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Der heisse Himmel um Mitternacht

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Der heisse Himmel um Mitternacht
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»Ich wüsste nicht, wie das der Fall sein könnte«, sagte Farkas. »Aber ich bin sicher, es geht ihm prächtig. Er isst ziemlich wenig, dein Freund Juanito.« Er tippte die Summe für seinen Lunch ein. »Also, gehen wir.«

Das Lokal, in dem Jolanda Bermudez wartete, lag nur fünf Minuten entfernt. Farkas hatte einen undeutlichen Argwohn: Das Ganze war zu hübsch und glatt; dass Kluge ihn so einfach aufgespürt hatte, dass diese Frau sich so nahe und bequem platziert hatte. Es roch irgendwie nach einer geplanten Sache. Dennoch, es wäre nicht das erste Mal, dass irgendeine Frau amouröse Gefühle für die augenlose Rundung seines Gesichts entwickelte, besonders Touristinnen an abgelegenen Orten. Für einen bestimmten Frauentyp stellte das, was Farkas für seine Verunstaltung hielt, einen unzweifelhaften starken Reiz dar. Und außerdem, er war wirklich recht geil im Moment.

Es lohnte sich, der Sache auf den Grund zu gehen, egal, was für ein Restrisiko es da gab. Er war schließlich bewaffnet. Er hatte noch den Spike, den er Juanito abgenommen hatte.

»Da sitzt sie«, sagte Kluge. »Die große Frau am vordersten Tisch.«

»Ich sehe sie«, sagte Farkas.

Ja, es war genau die Frau, die ihm am Abend zuvor aufgefallen war. Die violetten Hitzewellen strahlten immer noch von ihr aus. Für Farkas sah das aus wie drei wellige Kurven aus silbrigem Metall, die von einem blockartigen Kern in der Mitte ausgingen, der eine beträchtliche Größe hatte, aber eine zarte und verletzliche Textur, einer eierpuddinghaften Masse gespannten Fleischs, deren Mitte – durch eine Serie lidloser augenähnlicher scharlachroter Flecken markiert war. Ein üppiger, ein extravaganter Körper. Und heiß, sehr heiß.

Farkas trat an den Tisch. Als sie ihn erblickte, reagierte sie genau wie am Abend zuvor, mit jener zweideutigen Mischung von Erregung und Schrecken, mit der so viele Frauen auf seinen Anblick reagierten: Ihr ganzes Farbenspektrum schoss merklich etliche Ångströmeinheiten nach oben, und ihre Wärmestrahlungsintensität schwankte wild auf und ab und auf-ab-auf. Und danach nur noch nach oben.

»Jolanda Bermudez?«

»Oh! Ja. Hallo! Ich freue mich sehr!« Ein nervöses Kichern, beinahe ein Wiehern. »Bitte, willst du dich nicht setzen, Mister …?«

»Farkas. Victor Farkas«, sagte er und setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber. Die Wärme, die von ihr herüber kam, war stark und drängend jetzt, fast betäubend erotisch aggressiv. Farkas irrte sich in diesem Bereich nur selten. Das war eins von den kleinen Geschenken, die Dr. Wu ihm mitgegeben hatte, die Fähigkeit, die erotische Temperatur einer Frau abzuschätzen. Dennoch, das hier schien einfach zu gut, als dass es echt sein konnte. Farkas sah, wie sie auf ihrem Stuhl herumrutschte wie ein kleines schüchternes Mädchen, das sich von einer Seite zur anderen windet. »Dein Kurier, Kluge, sagte mir, dass du mich treffen wolltest.«

»Ja, ich möchte dich gern kennenlernen. Ich hoffe, du hältst das nicht für scheußlich anmaßend von mir, Mister Farkas, aber ich bin Bildnerin, musst du wissen …«

»Ja?«

»Ich arbeite derzeit gewöhnlich in abstrakten Richtungen. Meistens bioresponsive Stücke – du weißt doch, was Bioresponsive Skulpturen sind, natürlich weißt du das?«

»Ja. Ja, natürlich.« Er hatte keine Ahnung.

»Aber manchmal möchte ich eben gern auf die ursprünglichen Techniken zurückgreifen, die klassische Repräsentativskulptur. Und – ich hoffe, du vergibst mir, Mister Farkas, wenn ich das so grob direkt sage – als ich dich gestern sah, dein Gesicht, dieses höchst ungewöhnliche Gesicht, sagte ich mir, dass ich dieses Gesicht unbedingt modellieren muss. Ich glaubte, ich muss die Grundstruktur dieses Gesichts wenigstens in Modellierton erfassen, vielleicht sogar in Marmor. Ich weiß ja nicht, ob du selbst künstlerische Neigungen hast, Mister Farkas, aber vielleicht verstehst du, wie intensiv so ein Gefühl sein kann – wie beinahe zwanghaft …«

»O doch. Sehr genau, Missis Bermudez.« Farkas strahlte sie begeistert an, neigte sich vor und trank sie mit seinem ganzen Sensorium in sich hinein.

