Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.». Краткое содержание книги:
Alles zusammen ergab den hübschen Kopf eines femininen jungen Mannes.
»Sie sind reizender als Algie, der Rechtsanwalt«, sagte die kleine Eva, indem sie auf die bewegungslose Maschine deutete.
»Danke.«
»Bin ich frei?«
»O nein, so schnell geht das nicht … Ihr Prozeß wird wiederaufgenommen, das ist alles …«
»Wieso?«
»Sagen wir, daß die Methoden dieser Justizmaschine nicht zu den erhofften Resultaten geführt haben …«
»Wird man mich erneut foltern?«
»Nein. Mit den Memoschmerzen ist Schluß!«
»Das wollte ich damit nicht sagen. Die Memoschmerzen haben mir nicht schlecht gefallen … Ich meine dieses endlose Geschwätz.«
»Man wird Ihnen nicht unentwegt dieselben Fragen stellen …«
Der Unbekannte versuchte, beruhigend auf die kleine Eva einzuwirken. Sein Bild auf dem Fernsehschirm wurde größer. Aufgrund des Reliefs, das seine Augen und seinen Mund so gegenwärtig machte, hatte die kleine Eva den Eindruck, sich mit einem liebevollen, aufmerksamen Freund zu unterhalten, der ihr so zugeneigt war, daß er ihr am Ende möglicherweise sogar einen Kuß auf die Wange drücken würde.
Sie erinnerte sich an den Kuß auf den Mund, der sie dermaßen verwirrt hatte.
»Ein Schatten hat mich auf den Mund geküßt …«, vertraute sie ihm an.
»Eine seltsame Erinnerung, nicht wahr … Doch zu Ihrem Pech entspricht sie nicht der Realität.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Die Szenen mit den Flüchtlingen, dem Aufstand der Androiden undsoweiter …, das alles hat es in Wirklichkeit nie gegeben. Also haben Sie es nie miterlebt.«
»Habe ich das alles geträumt?«
»Ich weiß nicht. Normalerweise träumt ein Androide nicht, selbst wenn er, so wie Sie, hybride ist … Sagen wir zu Ihrer Verteidigung, daß Sie eine Vision hatten.«
»Habe ich Ereignisse gesehen, die erst in Zukunft stattfinden werden?«
»Vielleicht … Sie sind ein ziemlich schwieriger Fall. Wir werden unterwegs noch einmal darauf zu sprechen kommen.«
»Wo bringen Sie mich hin?«
»Auf einen Satelliten.«
»Mit Menschen zusammen?«
»Ja. Freut Sie das?«
»Ja … Und der bronzene Buddha, wird er uns auf dieser Reise begleiten?«
»Bekümmert Sie das?«
»Ja: sein Anblick stört mich …«
»Einverstanden: ich werde die Verwaltung unverzüglich bitten, ihn wegzuräumen.«
In aller Stille löste Algie sich auf. Sein massiver Buddha-Kopf hakte sich los, rutschte zur Seite und fiel in seine zusammengelegten Hände. Seine Brust spaltete sich und brach in vier Teile auseinander. Seine Schenkel öffneten sich und fingen die einzelnen Teile auf. Die Pfeifen schwirrten von ganz alleine auf das hinter seinem Rücken angebrachte Pseudopodium zu, das nach und nach in den Nieren der Maschine verschwand. Anschließend wurden sämtliche Teile von etwas aufgesogen, das unter dem Fußboden hervorkam. Algie verschwand völlig im Schacht der Zelle.
Die kleine Eva spürte, wie die ohnmächtige Wut der Memoschmerzen sich allmählich auflöste – der bittere Abschied des geliebten Henkers. Die Panzertür sprang aus den Angeln, und ohne Gewaltanwendung konnte sie den Raum mit den Tresoren des Gedächtnisses betreten. Die Erinnerungen breiteten sich über ihr aus wie bei einer Explosion.
