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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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«Xenophon», sagte ich und sah ihm in die Augen, «auch Kritias?»

Er wich meinem Blick aus und blickte zu Boden. «Auch Kritias!»

Die Antwort traf mich wie ein Schlag. Obwohl ich fühlte, wie meine Beine zitterten, drehte ich mich um und rannte davon. Dabei wusste ich noch nicht einmal, wohin ich sollte, rechts, links, geradeaus, zurück. Es war mir einerlei. Ich wusste nur, dass ich mich bewegen musste ... Ich musste etwas tun ... Es war ein Albtraum. Warum nur bestraften mich die Götter so? Mein Feind war am Ziel seiner Wünsche!

«Lass mich gehen!», blaffte ich Xenophon an. Der arme Kerl war mir hinterhergelaufen und versuchte, mich zu beruhigen, aber ich machte mich los von ihm. Unentschlossen und taumelnd ging ich weiter. Die Leute auf dem Markt sahen mich an, als wäre ich betrunken. Es war mir gleich. Xenophon folgte mir noch ein paar Schritte, dann blieb er stehen und sah mir bestürzt nach. Ich konnte keinen Gedanken fassen. Erst als ich meinen Kopf in das kalte Wasser eines Brunnens gesteckt hatte, wurde mir klar, mit wem ich jetzt sprechen musste: Thrasybulos. Nur hatte ich ihn seit Monaten nicht gesehen. Ich wusste nicht einmal, ob er überhaupt noch am Leben war; ich musste ihn suchen.

Thrasybulos' Haus lag in der Nähe des Musenhügels, ein kleines und unscheinbares Backsteinhaus ohne Zierde und Pomp. Die Nacht war schon hereingebrochen, als ich es erreichte, und ich fand es in vollkommener Dunkelheit. Nicht der geringste Lichtschein drang durch die fest verschlossenen Läden, kein Laut war zu hören. Ich klopfte, so fest ich konnte, gegen die Pforte und rief immer wieder nach ihm. Nichts rührte sich, bis sich endlich ein Nachbar meiner erbarmte, aus dem Fenster des Nebenhauses herausschaute und mir sagte, mein Warten sei vergeblich, Thrasybulos' Haus stehe seit Monaten leer.

«Wo ist er denn hin?», fragte ich den Mann. Der schloss aber schon wieder die Läden und meinte nur noch, ich solle mich davonmachen.

Thrasybulos, wo mochte er sein? Während der gesamten letzten Jahre, seit meiner vermaledeiten Suche nach Perianders Mörder, war er meine einzige Verbindung zu den Demokraten geblieben. Politischen Ehrgeiz hatte ich nie besessen und es deswegen auch nicht für nötig befunden, weitere Beziehungen zu dieser Partei zu unterhalten. Wen konnte ich jetzt ansprechen? Wer könnte zumindest wissen, wo Thrasybulos sich aufhielt?

Endlich kam mir ein Gedanke. Ein Verbindungsglied zu den Demokraten hatte es stets gegeben, selbst zu Zeiten, als ich dies weder wusste noch wünschte. Dass er fast am anderen Ende der Stadt wohnte, sollte mich jetzt nicht aufhalten: Auf zu den Metöken, auf zu meinem alten Schreiber!

Aus Mysons Haus drang Licht. Die schwache Flamme eines kleinen Öllämpchens schimmerte durch die halb geöffneten Fensterläden. Als ich hineinspähte, sah ich ihn an seinem großen Holztisch sitzen. Er kopierte mit den mir völlig vertrauten Gesten ein Buch.

«Myson», flüsterte ich seinen Namen. Er stand sofort auf und öffnete die Tür. Freudig küssten wir uns auf die Wangen, aber ich erschrak, als ich sein dünnes Körperchen unter meinen Händen fühlte. Jede einzelne Rippe spürte ich unter seinem Gewand; beinahe erinnerte mich sein Leib an die tote Teka. Natürlich, als Metöke muss er unter der Hungersnot ganz besonders gelitten haben, zumal er zu alt war, um noch Waffen zu tragen. Ich fühlte einen Stich im Herzen und bereute bitter, mich in den Hungermonaten so gar nicht um ihn gekümmert zu haben.

