Der heisse Himmel um Mitternacht
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 978-3-641-11452-7
- Переводчик: Roland Fleissner
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Der heisse Himmel um Mitternacht». Краткое содержание книги:
»Für mich klingt das ganz nach Meuterei«, sagte nun Rennett.
Carpenter verwies sie mit einem Blick zum Schweigen. Kovalcik begann sichtlich die Haare zu sträuben, und es war nicht abzusehen, wann ihre eisige Starre sich in einen vulkanischen Wutausbruch verwandeln konnte. Zweifellos war sie extrem gefährlich, wenn es ihr gelungen war, ihren Captain und die meisten Mitoffiziere gefangen zu setzen. Eine Meuterei war auch heutzutage noch eine ernste Sache. Der Fall erforderte Fingerspitzengefühl.
Er fragte Kovalcik: »Sie leben aber noch, der Kapitän, die Offiziere?«
»Ja. Ich kann sie dir vorführen.«
»Das wäre vielleicht eine gute Idee. Aber erst solltest du mir vielleicht etwas ausführlicher über die Beschwerden berichten, die ihr hattet.«
»Das spielt doch jetzt keine Rolle, oder?«
»Für mich schon. Ich muss wissen, womit du die Absetzung eines Kapitäns rechtfertigst.«
Sie schaute etwas ärgerlich drein. »Es waren viele Dinge, manche bedeutend, manche geringfügig. Arbeitspläne, Teamzuteilung, die Proviantierung. Alles wurde von Woche zu Woche schlimmer für uns. Wie ein Tyrann, so war der. Ein Cäsar. Anfangs nicht, aber nach und nach die Verwandlung bei ihm. Es war eine Sonnenvergiftung, was der hatte, der Wahnsinn, der von zu großer Erhitzung des Gehirns kommt. Er fürchtete sich davor, zuviel Screen zu verwenden, verstehst du, hatte Angst, wir würden am Ende der Fahrt nichts mehr davon übrig haben, also ließ er das ganz strikt rationieren, nicht bloß für uns, auch für sich selber. Und das war eins von unseren größten Problemen, der Screen.« Kovalcik berührte sich an den Wangen, den Armen und Handgelenken, wo die Haut rot und wund war. »Siehst du, wie ich aussehe? So sind wir alle. Kohlberg setzte uns auf die halbe Dosis, dann kürzte er sie noch mal um die Hälfte. Die Sonne fing an uns zu zerfressen. Das Ozon. Wie Rasierklingen vom Himmel herunter. Wir waren ungeschützt, verstehst du? Er hatte so große Angst, dass später kein Screen mehr übrig wird sein, dass er uns nur an jedem Tag ganz wenig gibt, und wir litten, und er litt auch, und er wurde immer verrückter, wie die Sonne auf ihn wirkte, und es gab immer weniger Screen. Er hatte es versteckt, glaube ich. Wir haben es noch nicht gefunden. Wir sind immer noch auf der Vierteldosis.«
Carpenter versuchte sich vorzustellen, wie das sein müsste, ohne Körperschutzmantel unter dem erbarmungslosen Himmel dieser tropischen Breiten zu fahren. Die tägliche Injektion wurde ihnen versagt, und die ungeschützte Haut dieser Menschen war der ganzen wütenden Wucht des Treibhausklimas ausgesetzt – der peitschenden Sonnenstrahlung angesichts der beschädigten Ozonschicht. Konnte dieser Kohlberg tatsächlich so verblödet gewesen sein, oder dermaßen verrückt? Aber die offenen Verbrennungsflecken auf Kovalciks Haut waren nicht zu leugnen.
»Ihr möchtet also, dass wir euch eine bestimmte Menge Screen abgeben?«, fragte er besorgt.
»Nein. Das würden wir von euch nicht erwarten. Wir werden irgendwann bald das Versteck finden, wo Kohlberg es hingetan hat.«
»Aber was wollt ihr dann von uns?«
»Kommt mit«, sagte Kovalcik. »Jetzt ich zeige euch die Offiziere.«
Die Meuterer hatten ihre Gefangenen in der Sanitätsstation verstaut, einem dumpfigen feuchten Raum tief unter Deck mit drei Zweierreihen von Kojen an der Wand und dazwischen einige nichtarbeitende medizinische Geräte. Außer einer Koje lag auf jeder ein schweißglänzender Mann mit einem Wochenbart. Sie waren bei Bewusstsein, aber nicht übermäßig. Sie waren an den Handgelenken gefesselt.
