Tiefe fallen. Mit kreiselnden Bewegungen sank sie der glutflüssigen Lava entgegen.
»Den Zauberspruch, vergiß nicht den Zauberspruch!«
»O ja, wie war das noch? Ach was, ein wenig Latein sollte genügen: Es ist zwar eigentlich eine Feder, aber alea iacta est, in hoc signo vinces.« Sie spürte, wie sie ihr Gewicht verlor, federleicht wurde, und Grobian unter ihr löste sich von der Erde wie ein Heißluftballon. Doch was war das? Sie trieb fort von der Schlucht statt darüber hinweg.
Fips flog auf. »Ich hab’s gewußt!« kreischte er. »Ich hab’s gewußt!« Er nahm eine Haarsträhne Gwendolyns zwischen die Kiefer, eine weitere in jede Pfote und schlug mit den Flügeln auf und ab, so schnell er konnte. Sie klammerte sich fest an den Sattel. Es war für das schmächtige Kerlchen nicht ganz einfach, die Masse des Reitdrachen und der Prinzessin gegen die Luftströmung zu bugsieren, er schubste und stieß, zog und zerrte, doch schließlich gelang es ihm. Über der Schlucht ließen die warmen Aufwinde sie noch höher steigen, auf der anderen Seite sanken sie wieder. »Oh«, brummte Grobian bedauernd; er hatte den Flug offenbar genossen. Als seine Füße den Boden berührten, fühlte Gwendolyn ihr Gewicht zurückfließen.
»Das hast du gut gemacht, Fips«, lobte sie.
Der kleine Zierdrache ließ sich wortlos und keuchend auf ihrer Schulter nieder. Nicht einmal ein ›Das-wird-böse-enden‹ brachte er heraus.
Sie folgten den trockenen, sandigen Mäandern des Flußbetts. Grobians Füße zogen Spuren ins Craquele der staubigen Risse. Sie ritten, ohne daß etwas Erwähnenswertes geschah, und gerade, als Gwendolyn ›Zeitraffer‹ sagen wollte, stieg ihr ein abscheulicher Geruch in die Nase.
Auch Fips hatte es bemerkt: »Jemine, das kann nichts Gutes bedeuten.«
Das Flußbett, das immer breiter geworden war, machte eine letzte Krümmung. Da war es: das Meer.
Alyssa hatte so etwas schon viel zu oft in den Nachrichten gesehen, doch was den Nachrichten fehlte, war der entsetzliche Gestank. Seltsam künstlich wirkten die schmutziggrauen Wellen, die müde auf dem Strand zu gischtloser Brandung ausliefen: Öl.
Wie eine platzende Seifenblase zeigte sich ihr die Erkenntnis: das war nicht mehr ihr Fancy, die fröhliche, atavistische Märchenwelt – es war ein Alptraum. Die Realität war in Fancy eingebrochen – oder ausgebrochen wie ein todbringender Vulkan.
Gwendolyn stieg ab und nahm Grobian beim Zügel. Ölige Klumpen, Seetang, Engel mit verklebtem Gefieder, tote Nixen mit glasigen Augen übersäten den Strand.
»Das Meer der vergessenen Gedanken«, sagte sie kopfschüttelnd. »Das genügt. Schluß damit!« Doch das schreckliche Bild blieb. »Aufhören! Ende! Abbruch!«
Fips schwieg.
Sie saß in Fancy fest. »Nothalt!« schrie sie.
Eine dumpfe Stimme ertönte. »Das ist zwecklos.«
Gwendolyn fuhr herum. Halb aufs Ufer geworfen wie ein gestrandeter Wal lag eine zwei Meter lange Makrele und sprach. Als Gwendolyn genauer hinsah, bemerkte sie, daß die Makrele keinen Fischschwanz hatte, sondern menschliche Beine, die in verschmierten Jeans steckten. Öl schwappte klatschend über die Füße.
»Es hat keinen Sinn. Wir kommen nicht mehr hier heraus. Glauben Sie, ich hätte es nicht versucht?«
»Was hat das alles zu bedeuten? Wer sind Sie? Kommen Sie von draußen?« Ohne Bedenken verstieß sie gegen die Netiquette.
