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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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«Was ist mit dir?», fragte ich.

«Ich mache mir Sorgen wegen unserer Kinder», antwortete sie.

«Teka kann gut auf sie aufpassen ...»

«Aber ich mache mir doch keine Sorgen wegen Teka!», erwiderte sie heftig. «Ich mache mir darüber Sorgen, was Lykon gesagt hat!»

«Thrasybulos beschützt uns», war das Einzige, was mir einfiel, um sie zu beruhigen. Das war wenig, zu wenig. Ihre Angst hatte mich längst ergriffen. Furcht teilt sich mit wie Feuer, lodernd und unaufhaltsam.

«Jetzt ist es aber genug, ihr Bengel!», hörten wir Teka durch das Haus rufen. Endlich trollten sich die beiden und gingen maulend in den Waschraum. Ich setzte mich auf. Tausende von kleinen, silbernen Staubkörnern tanzten im Licht der aufgehenden Sonne, das durch die Fensterläden drang.

«Was soll ich tun?», fragte ich Aspasia.

«Das musst du selbst wissen», antwortete sie. «Es gibt Entscheidungen, die du nur allein treffen kannst.» Sie erhob sich und lächelte traurig.

«Aber du bist meine Frau.»

«Eben», sagte sie und küsste mich.

Sie hatte die Schlafzimmertür schon geöffnet, als sie sich noch einmal umdrehte. Das Gegenlicht des frühen Morgens legte einen leuchtenden Schimmer um ihr Haar und enthüllte den Schattenriss ihres weiblichen Körpers unter ihrem Nachtgewand.

«Egal, was du tust, sei vorsichtig», sagte sie. «Und denk an deine Söhne.»

«Das werde ich», versprach ich.

«Ich weiß», sagte sie leise und ging hinaus.

Ich blieb im Dämmerlicht des Morgens liegen. Draußen mahnte Aspasia die Kinder zur Ruhe. Augenblicklich waren die Brüder still. Sie hatten wohl beinahe ebenso viel Respekt vor ihr wie ich. Ich schloss die Augen. Erst blieb alles dunkel. Dann erschien Lykons Gesicht vor mir. Ich sah seine mädchenhaften Bewegungen und schmeckte beinahe den Kuss, den er mir auf den Mund gedrückt hatte. Ich glaube, ich habe ihn Aspasia gegenüber nicht erwähnt. Was hatte er damit wohl bezweckt? Glaubte er wirklich, er könnte mich verführen wie irgendeinen alten Freier?

Aber es erstand noch ein anderes Bild vor mir. Langsam und wie durch einen dichten Nebelschleier stieg die Erinnerung an den Knaben Lykon in mir auf, an den Jungen, der mich an jenem unsagbar heißen Tag zu Alkibiades gerufen und begleitet hatte. Lykon war bleich gewesen damals. Er hatte sich auf dem Weg hinauf sogar ausruhen müssen. Warum? Ich entsann mich nur dunkeclass="underline" War er krank oder müde, weil er in der Nacht davor nicht hatte schlafen können?

Genug jetzt! Ich musste gehen. Der Feind stand vor den Toren. Ich sollte aufhören, in der Vergangenheit zu wühlen!

Auf dem Weg zum Tor traf ich Sokrates. Es war noch früh. Die Sonne stand erst halb über den Bergen. Athen rüstete sich für den neuen Tag. Auch Sokrates trug seine Waffen. Er bot einen ungewöhnlichen Anblick, kannte man ihn doch sonst nur in seinem einfachen Mantel. Jetzt war er ein Hoplit seiner Stadt. Er trug eine Sturmhaube, den Schild hatte er auf den Rücken gebunden, sein Brustharnisch zeigte drei alte, tiefe Schnitte, wie sie nur ein Schwert in dem festen, mit Eisen beschlagenen Leder hatte hinterlassen können. Einer von ihnen lag nur eine Handbreit unter dem Herz.

«Nikomachos, wie schön, dich zu sehen», grüßte er mich freudig und umarmte mich, wie es nun einmal seine Gewohnheit war. «Lach bitte nicht über mich. Ich weiß, ich sehe aus wie Achilles' Schildkröte.»

«Achilles' Schildkröte?», wiederholte ich dumm, «ich habe noch nie etwas von Achilles' Schildkröte gehört.»

«Aber sicher», widersprach er bestimmt. «Du kennst doch die Geschichte von der Schildkröte, die sich auf einen Wettlauf mit Achilles einlässt, oder? Eine Dummheit meinst du? Nein, ganz im Gegenteil. Es ist nämlich eine alte, kluge Schildkröte. Sie weiß, dass sie zehnmal langsamer läuft als er. Also bittet sie um einen Vorsprung von 10 Klaftern.»