»Es ist uns sehr unangenehm, dass wir sie so festhalten müssen«, sagte Kovalcik. »Aber was sollen wir sonst machen? Dies ist Captain Kohlberg.« Der Kapitän war ein untersetzter teutonisch wirkender Mann mit glasigem Blick. »Er ist jetzt ruhig. Aber nur, weil wir ihn unter Sedation halten«, erklärte Kovalcik. »Wir halten sie alle ruhig, fünfzig Kubik Omnipax pro Tag. Aber die ständige Betäubung könnte eine Gefahr für ihre Gesundheit werden. Und außerdem, die Droge, sie ist bald zu Ende. In ein paar Tagen haben wir keine mehr übrig, und es wird schwieriger sein, sie in Schach zu halten, und wenn sie ausbrechen, gibt es wieder einen Kampf auf diesem Schiff.«
»Ich bin nicht sicher, ob wir überhaupt Omnipax bei uns an Bord haben«, sagte Carpenter. »Ganz bestimmt nicht so viel, dass es euch viel weiterhelfen könnte.«
»Auch darum bitten wir dich nicht«, sagte Kovalcik.
»Ja also, was wollt ihr denn dann?«
»Diese fünf Männer da, sie gefährden die Sicherheit aller. Sie haben den Anspruch auf Befehlsgewalt verloren. Das könnte ich dir mit Aufzeichnungen aus der Zeit der Kämpfe auf dem Schiff beweisen. Nimm sie mit!«
»Was?«
Kovalcik blickte ihn plötzlich seltsam intensiv an, wild, bedrohlich, beunruhigend.
»Nimm sie mit auf dein Schiff. Sie dürfen nicht hier bleiben. Das sind verrückte Männer. Wir müssen uns von ihnen befreien. Damit wir das Schiff in Ruhe reparieren und die Arbeit tun können, für die wir bezahlt werden. Es ist ein Akt der Menschlichkeit, sie uns abzunehmen. Ihr fahrt mit dem Eisberg nach San Francisco zurück. Nimm sie mit, die Störenfriede. Für euch sind sie keine Gefahr. Sie werden dankbar sein für ihre Rettung. Aber hier sind sie wie Bomben, die früher oder später hochgehen müssen.«
Carpenter sah sie an, als wäre sie eine Bombe, die bereits explodiert war. Rennett hatte sich einfach zur Seite gewandt und überspielte mit einem heftigen Husten einen hysterischen Lachanfall.
Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dass er sich bei der Geschichte zum Komplizen machte, bereitwillig einen Haufen Offiziere bei sich an Bord aufnahm, die von Meuterern vertrieben worden waren. Noch dazu Leute von Kyocera-Merck. Dem Hauptkonkurrenten Hilfe und Unterstützung leisten? Der Chefagent von Samurai in Frisco würde bestimmt hellauf begeistert sein, wenn er mit fünf Mann von K-M an Bord in den Hafen getuckert kam. Und besonders gerührt würde er sein, wenn er erfuhr, dass Carpenter aus Gründen der Humanität so gehandelt hatte.
Aber davon abgesehen, er hatte an Bord keinen Platz für diese Männer. Wo, verdammt, sollten die schlafen? An Deck, zwischen den Zapfhahnen? Oder sollte er für sie auf dem Eisberg ein Zelt aufschlagen lassen? Und wie sollte das mit ihrer Verproviantierung klappen, um Himmels willen? Und mit dem Screen? An Bord war doch alles bis zum letzten Molekül genau berechnet.
»Ich glaube, du verstehst unsere Situation nicht«, sagte er vorsichtig. »Von der legalen Seite der Sache mal ganz abgesehen, wir haben keinen Platz für zusätzliche Leute. Wir haben kaum Platz für unsere Besatzung.«
»Es wäre ja nur für eine kurze Zeit, nicht? Ein, zwei Wochen.«
»Ich sage dir doch, jeder Millimeter ist verplant. Falls Gott persönlich als Passagier an Bord kommen wollte, es würde uns verdammt schwer werden, einen Platz für ihn zu finden. Wenn ihr technische Hilfe braucht, um euer Schiff wieder zusammenzuflicken, dann könnten wir euch die zu geben versuchen. Wir können euch sogar etwas von unseren Vorräten abgeben. Aber fünf Mann zu uns an Bord nehmen …«
Kovalciks Blick wurde noch wilder, und sie atmete sehr heftig. »Ihr müsst das für uns tun. Ihr müsst! Sonst …«
Sie sprach nicht weiter.
»Sonst?«, wiederholte Carpenter.
Doch als Antwort erhielt er nur einen trostlosen starren Blick, kein bisschen freundlicher als der grüngemaserte ozonbrüchige Himmel.
»Hilfe!«, stöhnte gerade in diesem Augenblick Kohlberg und bewegte sich unerwartet.
»Was war das?«
»Er deliriert«, sagte Kovalcik.
»Hilfe … Hilfe! In Gottes Namen, Hilfe!« Dann in schwerfälligem, stark akzentuiertem Englisch die qualvoll gebildeten Worte: »Help … she … will … kill us all …«
»Delirium?«, sagte Carpenter.
Kovalciks Augen wurden noch eisiger. Sie zog aus einem Wandschrank eine Ultrasonarspritze, drückte sie auf Kohlbergs Arm. Es ertönte ein leises Summen, und Kohlberg versank in Schlaf. Ein röchelndes Schnarchen kam von seinem Bett.