Sie sprudelte weiter, ein Sturzbach von Wörtern schoss aus ihr hervor. Würde er ihr vielleicht Modell sitzen? Er würde? Wie wunderbar, wunderbar! Sie verstand, wie ungewöhnlich dies für ihn sein musste. Doch sein Gesicht war eben etwas so Besonderes. Sie würde keine ruhige Minute mehr haben, bis sie es in ein Kunstwerk umgeformt hatte. Natürlich würde sie dafür Material und Werkzeug brauchen – sie hatte nichts mitgebracht –, aber sie war sicher, sie würde alles irgendwo in Valparaiso Nuevo bekommen können, es würde vielleicht nicht länger als eine, zwei Stunden dauern, und dann könnte er vielleicht zu ihr ins Hotel kommen, auf ihr Zimmer, das als Studio dienen musste – sie würde Messungen vornehmen müssen, die Konturen seines Gesichts sehr sorgfältig studieren müssen …

Der Pegel der von ihr ausstrahlenden Hitze stieg beständig höher, während sie redete. Das Gerede, dass sie ihn modellieren wollte, klang echt – Farkas war bereit zu glauben, dass sie irgendwie künstlerisch herumdilettierte –, doch was sich hier wirklich anbahnte, war eine sexuelle Transaktion. Daran zweifelte er nicht.

»Vielleicht morgen früh – oder jede andere Zeit, wie immer es dir am besten passt, Mister Farkas – heute Abend vielleicht …« Hoffnungsvoll, eifrig, sogar drängend.

Er stellte sich vor, dass er sie modellierte. Er war alles andere als ein Künstler, hatte sich auch nie um solche Sachen gekümmert. Wie würde er es anfangen? Er würde die Linien und Kurven ihres Körpers erfassen müssen, mit den Händen. Die wirkliche Form all dessen durch Berührung entdecken, was er nicht direkt sehen konnte, die geometrischen Abstraktionen, die er wahrnahm, umwandeln in die wirklichen runden Formen von Brüsten, Schenkeln, Gesäß.

»Je eher, desto besser«, sagte er. »Zufällig habe ich heute Nachmittag nichts vor. Vielleicht wäre es dir ja möglich, deine Vorstudien und die Ausmessung meines Gesichts heute bereits vorzunehmen, auch wenn du das später nötige Material, das du brauchst, noch nicht besorgt hast, und danach …«

»O ja! Das wäre großartig, Mister Farkas!«

Sie griff über den Tisch nach seinen Händen und umklammerte sie fest. Farkas hatte nicht erwartet, dass sie den vorgeschützten Vorwand, es handele sich um rein künstlerisches Interesse, ganz so rasch fallen lassen werde; aber trotz all seiner eingefleischten Vorsicht war er jetzt von ihrem ungeduldigen hitzigen sexuellen Drängen gefesselt. Auch er hatte Bedürfnisse. Und es störte ihn schon seit langem nicht mehr, dass gerade seine Absonderlichkeit auf manche Frauen besonders faszinierend wirkte.

Doch dann gab es eine Unterbrechung. Eine männliche Stimme, ein saftiger dröhnender Bass: »Da bist du ja, Jolanda! Ich habe dich schon überall gesucht! Aber ich sehe, du hast einen neuen Freund kennengelernt!«

Farkas wandte sich um. Von links näherte sich eine Gestalt, kleiner als der Durchschnitt, dunkel. Für ihn sah der Mann aus wie eine einzelne Säule aus erstarrtem schimmernden schwarzen Glas, die von einem schmalen Fuß zu einer breiten Spitze aufstieg. Eine makellose Oberfläche, glatt, perfekt. Farkas wusste sofort, dass er den Mann schon einmal getroffen hatte, irgendwo, vor langer Zeit, und er spannte sich sofort an, denn er begriff, dass die ganze Sache inszeniert sein musste.

Oder doch nicht? Er hörte Jolanda Bermudez ärgerlich einatmen. Sie hatte hastig und schuldbewusst die Hände von Farkas zurückgezogen, sobald die Stimme erklungen war. Offensichtlich hatte sie nicht mit dieser Störung gerechnet und war nicht erfreut. Farkas sah ihre Ausstrahlungen wild schwanken, und sie machte kleine scheuchende Bewegungen, als wollte sie dem Mann sagen, er solle sich verziehen.

Die beiden waren anscheinend Reisegefährten. Farkas erinnerte sich, dass am vergangenem Abend noch jemand mit der Frau am Tisch gesessen hatte; aber da hatte er keinen Grund gehabt, auf ihn zu achten. Aber hatte die Frau sich nun aus eigenen Stücken an ihn herangemacht, oder hatten sich die beiden geschickt und planvoll an ihn herangemacht?

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