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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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«Wo sind denn die Kinder?», fragte ich, während ich meinen Harnisch abnahm. Aspasia richtete gerade unser Lager.

«Ich dachte, bei dir!», antwortete sie, und ihre Augen weiteten sich vor Schrecken.

«Das Tor! Sie müssen hinaus sein!», rief ich entsetzt. Sofort legte ich meine Waffen wieder an und beeilte mich, nach oben zu kommen. Schneller als ich indessen war Aspasia auf der Leiter und kletterte geschwind wie eine Katze hinauf. Erst beim Eingangstor konnte ich sie einholen und festhalten.

«Aspasia, bleib hier!», sagte ich. «Wer weiß, was die Spartaner mit euch Frauen machen!» Sie aber riss sich los wie eine Furie, schrie: «Die Kinder» und stürmte so schnell davon, wie ich sie noch nie habe laufen sehen, ja schneller, als ich selbst laufen konnte. Ich hatte größte Mühe, ihr nur zu folgen; sie einzuholen war unmöglich. Wir rannten durch die verwinkelten Gassen des Kerameikos, die sich wie leergefegt vor uns auftaten. Offenbar hatten die Athener getan, was uns nun misslungen war, und alle in ihren Häusern und Kellern Schutz vor den Soldaten gesucht.

«Zum Tor!», rief ich Aspasia zu, als sie für einen Moment zögerte und nicht wusste, welchen Weg sie einschlagen sollte. «Sie haben den Bogen!»

Die Nachricht entsetzte sie erneut; augenblicklich sprengte sie mit noch größerer Wut los als zuvor. Wir rannten, bis wir endlich zum Dromos kamen, auf dem die spartanische Armee schon wie ein gewaltiger Tausendfüßler voranschritt. Das Doppeltor war offen. Der Feind nahm Besitz von unserer Stadt, aber da war kein Stürmen und Plündern. Die Spartiaten marschierten ein mit dem ihnen eigenen Ernst und der ihnen eigenen Disziplin.

Ein spartanischer Hauptmann, sechs Fuß groß und breit wie ein Bär, stand an der Seite und überwachte seine Truppe. Ungeachtet der schweren Schritte seiner Soldaten musste er uns gehört haben, denn er drehte sich plötzlich zu uns und griff nach dem Knauf seines Schwertes, zögerte aber, es auch zu ziehen. Einen Wimpernschlag lang trafen sich unsere Blicke. Seine Augen schienen schwarz unter der schweren Sturmhaube, funkelnd und entschlossen. Was aber mag er gesehen haben? Einen verrückten Athener und eine von Wahnsinn gezeichnete Frau? Dann entdeckte er mein Schwert an meiner Hüfte und zog blank.

«Wir suchen unsere Kinder!», rief ich ihm zu und hob abwehrend die Arme. Im gleichen Augenblick schwirrte ein Pfeil durch die Luft. Er war ungeschickt geschossen, und der Spartaner hatte keine Mühe, ihn mit seinem Schild abzuwehren. Das Geschoss war hinter mir abgefeuert worden. Ich drehte mich um und entdeckte meine Söhne auf dem flachen Dach eines Ladens, wie sie mit zitternden Händen und bleichen Gesichtern schon den nächsten Pfeil auf die Sehne legten.

«Hört auf!», kreischte Aspasia mit einer Stimme, die sich überschlug, bevor ich überhaupt etwas sagen konnte . Die beiden ließen den Bogen augenblicklich fallen.

«Deine Söhne?», fragte mich der Spartiate.

«Ja, bitte, es sind noch Kinder», stammelte ich.

Der Hauptmann drehte sich wieder den Soldaten zu, die in Richtung Agora marschierten.

«Geh nach Hause!», kommandierte er über die Schulter hinweg. Dann beachtete er mich nicht mehr.

Nach diesem Erlebnis waren wir sicher, dass die Spartaner uns tatsächlich verschonen würden, wie sie dies versprochen hatten, und so war es denn auch. Lysander soll zwar, nachdem die Stadt erobert war, eine Botschaft an die Ephoren geschickt haben, mit den Worten, Athen sei genommen, um sich zu vergewissern, dass er die Stadt nicht doch zerstören sollte. Die Antwort lautete aber nur: «Einnahme genügt.» So jedenfalls hat es mir Xenophon erzählt, nachdem er mit einem Offizier aus Lysanders Gefolge Freundschaft geschlossen hatte.