«Und?»

«Sie gewinnt. Achilles kann sie nicht einholen.»

«Wie kann das sein?»

«Ganz einfach: Wenn Achilles ihren Vorsprung von zehn Klaftern eingeholt hat, ist sie einen Klafter weiter. Richtig?» «Richtig!»

«Hat er den Klafter zurückgelegt, ist sie ein zehntel Klafter vor ihm. Richtig?»

«Richtig.»

«Ein zehntel Klafter weiter, hat sie immer noch einen Vorsprung von einem hundertstel - ja?»

«Ja.»

«Siehst du, so geht es weiter bis ins Unendliche. Achilles kann sie nicht überholen. Sie ist ihm immer ein Zehntel voraus.» Er lachte und hatte dabei wirklich etwas von einer alten Schildkröte. Dann sah er meine Wange und runzelte die Stirn.

«Woher diese Kratzer?», fragte er und zeigte mit dem Finger auf die Schrammen. «Die letzten, die mein Gesicht zierten, verdankte ich einem Wutanfall meines treuen Weibes.»

«Lykon», antwortete ich.

«Oh», bemerkte er, «es kratzen also auch die Untreuen ... Was wolltest du denn von deinem alten Eromenos?»

«Wer sagt dir, dass ich etwas von ihm wollte?», antwortete ich ausweichend. Sokrates sah mich an.

«Niemand, ich dachte nur . Vielleicht lassen dich ja gewisse Fragen ebenso wenig los wie mich», antwortete er, und ich hatte das Gefühl, als sähe er mir direkt durch die Augen in die Seele. Warum sollte ich ihm etwas vorspielen?

«Du hast recht», gestand ich, «und ich vermute, du weißt genau, wieso ich zu ihm gegangen bin.»

Sokrates nickte und hakte sich bei mir unter. «Komm, ich begleite dich ein Stück. Die Spartaner werden heute ohnehin nicht angreifen.»

«Nein? Wieso meinst du?»

«Wieso sollten sie die Tore erstürmen, die man ihnen bald öffnen wird?»

Ich verstand die Bemerkung nicht, war aber froh um seine Begleitung. Ich brauchte jemanden, mit dem ich reden konnte, und Sokrates war ein guter Zuhörer. Er blieb ganz ruhig, während der andere sprach, auch wenn man etwas ganz Törichtes sagte. Es war, als verstünde er alles, und sei es auch noch so dumm. Erst wenn man sich ganz ausgesprochen hatte, begannen seine Fragen ...

«Es geht um Periander und Kritias», fing ich an, während wir gemeinsam und ohne uns zu sehr zu beeilen zum Doppeltor gingen, «du weißt, dass er für mich Perianders Mörder ist.»

Sokrates nickte.

«... es spricht einfach alles gegen ihn. Er ist der Urheber dieses unsäglichen Pamphlets. Er ist der Anführer der Aristokraten, denen Periander sich angeschlossen hatte. Ihn muss Platon decken, weil er sein Onkel ist ... Aber ...» Ich sprach nicht weiter. Ich wusste, Sokrates würde den Satz ganz allein fortsetzen können.

«Aber du hast keinen Beweis gegen ihn, nicht wahr?», fuhr Sokrates lapidar fort.

«Nein, keinen Beweis, und trotzdem weiß ich es. Ich weiß es mit jeder Faser meines Körpers, wenn du verstehst, was ich meine.»

Sokrates blieb stehen. Normalerweise hätte er jetzt eine Frage gestellt. Eine seiner Fragen, etwa ob es denn ein Wissen gebe, das nicht zu beweisen sei oder dergleichen. Aber Sokrates war nicht nur ein großer Lehrer, er war auch ein großer Freund, und deswegen schonte er mich.

«Und konnte Lykon dir helfen?», fragte er stattdessen.

«Er wollte nicht ... Aber er hat mich gewarnt. Er meinte, ich würde noch dasselbe Ende nehmen wie mein Vater, wenn ich nicht aufhörte, in dieser alten Geschichte zu wühlen. Es sei alles zu groß und zu gefährlich für mich.»

«Zu groß und zu gefährlich», wiederholte Sokrates, «hat er das gesagt?»

«Ja, ich glaube: Für dich ist das Ganze zu groß und zu gefährlich, das hat er gesagt.»

«Das passt zu ihm», stellte Sokrates fest.

«Zu Lykon? Ich wusste gar nicht, dass du ihn kennst», meinte ich irritiert.

«Nein, nicht zu Lykon, zu Kritias ...» entgegnete er beinahe abwesend, und irgendetwas in der Art, wie er diesen Namen aussprach und dabei in die Ferne sah, gab mir die Gewissheit, dass er sich an etwas ganz Bestimmtes erinnerte.

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