Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.». Краткое содержание книги:
»Natürlich, natürlich, woher hätten die Trolle denn davon wissen sollen?«
»Ja, woher wohl?« Sie wußte es natürlich, doch sie sagte es nicht. Beide schwiegen, und es dauerte lange, bis Gwendolyn endlich einnickte. Es war das erste Mal, daß sie in Fancy schlief.
Sie träumte wirres Zeug: Jemand rief ihren Namen, ohrfeigte sie, sie wurde hochgehoben, schwebte; überall waren blitzende blaue Lichter, ein Ungeheuer jaulte; Schlangen krochen über ihren Leib, kalt und leblos …
»Sieh nur, sieh nur!« Fips’ Gekeife weckte sie. Sämtliche Glieder schmerzten, sie spürte ihre Zehen kaum noch. Das Feuer war erloschen, der Wind spielte mit weißer Asche.
»Der Fluß, Fips! Er ist zugefroren!« Diesiges Licht sickerte aus dem wolkenverhangenen Himmel.
»Ich weiß, ich weiß.«
Sie nahm die Satteltasche und prüfte vorsichtig mit dem Fuß das Eis. Es knackte, doch es trug. Sie schob reifbedecktes Schilf beiseite und begann, den Fluß zu überqueren. »Was sagst du dazu, Fips? Es muß gar nicht so schwierig sein, übers Wasser zu gehen.«
Das Eis knirschte wie Kork. »O, oh. Das wird böse …«
»Schon gut!«
»Mein Gewicht, mein Gewicht muß das Eis nicht auch noch tragen.« Fips flog auf und landete auf einem Ast der Buche. Sicher gelangte Gwendolyn ans Ufer, Fips kehrte auf ihre Schulter zurück, und sie setzten den Weg fort, vorbei an dem toten Baum. Es war nicht nötig, die Schritte zu zählen. Das Tal der erloschenen Lichter war nicht viel mehr als ein klaffender Riß im Fels, so völlig überwuchert, daß es darin stockfinster war.
Gwendolyn brach einen verdorrten Ast von einem Baum. Mit schrillem Kreischen flog ein Pterodaktylus auf.
»Was war das? Was war das?«
»Es sah fast aus wie ein Flugsaurier. Merkwürdig, die gab es doch wirklich. – Hier, steck die Fackel an!«
Im spärlichen Flackern des brennenden Asts drangen sie in das Tal ein, tiefer und tiefer. Der Rauch zog nach oben ab, zwischen die Gewächse, die das Tal bedeckten. Es schien kein Ende zu nehmen, wand sich hierhin und dorthin. Es kam Gwendolyn vor, als seien Stunden vergangen, seit sie es betreten hatten, doch die Fackel war kaum abgebrannt.
»Da! Da!« Der Drache sah im Dunkeln trotz des Feuerscheins besser als Gwendolyn, doch gleich darauf erkannte auch sie den Eingang zur Höhle. Geruch von Fäulnis schlug ihnen entgegen. »Das riecht nach Gefahr, Gefahr!«
»Ich kann nicht.«
»Was? Was?«
Gwendolyn atmete schwer. Sie bekam kaum noch Luft. »Ich kann die Höhle nicht betreten. Ich habe Angst vor engen Räumen.« Sie schluckte krampfhaft. »Klaustrophobie.«
»Aber du mußt! Du mußt!«
Sie stieß ein schmerzhaftes Lachen aus, verschluckte sich, würgte. »Das sagst ausgerechnet du?« Zaghaft ging sie einen Schritt weiter. »Ich muß!« Noch ein Schritt. »Muß!« Jetzt stand sie in der Höhle: sie war gigantisch, die Decke war nicht zu erkennen, tauchte unter in der Finsternis. Das Fackellicht versickerte auf dem Weg dorthin. Gwendolyn versteinerte.
Vor ihr, fast zum Greifen nah, stand das Virus.
Wie hypnotisiert starrte sie das glitzernde Gebilde an. Ein riesiger Vielflächner, wie aus Quecksilber gegossen, über und über besetzt mit spiegelnden Kugeln an klobigen Verbindungsstäben.
Das Virus vibrierte.
»Tu etwas! Tu etwas!«
Wie aus einer Trance erwacht, rührte sich Gwendolyn. Ihre Hände nahmen, als wären sie eigenständige Wesen, das Vergrößerungsglas aus der Satteltasche. Gwendolyn betrachtete ihre Finger durch das Glas. »Vis consili expers mole ruit sua«, preßte sie hervor.
