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Der heisse Himmel um Mitternacht

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Der heisse Himmel um Mitternacht
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»Glaubst du wirklich?«

»Sie kann sie nicht länger an Bord behalten. Sie haben fast keine Sedativa mehr, sagte sie uns. Sobald diese Kerle aufwachen, überlegen die sich doch, wie sie sich befreien können. Also müssen sie weg. Ich vermute, als die Kovalcik an dem Eisberg festmachte, hatte sie vor, sie dort auszusetzen. Bloß, dann kamen wir an, und wir schleppen den Berg ab, und damit war ihr Plan futsch. Also beschließt sie statt dessen, die Männer bei uns abzusetzen. Und wenn wir sie nicht übernehmen, lässt sie sie glatt über Bord gehen, sobald wir fort sind.«

»Obwohl wir Bescheid wissen?«

»Sie wird behaupten, die haben sich losgemacht, sind in ein Beiboot gesprungen und abgehauen, und sie hat keine Ahnung, wohin. Und wer wird was andres aussagen?«

Carpenter sah bedrückt vor sich hin. Ja, dachte er, wer wird was anderes sagen.

»Der Berg schmilzt weiter, während wir hier rumdiskutieren«, sagte Hitchcock. »Was beschließt du, Capt'n? Wir bleiben hier liegen und diskutieren weiter? Oder lichten wir Anker und ziehen los Richtung Frisco?«

»Ich stimme dafür, dass wir sie zu uns an Bord nehmen«, sagte Nakata, der bisher noch kein Wort gesprochen hatte.

»Ich erinnere mich nicht, zu einer Abstimmung aufgerufen zu haben«, sagte Carpenter. »Wir haben keinen Platz für fünf zusätzliche Mann an Bord. Für keinen. Wir sind dermaßen vollgepackt, dass nichts mehr geht. Als säßen wir in einem Ruderboot. Komm schon, Nakata, wo sollten wir fünf Mann zusätzlich hinstecken?« Carpenter merkte, wie in ihm allmählich die Wut hochstieg. Die Geschichte wurde zu verwickelt: Rechtliche Gesichtspunkte, humanitäre, eine Menge ärgerlicher verworrener Kram. Und schlimm daran war, dass es eigentlich überhaupt keine richtungweisenden Vorschriften mehr gab. Wenn er die fünf Männer an Bord nahm, rettete er dann fünf Menschenleben, oder machte er sich zu einem Mitverschwörer bei einer Meuterei, die er pflichtgemäß hätte zu unterdrücken versuchen müssen?

Aber die schlichte Realität bei alledem war, dass es ihm nicht möglich war, in dieser Auseinandersetzung einzugreifen, zu helfen. Er konnte niemand mehr an Bord nehmen, egal wie die Gründe sein mochten.

Und Hitchcock hatte recht, es blieb ihnen keine Zeit, länger herumzudiskutieren. Ihr Berg verlor von Minute zu Minute mehr Wasser. Sogar mit bloßen Augen konnte er von hier aus die zunehmende Erosion erkennen, wie der Eisberg triefte und immer wieder kalbte. Und die Oszillation wuchs, das gewaltige Eisding schaukelte sacht hin und her, je mehr die Wasserlinie an seiner Stabilität nagte. Und später würden die Schwankungen nicht mehr so sacht bleiben. Sie mussten diesen Eisberg mit Spiegelstaub einpudern und abdecken und dann losfahren. San Francisco bezahlte ihn dafür, dass er einen Eisberg zurückbrachte, nicht ein paar Eimer Schlammeis.

»Cap'n!«, rief Rennett. Sie war in den Ausguck über ihnen geklettert und spähte mit der Hand über den Augen übers Wasser. »Die haben ein Boot ausgesetzt, Cap'n.«

»Nicht wahr!«, sagte Carpenter. »Scheiße!«

Er griff nach seinem 6 x 30-Fernglas. Ein Boot, ganz klar, ein Glasfaser-Dinghi: Schien voll zu sein, drei Personen, nein vier, fünf, schien es. Er drückte den Schalter für Biosensorverstärkung, und die Kalmarfiber des Instruments begann zu wirken. Das Bild blühte auf zu großer Schärfe. Fünf Mann, ja. Carpenter erkannte den Ex-Kapitän Kohlberg, der zusammengesunken vorn hockte.

»Scheiße«, sagte er. »Die schickt die doch glatt rüber zu uns. Lädt sie einfach bei uns ab.«

»Vielleicht wenn wir zusammenrücken …«, sagte Nakata und lächelte erwartungsvoll.

