Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.». Краткое содержание книги:
Gwendolyn betrachtete sich in einem Spiegel, der fast eine ganze Wand ausfüllte. Sie war jung, keine zwanzig, nicht einmal halb so alt wie Alyssa. Ein Diadem aus Silber und Saphiren krönte ihr ebenholzschwarzes Haar, das sanft geschwungen über ihre bloßen Schultern floß. Das ebenso dunkle Kleid, besetzt mit Lapislazuli, von den Hüften bis zum bodenberührenden Saum glockenförmig aufgeplustert, pompöse Puffärmel, mit Goldfäden durchwirkter Tüll und scharlachrote Schleppe waren ihrer Stellung durchaus angemessen, doch bestenfalls bei offiziellen Anlässen zu tragen. Rasch entledigte sie sich, ohne eine ihrer Zofen zu bemühen, ihrer Kleidung und ihres Schmucks, und legte ein zweckmäßigeres Wams, Beinkleider und Gamaschen an, die so stark mit Indigo gefärbt waren, daß sie fast schwarz wirkten wie der Burnus eines Targi. Nicht, daß Tuareg hierhergehörten.
»Auf geht’s!« rief sie fröhlich und gab Fips, dem blauen Zierdrachen, der auf seiner Stange saß und vergnügt vor sich hin quietschte, einen Wink.
»O, oh!« antwortete Fips. »Das wird böse enden. Böse enden.« Doch gehorsam faltete das Drächlein seine rosa Fledermausflügel auseinander, flatterte durchs Zimmer und landete elegant auf Gwendolyns Schulter.
Gwendolyn öffnete die schwere Eichentür und stürmte die Wendeltreppe hinab. Nur wenige Fackeln vor rußgeschwärztem Gemäuer beleuchteten die Stiegen, doch selbst in finsterster Nacht wäre Gwendolyn nicht langsamer gewesen. »O, oh!« rief Fips und klammerte sich mit seinen winzigen Vorderpfoten in ihrem Haar fest.
»Sattle Er Grobian!« gebot sie, bei den Stallungen angekommen, und kurz darauf führte der Stallmeister, der sich wieder und wieder verbeugte, so daß er an ein pickendes Huhn erinnerte, Grobian, den anthrazitgrauen Lieblingsreitdrachen der Prinzessin, am Zügel heraus.
»Hör Er auf mit diesen albernen Verrenkungen, und mach Er, daß Er vorankommt!«
Grobian war tumb und plump, doch kräftig und ausdauernd, wie geschaffen für lange Reisen. Er grunzte in Erwartung des bevorstehenden Abenteuers.
»Jemine!« seufzte Fips. »Da können wir uns wieder auf etwas gefaßt machen, was, alter Junge?« Er flatterte nervös von Gwendolyns Schulter und vor ihrem Gesicht auf und ab. »König Pippin, König Pippin hat gesagt …«
Sie schwang sich in den Sattel. »Papperlapapp! Mein Vater ist vor Monaten nach Vanity gereist, um König Balthasar zu besuchen. Willst du mir wieder meinen Ausflug verleiden, kleiner Angstdrache?«
»Ich mein’ ja nur, ich mein’ ja nur. Tsk, tsk, das wird böse enden.«
Mit rasselnden Ketten hob sich das Fallgitter. Grobians Krallen kratzten über die hölzerne Zugbrücke, ein paar Hausdrachen, die am Burggraben weideten, trotteten gemächlich beiseite, als das schwere Tier durch ihre Herde fegte und in einer Staubwolke davonstob.
»Wohin soll’s diesmal gehn, wohin?« fragte Fips.
»Nun«, antwortete Gwendolyn nachdenklich. »Reichskristallwald, Immermeer und Nimmermeer im Westen habe ich bereits gesehen; die Eisriesen im Norden können mir auch geraume Zeit gestohlen bleiben; im Osten gibt es nur Berge, Trümmer und Geröll – also, auf nach Süden!«
»Nach Süden«, quietschte Fips. »Das wird böse enden.«
»Schnickschnack!« Gwendolyn setzte sich im Sattel zurecht. Grobian fiel in einen fast gemächlichen Trab.
