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Der heisse Himmel um Mitternacht

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Der heisse Himmel um Mitternacht
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Kovalcik lächelte. Nun, da der Kapitän wieder bewusstlos war, schien sie die Selbstbeherrschung wiederzufinden. »Er ist ein Verrückter. Du siehst doch, was mit meiner Haut ist. Was sein Wahnsinn mir angetan hat, uns allen angetan hat. Falls er frei kommen sollte, diese Fahrt in Gefahr bringen sollte – ja, dann würden wir ihn töten, ja. Wir würden sie alle töten. Es wäre reine Selbstverteidigung, verstehst du? Aber es muss nicht dahin kommen.« Die Stimme war wie Eis. Man hätte eine ganze Stadt damit kühlen können. »Du warst nicht dabei, als die Schwierigkeiten ausbrachen. Du hast keine Ahnung, was wir durchmachen mussten. Und wir werden das nicht noch einmal hinnehmen. Befreit uns von diesen Männern, Captain.«

Sie trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme über der Brust. Auf einmal war es sehr still im Raum, wenn man von dem Knirschen und Poltern aus dem Schiffsbauch absah, von einem gelegentlichen schnarchenden Atemlaut von Kohlberg. Kovalcik war jetzt wieder vollkommen ruhig, die eiskalte Wildheit war verschwunden. Als erklärte sie ihm ganz schlicht: So ist die Lage, du hast alles gehört, jetzt bist du am Zug, Captain Carpenter.

Was für eine eklige stinkige Scheiße, dachte er.

Doch zu seiner großen Verblüffung entdeckte er hinter seiner Gereiztheit darüber, in diese Sache hineingezogen zu sein, eine merkwürdige Traurigkeit, statt des zu erwartenden Zorns.

Und so spürte er, trotz allem, eine ansteigende völlig überraschende Sympathie in sich, Mitleid mit Kovalcik, mit Kohlberg, mit ihnen allen – und für diese ganze beschissene, vergiftete von Überhitzung geplagte Welt, in die sie alle hineingeboren worden waren. Wer hatte sich das ausgesucht – den drückenden grünen Himmel, die brennende Luft, die unabdingliche tägliche Dosis Screen, die millionenfachen aberwitzigen Improvisationen, die es Menschen möglich machen sollten, weiterhin auf dem Planeten Erde zu überleben? Wir waren es nicht! Unsere Ur-Ur-Großeltern waren es, vielleicht, aber wir doch nicht! Leider weilen die nicht mehr unter uns und können nicht sehen, wie es jetzt ist, aber wir sehen es. Sie haben sich einen langen lustig-unbekümmerten Vergewaltigungsrausch auf der Erde herausgenommen und uns dann die Trümmerreste wie Knochen hingeworfen. Und es war ihnen niemals bewusst geworden, was sie da anrichteten. Und hätten sie es erkannt, es wäre ihnen scheißegal gewesen …

Dann war es vorbei. Was konnte er denn, verdammt, tun? Hielt diese Kovalcik ihn für Jesus Christus? Er hatte auf seinem Schiff keinen Platz für diese Leute. Und er hatte auch weder ausreichend Screen oder Proviant. Und die Hauptsache war, das alles ging ihn eigentlich nichts an. San Francisco wartete auf ihn und seinen Eisberg. Und der schmolz weiter ab, während sie hier herumzimperten. Es war Zeit, dass sie sich auf den Weg machten und von hier verschwanden.

»Also«, sagte Carpenter. »Ich verstehe eure Probleme. Ich bin nicht so ganz sicher, ob ich euch helfen kann, aber ich werde tun, was ich kann. Ich werde unsere Vorräte überprüfen und euch dann wissen lassen, was wir tun können. Okay?« Er sah Rennett an, die zeitweilig in eine andere Dimension entwichen zu sein schien. Jetzt war Rennett wieder vorhanden. Sie sah Carpenter seltsam starr an, als versuchte sie in seinen Schädel einzudringen und seine Gedanken zu lesen. Ihr Gesichtsausdruck war herausfordernd und gehässig. Sie wollte herausfinden, wie er mit der Sache zurechtkommen würde.

Das hätte er eigentlich auch selbst gern gewusst.

Sie sagte: »Kann ich heute Abend deine Antwort haben?«

»Nein, aber gleich morgen früh«, antwortete er. »Schneller geht's nicht. Heute Abend ist es schon zu spät, alles durchzuchecken.«

»Aber du rufst mich dann an.«

»Ja, das werde ich.«

Und zu Rennett sagte er: »Also, gehn wir. Zurück aufs Schiff.«

Kapitel 16

Das kleine Hotel, das der unselige Juanito für Farkas gefunden hatte, erwies sich als zufriedenstellende Basis in den Tagen angenehmen Müßiggangs, die er sich nach seiner Rückkehr nach Valparaiso Nuevo gönnte. Der Ort Cajamarca lag angenehm entfernt von der Hektik des kommerziellen Treibens um die Nabe am Rande der C-Speiche. Farkas verließ das Hotel an jedem Tag in der Frühe, schlenderte den gleichen Weg bis zu dem gleichen Café am einen Ende der Siedlung, um zu frühstücken, und dann zu einem anderen Café, wo er zu Mittag aß. Zum Dinner begab er sich gewöhnlich in eine der anderen Siedlungen in einer der anderen Speichen des Satelliten, nie zweimal in die gleiche.