»Noch ein Wort von dir, und ich rücke dich zusammen!« Dann blickte Carpenter zu Hitchcock, der mit einer Hand bedächtig seine untere Gesichtshälfte umfasste, die Nase hin und her rieb und sich die dicken weißen Bartstoppeln kratzte. »Bringt ein paar Laser in Position«, befahl Carpenter. »Nur Defensivstärke. Nur für den Fall. Hitchcock und Rennett, ihr fahrt mit dem Kajak los und eskortiert die Männer zu dem Kalmarschiff zurück. Wenn sie nicht bei Bewusstsein sind, schleppt sie hinüber. Wenn sie ansprechbar sind, fordert ihr sie nachdrücklich auf, auf ihr Schiff zurückzukehren, und falls ihnen das nicht gefällt, schießt ihr ein paar Löcher in ihr Boot und kommt sofort wieder hierher zurück. Ist das klar?«

Hitchcock nickte steinern. »Klar, Mann. Ist klar.«

Carpenter beobachtete das Ganze von der Kuppelblase am Achterdeck aus und überlegte, ob er es jetzt vielleicht ebenfalls mit einer Meuterei zu tun bekommen werde. Doch nein. Nein. Hitchcock und Rennett fuhren mit dem Kajak den Berg entlang, bis sie längsseits von dem Dinghi der Calamari Maru waren, dann gab es eine kurze Diskussion, sehr kurz war sie, Hitchcock redete, und Rennett hielt die Laserwaffe ganz beiläufig, aber unmissverständlich in Bereitschaft. Die fünf ausgesetzten Männer sahen aus, als wären sie mehr oder weniger bei Bewusstsein. Sie fuchtelten mit den Armen, zeigten zu ihrem Schiff, hoben verzweifelt die Hände. Und Hitchcock redete einfach weiter, und Rennett streichelte weiter ihre Laserpistole, beiläufig, aber unmissverständlich, und von Minute zu Minute sahen die fünf Männer in dem Beiboot zunehmend niedergeschlagener aus. Dann wurde die Unterredung abgebrochen, und das Kajak kehrte zur Tonopah Maru zurück, und die Männer in dem Beiboot saßen weiter da wie zuvor und überlegten wahrscheinlich, was sie weiter unternehmen sollten.

Als er an Bord zurückkam, sagte Hitchcock: »Das ist 'ne verdammt böse Sache, Mann. Der Kapitän da sagt, die Frau hat ihm glatt das Schiffskommando weggenommen, bloß weil sie einfach wollte, dass sie alle zusätzliche Screen-Dosen kriegten, und er hat sie ihnen nicht gegeben. Er sagte, es ist nicht genug da, dass sie soviel kriegen kann, sagte er, und, Mann, ich komm' mir echt mies vor.«

»Ich auch, Mann«, sagte Carpenter. »Das kannste mir glauben.«

»Ich hab ganz früh mal gelernt«, sagte Hitchcock, »wenn einer dir sagt, ›glaub mir‹, dann musste dich genau davor in achtnehm' und das nicht machen.«

»Blöder Arsch!«, knurrte Carpenter. »Denkst du, ich will sie aussetzen? Aber uns bleibt keine andere Wahl. Sollen sie doch zu ihrem eigenen Schiff zurück. Sie wird sie schon nicht umbringen. Sie brauchen nichts weiter zu tun, als was sie verlangt, dann kommen sie schon heil davon. Sie kann sie auf irgendeiner Insel aussetzen. Aber wenn die bei uns mitkommen, stecken wir die ganze Zeit bis zurück nach Frisco dick in der Scheiße.« Und noch tiefer drin, sobald wir dort sind, fügte er stumm für sich hinzu.

Hitchcock nickte. »Yeah, aber möglich, dass wir jetzt schon tief in der Scheiße stecken.«

»Was sagst du da?«

»Schau dir den Berg an«, sagte Hitchcock. »Über der Wasserlinie. Der ist ganz dick angefressen.«

Carpenter hob sein Glas und schaltete den Biosensorboost ein. Dann suchte er den Eisberg ab. Dem machte die Hitze sehr zu schaffen.

Es war der bisher heißeste Tag, seit sie in diese Gewässer gelangt waren. Heute war es hier draußen beinahe so schlimm wie auf dem kontinentalen Festland, die Wirbel der Emissionsgase in der Höhe, die unablässig niederprallende Solarenergie, ein Strom verwüstender Infrarotstrahlung, der sich dort oben durch den Dunst ergoss und erbarmungslos auf die Erde niederregnete. Und die Hitze nahm ständig weiter zu. Die Sonne schien von Minute zu Minute größer zu werden. Vom Himmel hörte man widerliches magnetisches Knattern, wie wenn die Atmosphäre in diesem Backofen ionisiert würde.

Und der Eisberg begann tatsächlich zu wackeln und zu schwanken. Carpenter sah deutlich die Oszillationen, wie diese horizontalen Kerben sich mit Wasser füllten, und die See ging nicht mehr so ruhig, während sich die Differentialen aus Luft-Meeres-Temperaturen immer mehr aufbauten und widerstreitende Strömungen sich einschleusten.

»Verdammter Mist!«, sagte Carpenter. »Damit ist die Sache entschieden. Wir müssen sofort los!«

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