»Menü«, gebot sie, und augenblicklich erschien vor ihr in der Luft eine Schrift aus loderndem Feuer. »Was nehmen wir diesmal?« fragte sie und fuhr mit der Hand durch die Flammen. Die Schrift veränderte sich. »Wald, das kann nie schaden.« Das Wort brannte heller. »Eine Fee hätte ich gern.« Auch dieses Wort leuchtete auf. »Orte … ›Meer der vergessenen Gedanken‹? Das klingt hübsch. Flüssiges Gestein? Fein. Was ist das: Feuer, Wasser, Erde, Luft und Quintessenz? Meinetwegen, wir werden sehen. Zufallsfaktor – sagen wir null Komma vier.«
»Oje, nicht so hoch, nicht so hoch! Das ist viel zu gefährlich.«
»Ach was, Humbug! Wenn alles so klar voraussehbar ist, wird es doch langweilig. – Menü Ende, Zeitraffer!« Die Flammenschrift erlosch, und sofort raste die Landschaft an ihnen vorbei, der Wind peitschte ihnen ins Gesicht, fahnengleich wehte Gwendolyns Haar, Grobians Beine verschmolzen zu unscharfen Farbflecken, die Wolken am rosa Himmel türmten sich auf und stürzten wieder in sich zusammen, die Sonne glitt übers Firmament, verschwand hinter dem westlichen Horizont, die Sterne erschienen, die drei Monde eilten der Sonne hinterher; das Universum schien sich um sie zu drehen, Sonne und Monde jagten einander wie verspielte junge Kollerkobolde. Tag und Nacht vergingen wie im Flug. »Normalgeschwindigkeit«, befahl Gwendolyn. Wenn sie die Sonnenaufgänge richtig gezählt hatte, dann hatten sie sieben Tagesreisen hinter sich gebracht.
Gerade erreichten sie den Rand eines Walds. Die Bäume standen hier nicht sehr dicht, und sie ritten hinein.
»Oha!« rief Fips. »In Wäldern lauert die Gefahr!«
»Hunger!« grunzte Grobian.
»Ein Weilchen noch, Vielfraß.«
Grobian trabte unlustig weiter. Als sie zu einem Bach kamen, folgten sie ihm bis zur Quelle. Der Bach entsprang inmitten einer kleinen Lichtung. Gwendolyn saß ab, und Grobian machte sich augenblicklich daran, Gras zu rupfen. Glitzernd und funkelnd brach sich das Sonnenlicht im Wasser, das geschwätzig plätscherte und gluckste. Nymphen zirpten, irgendwo hämmerte eine Sylphide, Blumenelfen sangen. Gwendolyn glaubte, leises Truthahnkollern zu hören, doch sie wußte, daß es Gobblehobgoblins waren.
Sie schöpfte etwas Wasser und trank. Fips sprang von ihrer Schulter, tauchte in die Quelle und planschte prustend und spritzend darin herum.
»O, oh.« Der Drache rührte sich nicht mehr, wie festgefroren starrte er blaßblau vor Schreck auf etwas hinter Gwendolyn.
»Was hast du nun schon wieder?« Sie wandte sich um.
Grobian graste, als sei nichts geschehen. Doch neben ihm stand ein eigenartiges Wesen. Wie Nebel sah es aus, doch zugleich lebendig. Augen, Nase, ein Mund waren zu erkennen, auch wenn die Schwaden unruhig waberten.
»Wer bist du?« fragte Gwendolyn.
Eine süßliche Stimme ertönte: »Siehst du das nicht? Ich bin eine Fee, n’est-ce pas?«
»Eine so merkwürdige Fee, verzeih, ist mir noch nie begegnet.«
»Alors, eigentlich bin ich Gynäkologin.« Die Fee wogte hin und her.
»Wie bitte?« Natürlich waren nicht alle Wesen in Fancy simuliert, viele wirkliche Menschen hielten sich hier in unterschiedlichsten Gestalten auf, verbunden über das Netz. Doch es war unmöglich, zu entscheiden, wer von draußen kam, das machte gerade den Reiz aus. Fips und Grobian waren Gwendolyns Geschöpfe, alles andere, Menschen, Tiere, Feen, ja selbst Bäume und Büsche, konnten virtuelle Entitäten von Personen sein. Solch eine ernüchternde Bemerkung verstieß eindeutig gegen die Netiquette.
»Ich sagte: Schön, daß du hier bist, Gwendolyn, ma chère.«
Das hatte sie gewiß nicht gesagt, aber Gwendolyn ließ es dabei bewenden; Fips, der selbst Teil dieses Trugbilds war, ignorierte solche Vorkommnisse selbstverständlich, da sie nicht zu Fancy gehörten.
»Woher kennst du meinen Namen?« fragte Gwendolyn.
»La belle affaire! Ich kenne alle Namen. Wenn du gestattest, werde ich dir drei Fragen stellen. Als Lohn winkt, so du sie richtig beantworten kannst, je ein weißmagisches Accessoire. Bist du bereit?«
»O, oh. Ich trau’ der Sache nicht, ich trau’ ihr nicht.«
»Willst du wohl still sein! – Aber ja, frag nur, ich habe dabei schließlich nichts zu verlieren, oder?«
»Mais non!« Die Nebelgestalt schwebte zu einem nahen Baum und winkte Gwendolyn, ihr zu folgen.
»Nun zieh an einem dieser Fäden, s’il te plaît.«
Von einem Ast hingen Hunderte von Spinnfäden. Gwendolyn wählte einen aus und zupfte daran. Augenblicklich huschte eine Christspinne an ihm herab. Statt des Kreuzes trug sie auf dem Rücken ein Zeichen, das wie ein winziges W aussah.