Das Krebsgeschwür fraß sie bei lebendigem Leib. Sie kam unter das Messer. In aller Eile leerte man ihren Unterleib. »Endlich bekommst du deine Tage, meine kleine Tochter!« rief ihre Mutter aus. Ihre Mutter unterbrach ihre Arbeit. »Mama, es tut so weh!« schrie sie. Ihre Mutter kam herbeigelaufen. An einem Schlüssel, der aus einem Schloß ragte, hatte sie sich das Kinn aufgeschlagen. Sie blutete. Ihr Verlobter schimpfte über sie, wütend, daß sie noch Jungfrau war. Nach dreiundzwanzig mühsamen Stunden kam sie nieder. Der Schatten küßte sie auf den Mund, damit sie endlich schweigen, die harten Worte, die ihr über die Lippen kamen, wieder hinunterschlucken sollte. Der Mann küßte sie auf den Mund, um ihre Vorwürfe, ihre Streitereien zum Schweigen zu bringen. Sie gab ihm eine Ohrfeige. Sie sagte, sie würde ihn lieben, obwohl er sie betrogen hatte. Sie rangen auf dem Bett miteinander, einer an den anderen gefesselt. Sie befreite sich von der Feuchtigkeit seines Bauchs. Sie rannte aus dem Zimmer und hoffte, daß er ihr folgen und sie einholen würde. Doch es gelang dem Mann nicht, seinen kranken Körper aus den Laken zu befreien. Sie ging zu ihm zurück, stellte sich an das Kopfende des Bettes. Doch es stand nicht eindeutig fest, ob er der Ehemann oder der Geliebte der vorherigen Bilder war. Der vergessene Sohn? Der verlorene Sohn? Er schwitzte, delirierte und starb, wobei er sinnloses Zeug stammelte. Der Schatten löste sich in der galaktischen Schwärze auf.
Die kleine Eva sank auf das Bett der Zelle. Auf ihrer Haut bildeten sich winzige Schweißtropfen. Ihr Herz raste. Wie der Bügel eines Optometers legte sich die Migräne um ihre Stirn.
Ein Ruck ging durch ihren Körper.
»Keine Sorge«, murmelte ihr neuer Verteidiger, »Sie werden das alles schon noch begreifen …«
Die Decke der Zelle verschob sich. Der Sternenhimmel wurde sichtbar. Sie bemerkte einen Weltraumtraktor, der die Zelle abschleppte. Der Schock des Geschlechtsaktes zwang sie, sich am Bett festzukrallen. Der Traktor ging in eine Kurve, und durch das Fenster in der Decke konnte die kleine Eva das leuchtende Rad eines Markierungszeichens im Weltraum betrachten, das wie eine Erbse um einen grünen Planeten kreiste. Der Einfall der Zivilisation, ihr technologisches Aushängeschild, ließ sie ihre Migräne und ihre Gefangenschaft vergessen. Noch war sie nicht gänzlich frei, doch aufgrund dieses Transfers fand ihr Dasein zu seinen menschlichen Ursprüngen zurück.
Sie stieg auf das Bett, um die Lichter des Rades, des Hafens und, darüber hinaus, den stillen Weltraum nicht aus den Augen zu verlieren.
Ihr ungezügeltes Gedächtnis führte ihr Fotos eines Ferienaufbruchs vor: eine andere, diesmal irdische Kolonie mit plärrenden Kindern und ängstlichen Müttern.
Ein ungehöriger, im unteren Teil des Rückens einsetzender Schmerz brachte sie ins Schwanken. Ein Kamm kratzte an ihrer Wirbelsäule entlang. – SIE WUCHS. Ihre Knochen entfalteten sich, ihre Knochen dehnten sich in ihrem Innern aus.
SIE WUCHS. Ihr Fleisch wärmte sich auf. Das ist unmöglich, sagte sie sich und warf sich auf das Bett. Doch das Bett war kleiner geworden, und sie mußte die Beine anziehen, damit ihre Füße nicht über die Kante hinweg ins Leere hingen.
»Was geht hier vor?« fragte sie mit lauter Stimme.
Sie verschloß sich den Tatsachen, verweigerte sich der Lust der Wiedergeburt. Sie wandte sich an den Fernsehschirm, suchte Halt bei ihrem Verteidiger. Doch dieser schien völlig ratlos zu sein. Statt einer Erklärung richtete er ein mitleidiges Lächeln an sie.
»Was geht hier vor?« wiederholte sie.
»Keine Ahnung«, antwortete er automatisch. Er überlegte, wartete auf Anweisungen, um sein Lächeln wieder abstellen zu können.
»Ich verbinde Sie mit der Verwaltung …«, erklärte er ihr nach kurzem Schweigen.
Er verschwand vom Bildschirm. Ein – richtiger – Mann trat an seine Stelle: er hatte eine faltige Haut, war fast kahlköpfig, sein Gesicht wurde von fiebrigen, streng dreinblickenden Augen entstellt.
»Anscheinend werden Sie größer, oder?«
»Ja.«
»Interessant … Wie zeigt sich das konkret?«