»Liegt das nicht klar auf der Hand?« Die Makrele wirkte schwach und erschöpft. »Haben Sie nicht Dinge erlebt, die nicht hierhergehören, widerliche Dinge? Sterbende Lichtelfen, bei lebendigem Leib von Tolltrollen zerrissen, Sylphiden, von Sylphen massakriert? Mich hat eine böse Fee verzaubert. Früher hätte ich sie jederzeit überlistet, aber jetzt … sehen Sie mich an! Ich bin hilflos, verrotte hier inmitten dieser stinkenden Ölpest.« Schwären auf der schuppigen Fischhaut unterstrichen seine Worte.
»Aber wie ist das gekommen?«
»In welcher Welt leben Sie eigentlich?« Aufgebracht zuckte der Leib der Makrele, trotz ihrer Schwäche. »Verstehen Sie denn nicht?«
»Nein. Nein, ich verstehe überhaupt nichts mehr.«
»Ein Virus! Irgendein Wahnsinniger hat ein Computervirus in das Programm eingeschleust, das diese Pseudorealität aufbaut. Aber es ist kein harmloser Scherz, wie Maden, die über den Bildschirm kriechen und die Fenster annagen, schlimmstenfalls ein paar Daten zerstören. Das ist blutiger Ernst!«
»Das glaube ich nicht! Das kann einfach nicht wahr sein.«
»Nein? Dann sehen Sie sich doch um! Versuchen Sie, Fancy zu verlassen!«
Gwendolyn biß sich auf die Unterlippe. »Können wir nichts dagegen tun?«
»Doch. Das ist das Heimtückische, das Virus ist nicht unbesiegbar, derjenige, der es erschaffen hat, hat zugleich eine Sollbruchstelle eingebaut; aber es ist nur von innen zu knacken, von außen ist es völlig abgeschirmt.«
»Sie haben es versucht?«
»Ja. Bis hierher habe ich es geschafft, dann hat die Kürbisfee mich erwischt. Aber eins habe ich herausgefunden. Sehen Sie dieses Eiland dort?« Die Makrele machte eine vage Bewegung mit der Flosse.
Gwendolyn ließ ihren Blick übers Meer schweifen. Etwa zwei Dutzend Meßketten entfernt entdeckte sie eine kleine Insel. Sie nickte.
»Gut. Dort befindet sich in einer Höhle eine Instanziierung des Virus. Sie muß vernichtet werden. Daß wir hier an diesem Meer sind, ist kein Zufall. Das Virus hat dafür gesorgt, hat uns goldene Brücken gebaut. Gehen Sie! Zerstören Sie es!«
»Aber ich kann Sie doch hier nicht allein lassen.«
»Es bleibt keine andere Wahl, Sie müssen das Virus vernichten. Hören Sie, wenn Sie es schaffen – ich bin seit vier Tagen hier, und mein echter Körper liegt ebensolang hilflos in meiner Wohneinheit. Sorgen Sie dafür, daß …«
»Selbstverständlich. Wie ist Ihr Name?«
»Leberecht.«
»Ich meine draußen, wie soll ich Sie denn finden?«
»Oh, natürlich. Jost Müllerschön, Bochum-Süd.«
Sie schaute übers Meer. »Auf dieser Insel, sagen Sie?«
»Ja. Hier, nehmen sie das.« Leberecht ließ ein Päckchen aus der Flosse fallen.
Gwendolyn hob es auf und untersuchte es: in Ölpapier eingeschlagene Oblaten. »Was ist das?«
»Geweihte Hostien. Vielleicht werden sie Ihnen nützlich sein.«
»Und was soll ich damit anfangen?«
»Transsubstantiation«, sagte die Makrele verächtlich.
Sie schlug in ihrem Thesaurus nach. »Ich verstehe.«
»Sprechen Sie ausreichend Latein für einen Zauberspruch?«
»Ein wenig. Ich denke, es genügt.«
»Gut.« Leberecht atmete schwer. »Wie wollen Sie hinüberkommen?«
»Wir werden sehen. Eine gewisse Gesetzmäßigkeit scheint es ja zu geben. Auf Wiedersehen.«
»Hoffentlich. Viel Glück.«
Gwendolyn wandte sich dem Meer zu.
»Igittigitt, wie das riecht.« Fips schüttelte sich. »Das wird böse enden.«
Gwendolyn nahm Grobian Sattel und Zaumzeug ab und legte sich die Satteltasche über die Schulter. »Du kannst leider nicht mitkommen, alter Freund«, sagte sie. »Die Kliffs der Insel sind zu steil für dich.« Sie nahm die beiden Fläschchen aus der Tasche. Das mit schwerem Wasser gefüllte leerte sie ins Meer, dann hob sie das zweite an die Lippen.