In der unmittelbaren Nachbarschaft um das Hotel hatten sich alle rasch an sein Aussehen gewöhnt; die Cafébesitzer, sogar das Androidenpersonal. Seine Andersartigkeit störte sie nicht mehr. Es hatte nur ein paar Tage gedauert. Danach war er nur einer der Stammgäste, hatte eben keine Augen, sondern nur blanke glatte Haut vom Haaransatz bis zur Nase. Gibt gute Trinkgelder. An einem Ort wie dem bekommt man alle möglichen Typen zu Gesicht. Und alle sind höchst tolerant und respektieren grundsätzlich die Privatsphäre der anderen. Die Ungestörtheit, das war das wichtigste Gut, das es hier zu kaufen gab. Das und Höflichkeit. Der Sozialkontrakt à la Valparaiso Nuevo. »Guten Morgen, Mister Farkas. Wie nett, dich wieder bei uns zu sehen, Mister Farkas. Ich hoffe, du hast gut geschlafen, Mister Farkas. Eine Tasse Kaffee, Mister Farkas?«

Er genoss die Szene, den riesigen Himmel, das verwirrende Gepränge der Gestirne, die spektakulären Ansichten von Erde und Mond. Für ihn sah die Erde aus wie eine massive zerbeulte blaurote Kiste mit schweren herabhängenden grünen Quasten, und der Mond war für ihn ein zierlicher, luftiger hohler Ball, vollgestopft mit scharfen orangeroten Gewinden, dicht aneinander gepackt wie kleine Federn. Manchmal bestrahlte die Sonne eine benachbarte L-5-Welt gerade besonders günstig und setzte ein Brillantfeuerwerk von reflektiertem und refraktiertem Licht in Gang, das sich in der Schwärze ergoss wie eines Kaskade von Diamanten mit Millionen Facetten, einen Wasserfall glitzernder Edelsteine gleich. Dem schaute er mit großem Vergnügen zu. Es war der angenehmste Urlaub, den er seit langem erlebte.

Aber natürlich sollte er sich hier nicht nur erholen, sondern auch arbeiten. Doch schließlich konnte er schlecht einen Aushang am Schwarzen Brett der Gemeinde anbringen, dass er Informationen über einen geplanten Staatsstreich suche. Er konnte weiter nichts tun, als behutsam herumzuschleichen, zu lauschen, zu beobachten, etwas aus der Luft aufzuschnappen. Und schrittweise würde er Verbindungen aufbauen und herausfinden, was die Firma durch ihn zu erfahren wünschte. Allerdings war es auch denkbar, dass es ihm nicht gelang. Die Sache ließ sich eben nicht erzwingen.

Am vierten Tag, er saß gerade beim Lunch in seinem gewohnten Lokal – einem Gartenrestaurant, in dem nicht weniger als drei Porträtbüsten von El Supremo von den rebenbedeckten Wänden drohten –, als er wahrnahm, dass man sich an einem Tisch weiter drüben am Ende über ihn unterhielt. Jemand, der aussah wie ein Arrangement von scharlachroten Zickzacks und Spiralen mit einem großen leuchtenden ovalen Flecken genau in der Mitte – leuchtend blau und schimmernd, so wie Farkas sich ein Auge vorstellte – sprach mit dem Chef de rang über ihn.

Beide blickten sie zu ihm her. Es gab Gesten, die nicht schwer zu entschlüsseln waren: Das Zickzackoval verlangte etwas, der Oberkellner weigerte sich. Und dann glitt ein Bakschisch von einer Hand in die andere, und Farkas argwöhnte, dass ihm das Vergnügen, ungestört und allein seinen Lunch zu genießen, bald verdorben werden würde.

Und nach einem Augenblick erinnerte er sich wieder, wer die Person war: Einer von den Kurieren, einer namens Kluge, eines von diesen Kindern, die sich am Shuttledock herumtrieben und Neukömmlingen ihre Dienste aufdrängten. Juanito hatte ihm den Burschen gezeigt, irgendwann zu Beginn ihrer Geschäftsverbindung, und gesagt, er sei einer seiner Konkurrenten. Er hatte mit einiger Bewunderung über Kluge geredet, erinnerte sich Farkas nun.

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