Die Spartaner verschonten uns also. Gleichwohl entschieden Aspasia und ich uns dafür, die unverderblichen Lebensmittel vorläufig in unserem Kellerversteck zu lassen, und dort verbarg ich auch meine Waffen - eine kluge Entscheidung, wie sich noch zeigen sollte. Tatsächlich war die Gefahr für Athen und unser Leben nicht gebannt. Sie drohte nur von ganz anderer Seite: sie drohte von uns selbst.

Die Athener merkten schnell, dass die Spartaner sie nicht versklaven würden, und so kehrte die Stadt ungeachtet der Besetzung durch feindliche Truppen mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit zu dem Leben zurück, das hier vor der Belagerung geführt worden war. Nur wenige Tage nach dem Einmarsch der Truppen öffneten die ersten Händler wieder ihre Läden, und es dauerte höchstens eine Woche, bis in Piräus wieder Handelsschiffe vor Anker gingen. Bald war die Stadt gut mit Hirse und Korn versorgt: Wir waren nun einmal geborene Händler.

Die spartanischen Soldaten sahen dem Treiben auf den Märkten zunächst noch mit strenger und verächtlicher Miene zu. Jede Verbrüderung war ihnen verboten; und doch nahmen sie dann und wann, wenn ihre Hauptleute es gerade nicht sahen, die eine oder andere dargebotene Dattel aus der Hand eines freundlichen Kaufmanns an. Der Dattel folgte ein Becher Wein als Gastgeschenk, manchmal auch eine kleine Münze, und sehr schnell waren die Gesichter gar nicht mehr so streng. Den gefürchteten Hauptleuten ging es nicht anders. Nur wurden sie von weitaus verlockenderen und gefährlicheren Versuchungen umworben als ihre einfachen Soldaten, von den Söhnen und Töchtern Aphrodites, die Athen so zahlreich beherbergt. Nicht dass den Spartanern der Genuss der Geschlechtlichkeit unbekannt gewesen wäre. Allein, eher an grobe Kost und Blutsuppe denn an feine Verlockungen gewöhnt, ergaben sich die Krieger bereits den schlichteren Künsten unserer Schönen beinahe kampflos. Dazu machten sich unsere Schneider, Kunsthandwerker und Goldschmiede - allen voran Raios - ein ganz spezielles Vergnügen daraus, den hohen Offizieren ihre feinen Athener Waren vorzuführen und die Ares-Söhne so lange zu betören, bis sie für ein Fläschchen Parfüm oder einen Ohrring ihre Waffen einzutauschen bereit waren. Wer aufmerksam beobachtete, sah abends bald schon die ersten goldenen Spangen an den spartanischen Feldmänteln blinken, und für ein Stelldichein mit einem hübschen Knaben soll sogar Lysander seine Haare parfümiert haben - berichtete jedenfalls Xenophon, dem es wiederum sein spartanischer Freund erzählt haben soll. Kurzum: Athen war erobert, aber nicht besiegt. Weit davon entfernt, sich dem Joch der Spartaner zu unterwerfen, dauerte es nicht lange, bis aus unseren spartanischen Besatzern Athener wurden.

Ein Athener aber braucht Geld, und die hässlichen spartanischen Eisengroschen wollte niemand haben. Wie bezahlten die Offiziere also die Vergnügen, denen sie sich fern ihrer strengen Heimat hingaben? Ich erfuhr es, als uns mein Schwiegervater an einem schönen Frühlingsabend besuchen kam. Der Tag war mild gewesen und blieb es noch in den Sonnenuntergang hinein. Wir setzen uns zu dritt unter den Feigenbaum. Die Jungs tobten um uns herum. Sie spielten Athener und Spar-tiate. Natürlich musste der kleinere immer den ungeliebten Spartaner geben und verlieren. Raios war bester Laune. Seine Warze schien auf seinem breiten Lächeln auf- und abzuhüpfen, sein Schädel glühte schon nach dem ersten Schluck. Er brannte förmlich danach, uns von den Geschäften zu erzählen, die er an jenem Tag gemacht hatte.

Irgendein spartanischer Tölpel, ebenso eitel wie verliebt, hatte einen Armreif für sich und ein sündhaft teures Geschmeide für eine Kurtisane gekauft - keine andere als Lais, wie Raios vollmundig behauptete.

«Und wie hat dein verliebter Spartaner bezahlt?», fragte ich ein wenig spitz, zumal ich ihm seine kaufmännischen Abenteuer nie ganz glauben konnte. Raios griff mit breitem Grinsen in den Gürtel und zog eine Goldmünze hervor, die er in hohem Bogen auf den Tisch warf. Es war ein glänzender, goldener Dareikos -persisches Geld - und so viel wert wie zwanzig Silberdrachmen.

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