»Was heißt das? Was?«
Gwendolyn fühlte, wie sie wuchs. »Macht bar guter Absicht …« Ihr Leib blähte sich auf, Muskeln dehnten sich, Knochen ächzten, Sehnen waren bis zum äußersten gespannt. »… zerbricht unter ihrer …« Das Virus war nun nicht mehr vor ihr, sondern unter ihr. »… eigenen …« Schwerkraft zerrte an ihr, Blut quoll aus ihren Poren, Sehnen rissen, Knochen barsten unter der Last ihres Gewichts.
Gwendolyn brach zusammen und begrub das Virus unter sich.
Verschwommen sah Gwendolyn ein Gesicht über sich. Ihr Gehirn brannte wie glühendes Eisen. Sie wußte, daß sie das Gesicht zuvor gesehen hatte, sie erkannte es jedoch nicht. »Was ist geschehen?« fragte sie; oder versuchte es, doch ihre Zunge wollte ihr nicht gehorchen. Nur unverständliches Brabbeln kam aus ihrem Mund.
Von den Lippen in dem fremdvertrauten Gesicht lösten sich Sprechblasen. »Alyssa«, sagte es. »Alles ist gut, alles kommt wieder in Ordnung.«
Wer war Alyssa? »Was ist passiert?« wiederholte sie ihre Frage, deutlicher diesmal. Alyssa? Sie hatte einmal eine Alyssa gekannt.
»Mach dir keine Sorgen, keine Sorgen, ich bin bei dir.«
Alyssa … ja! Sie war … »Ich bin Alyssa!« rief sie aus.
»Ganz ruhig, Schatz. Es wird alles gut. Es wird alles gut.«
Allmählich konnte sie den Raum um sich wahrnehmen. Monitore blinkten und piepsten, Kabelstränge klebten an ihr wie die Fäden an einer Marionette, Infusionsschläuche steckten in ihren Armen. »Wo bin ich?«
»Hab keine Angst, Alyssa, keine Angst. Die Ärzte sagen, du …« Es folgten Worte, die sie nicht verstand, scheinbar sinnlose Worte. Sie versuchte sich aufzurichten. Schmerz brandete durch ihren Körper.
»Bleib liegen. Du mußt liegen bleiben.«
Unscharf sah sie auf der Bettkante einen Tolltroll sitzen, der böse den gespickten Rachen bleckte. »Was … wie kommt er hierher?« Sie deutete auf den Dämon; ihr Arm schien zu explodieren.
»Wer? Wovon sprichst du?« Seine Hände drückten sie sanft zurück in die Kissen. »Hier ist niemand.«
Ein Schleier wie von Hitzeflimmern verzerrte das Gesicht, dann wurde es klar. »Alexander! Du bist Alexander!« Er war unrasiert und wirkte übernächtigt.
»Willkommen«, sagte er und strich über ihre schweißnasse Stirn. »Willkommen zurück in der Wirklichkeit.«
Alyssa preßte die Lippen zusammen. Der Tolltroll blitzte sie aus hämischen Äuglein an.
Copyright © 1996 by Achim Stößer • Erstveröffentlichung • Illustriert von Werner Ruhner
Brian W. Aldiss • England
VOR DEM ABGRUND
Ich bin noch nicht geboren;
gib mir Wasser, mich zu schaukeln,
Gras, das für mich wächst,
Bäume, die zu mir sprechen,
den Himmel, der zu mir singt,
Vögel und ein weißes Licht,
das meinen Geist erhellt und leitet.
Louis MacNeice, ›Gebet vor der Geburt‹
Das Westufer des Flusses, so wollten die alten Legenden wissen, war das Ufer des Todes. Dort gingen die Toten zu ihren Gräbern und Grüften zwischen den Sanddünen und den Sonnenuntergängen.
Wie dem auch gewesen sein mochte, eine Barke kam aus dem Dunst näher, der das Westufer verschleierte, und bewegte sich mit gleichmäßiger Zielstrebigkeit zur Mitte des Stroms. Sie war hochgebaut an Bug und Heck. Dort, im Heck, lenkte eine dunkle Gestalt die Barke mittels eines langen Steuerruders.
Die Gestalt war allein an Bord. Zu ihren Füßen standen tönerne Truhen von seltsamer Gestaltung, deren Deckel die Köpfe von Eulen, Wölfen und Katzen nachahmten. Noch seltsamer war die Gestalt des Fährmannes selbst. Er trug einen kurzen Überwurf mit steif gefälteltem Rock, und an seinem Gürtel hing ein Schwert. Seine braunen Arme waren bloß und geschmückt mit verzierten metallenen Armreifen an Handgelenken und Oberarmen. Um seinen Hals lag ein breiter Perlenkragen, und er trug eine dicke blaue Perücke, um zu zeigen, daß seine Fahrt eine Amtshandlung war.