Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.». Краткое содержание книги:
Morgennebel trieb zwischen den Bäumen, sie konnte kaum weiter sehen als bis zum nächsten Stamm. Tau rann über Grobians ledrigen Kopfschild, mit jedem Schritt lösten sich seine Füße schmatzend aus dem morastigen Boden.
»Ich habe Euch bereits erwartet, Prinzessin!« Die Stimme, nachhallend wie ein Echo, schien von überall zu kommen und von nirgends. Fips flog vor Schreck quietschend auf. Gwendolyn sah sich um. Niemand war zu sehen.
»Hierher, Prinzessin!« Heiser und rauh klang es.
Gwendolyn lenkte Grobian zur Seite, wieder zurück, hin und her, bis sie schließlich inmitten des Nebels eine Gestalt entdeckte. Ein gnomenhafter Greis kauerte auf einem Baumstumpf, sein Bart schien fest mit den Wurzeln verwachsen. Runzlig und zerfurcht wie Borke wirkte seine wettergegerbte Haut.
»Wer seid Ihr, Herr?« fragte Gwendolyn. Jetzt erst erkannte sie, daß der vertrocknete Greis nicht auf einem Stumpf saß – er wuchs aus ihm heraus, der Baumstumpf war sein Unterleib. Er hustete, sein Körper wankte dabei vor und zurück, knarrte wie eine alte Eichentür.
»Wenn Ihr meinen Namen wissen wollt, Prinzessin, so tut es mir leid, ich habe ihn schon vor tausend und abertausend Jahren vergessen. Ich bin nur ein alter Baumgeist, müßt Ihr wissen.« Er hustete wieder, sein Atem ging rasselnd. In der Hand hielt er eine kleine blaue Schachtel. Er schnippte mit dem Finger dagegen, eine Zigarette sprang heraus, und er klemmte sie zwischen die Lippen. »Wenn Ihr mir Feuer geben könntet, wäre ich Euch zu äußerstem Dank verpflichtet.«
Gauloises, bemerkte Gwendolyn. Nur mit Mühe widerstand sie der Versuchung, etwas darüber zu sagen; Tabak gehörte nicht hierher. Statt dessen gab sie Fips einen Wink.
Der kleine Drache flatterte auf die Zigarette zu, würgte Alkohol aus seiner Gärblase in die Mundhöhle und prustete. Durch ein funkensprühendes Krallenschnippen entzündete er die Wolke aus feinsten Tröpfchen. Flammen loderten vor seinem Mund und erloschen. »O, oh«, sagte er. »Das wird böse enden.« Er flog zurück auf Gwendolyns Schulter und nieste. Das Ende der Zigarette glühte.
Es war ein Glück, daß sie Fips dabei hatte, Grobian hätte lediglich Methan aus seinem Wiederkäuermagen gerülpst und den Baumgeist versengt.
»Ich danke Euch, verbindlichsten Dank«, sagte der Baumgeist, stieß Rauch durch die Nase aus und hustete.
»Gern geschehen, es ist Eure Lunge.« Sie kniff die Lippen zusammen. Nun begann sie schon selbst, Gedanken von draußen einzuführen. »Kann ich sonst noch etwas für Euch tun?«
»Das nicht, doch ich kann etwas für Euch tun.« Sein Blick wurde glasig. »Ihr müßt das Meer der vergessenen Gedanken suchen, Prinzessin, wo Ihr …« Bei sich murmelte er: »Wer denkt sich nur immer diese albernen Namen aus?« Wieder hustete er, dann sank er in sich zusammen. Speichel rann aus seinem Mundwinkel. »Macht Euch keine Sorgen. Märchen gehen immer gut aus.«
»Tsk, tsk!« zischte Fips.
»Wo ich was?« fragte Gwendolyn.
Der Baumgeist hustete nur, sabberte und röchelte.
»Nun sagt schon!«
Ein Moosweiblein trat zwischen den Bäumen hervor, ein weiteres und ein Moosmännlein folgten ihm. Die drei kicherten und tuschelten. Sie sahen fast menschlich aus, trotz ihrer Schweinsnäschen und dem Püschel auf dem Kopf, kaum einen Fuß groß und ganz in Moos gekleidet. »Reite weiter südwärts, Prinzessin«, sagte eines der Moosweiblein, während die beiden anderen schnatternd den Baumgeist bestiegen und ihn mit einer Salbe beschmierten. »Du folgtest dem Fluß der ungedachten Dummheiten. So gelangtest du schließlich ans Meer der vergessenen Gedanken.« Die Moosleute hatten große Schwierigkeiten, Vergangenheit und Zukunft zu unterscheiden.
Der Baumgeist schüttelte sich knarrend. »Geht, geht und laßt mich allein. Verschwindet!« Er konnte kaum noch sprechen; es war nicht zu erkennen, ob er Gwendolyn oder die Moosleute meinte. Winzige Tatzelwürmer mit kaum entwickelten Beinen, Schwänzen und Flügeln wanden sich aus seinem morschen Stumpf.
»Na schön, ich wollte ohnehin nach Süden, also was soll’s?«
»Herrje, herrjemine, wenn das nur gut geht.«
»Ich danke Euch, Baumgeist, und auch euch, ihr Moosleute.«
»Nichts zu danken«, schnatterte das Moosmännlein, »wir werden schon immer gern verirrten Wanderern helfen und taten dies auch in Zukunft.«
Der Baumgeist schien Gwendolyn nicht mehr wahrzunehmen, und so ritten sie weiter. Bald verklang das Husten hinter ihnen, vielleicht, weil die Salbe der heilkundigen Moosleute half, vielleicht, weil sie sich entfernten.
Gwendolyn seufzte. »Märchen gehen immer gut aus, wie tröstlich.«
»Oha, nicht für die Hexe und den Wolf«, bemerkte Fips. »Und auch nicht für den bösen Drachen, den bösen Drachen.«
Das Reittier grunzte protestierend. »Grobian lieb.«
»Nicht doch, von dir hat niemand gesprochen.« Gwendolyn tätschelte seinen Kopfschild. »Ich frage mich, was geschähe, wenn wirklich Drachen als Tribut dafür, daß sie das Königreich nicht verwüsten, alljährlich eine Jungfrau forderten, um ihren eigenartigen Geschmack in puncto puncti zu befriedigen.«
Fips sah sich verdutzt um. »Nanu! Was zauberst du nun?«
»Gar nichts. Ich brüste mich nur mit meiner humanistischen Bildung. Es heißt: hinsichtlich des wichtigsten Punkts, also der Keuschheit, das ist alles. Ich schätze, ein religiöser Kult würde sich entwickeln.«
»O nein, o nein. Ich glaube eher, daß es Viehzüchter gäbe, die sich auf Aufzucht und Verkauf spezialisierten.«
»Da hast du recht. Oder die Folge wäre, daß alle Eltern ihre Töchter zeitig …«
Ein Wassertropfen zerplatzte auf Grobians Rücken, ein zweiter, einer schlug auf Gwendolyns Kopf. Augenblicke später ging ein heftiger Regen nieder. Fips faltete die Flügelhäute zu einem Schirm über seinem Kopf. Die Regentropfen schlugen kleine Löcher in den Nebel. Gwendolyn hob das Gesicht zum Himmel. Tiefe Risse durchzogen die Wolken, als seien sie geborsten oder von Bergketten aufgeschlitzt. »He!« rief sie. »Ich habe keinen Regen bestellt! Aufhören, Frau Holle, oder Perchta oder Petrus, Jupiter, Zeus, Thor, Donar, Jahwe, Jehova, Heno oder wer immer dafür zuständig ist.« Es regnete unvermindert weiter. »Menü!« sagte sie, doch die Flammenschrift erschien nicht. »Menü!« wiederholte sie – vergebens. Vielleicht war ein Verändern der Parameter mitten im Ablauf der Geschichte nicht vorgesehen, zumindest hatte sie es noch nie versucht; es schien ihr unehrenhaft, sich auf diese Weise aus der Affäre zu ziehen. Sie wußte nicht, ob es möglich war, denn die Mühe, die Bedienungsanleitung zu lesen, hatte sie sich nie gemacht. Andererseits hatte es in Fancy, wenn sie hier war, noch nie geregnet. »Na schön«, sagte sie. »Solange ich nicht wirklich naß werde …«
Erst als sie den Wald verließen, verzog sich der Nebel, und der Wolkenbruch hörte auf.
Bald darauf kamen sie zu einem ausgetrockneten Flußbett. Obwohl es noch kurz zuvor so stark geregnet hatte, war keine Spur von Feuchtigkeit darin zu entdecken. Ein Netz von Furchen zog sich über den Boden, da, wo die Erde geplatzt war. »Knochentrocken«, sagte Gwendolyn. »Also wenn das nicht der Fluß der ungemachten Dummheiten ist, weiß ich nicht.«
»O nein!« widersprach Fips. »Der Fluß der ungedachten Dummheiten. Da wir gerade von Dummheiten sprechen, wollen wir nicht lieber umkehren, wie? Umkehren?«
»Hab dich nicht so, kleiner Feigling, das sind doch Kinkerlitzchen!« Gwendolyn lenkte Grobian die Uferböschung hinab in die Mitte des Flußbetts.