«Du bist dünn geworden», begrüßte ich ihn denn auch. «Wieso hast du dich nicht bei mir gemeldet? Ich hätte dir helfen können.»

«Du hattest deine eigenen Sorgen», antwortete er verlegen und entzog sich meiner Umarmung wie ein schüchternes Mädchen, das nicht will, dass man seinen Körper ertastet. «Aber es geht schon wieder. Ich muss nur vorsichtig sein und meinen alten Magen schonen. Der Hunger hat ihm zugesetzt. Ich kann ihn erst nach und nach wieder an ausreichende Nahrung gewöhnen. Aber komm rein, Nikomachos, was führt dich zu mir?»

«Hast du schon gehört?», fragte ich, nachdem ich eingetreten war und die Tür verschlossen hatte.

«Ja, das habe ich.» Er wusste sofort, was ich meinte.

«Und?»

Myson zuckte mit den Schultern.

«Ich bin ein alter Mann», sagte er und lächelte verzagt. «Ich fürchte mich nicht mehr. Hätte ich Kinder oder Enkel, würde ich mich sorgen. Aber ich bin allein. Meine Frau wartet schon lange auf mich ...»

Er setzte sich. Jede Bewegung fiel ihm schwer. Erst jetzt, im Schein der Lampe, sah ich sein Gesicht deutlicher. Seine Haut war wie trockener Papyrus. Es war, als hätte er sich in eines seiner Bücher verwandelt. Myson schien unendlich gealtert und unendlich müde.

«Es tut mir leid, dass ich mich nicht um dich gekümmert habe, Myson», sagte ich mit einem Kloß im Hals.

«Entschuldige dich nicht», wehrte er ab. «Du hast eine Familie, um die du dich kümmern musstest. Du hast das Richtige getan. Ich hätte es nicht anders gewollt ... Aber jetzt sprich, wie kann ich dir helfen?»

«Thrasybulos, weißt du, wo er ist?»

Myson nickte. «Ja, ich habe Nachrichten von ihm. Es geht ihm gut. Er ist in Theben, zusammen mit der ganzen Besatzung seines Schiffes.»

Ich schüttelte den Kopf. Ich verstand nicht.

«Thrasybulos hatte eine Triere unter sich. Sie kreuzten vor Samos. Als er erfuhr, was mit unserer Flotte geschehen war, wollte er nach Athen zurück, fand das Meer aber schon von den Spartanern blockiert. Er konnte gerade noch beidrehen. Sie umschifften Euböa und flohen nach Theben. Dort hat er mit seiner Mannschaft bei Freunden Unterschlupf gefunden. Seitdem wartet er dort.»

«Was wird er tun?», fragte ich.

Myson zuckte mit den Schultern. «Ich weiß es nicht. Von der Versammlung heute kann er noch nichts erfahren haben.»

«Bist du sein Mittelsmann hier? Ich meine, schickst du ihm Botschaften, um ihn auf dem Laufenden zu halten?», fragte ich.

Myson zögerte einen Augenblick, bevor er nickte.

«Das ist gut», sagte ich. «Ich glaube, du solltest ihm schreiben. Er muss wissen, was heute geschehen ist. Grüße ihn von mir. Schreib ihm, ich versuche hier zu bleiben, solange es geht.»

η

ich kam spät nach Hause in jener Nacht. Trotzdem war As-pasia noch nicht zu Bett gegangen. Sie erwartete mich in der Küche am Kaminfeuer sitzend.

«Schlechte Nachrichten?», fragte sie, als sie mich eintreten sah.

«Sehr schlechte Nachrichten», erwiderte ich und setzte mich erschöpft zu ihr.

Wortlos reichte sie mir einen Becher Wein. Er war kaum gemischt; gerade so, wie ich es mochte. Ich trank und sah in die Flammen. Aspasia legte mir eine Hand auf die Schulter.

«Hast du es schon gehört?», fragte ich. Sie nickte. Ihr Vater war hier gewesen. Er hatte ihr von der Versammlung erzählt.

«Was hält er davon?»

«Er hat gelacht. Du kennst ihn ja. Er macht sich um nichts Sorgen.»

«Und du?»

«Ich glaube, wir sind in Gefahr», antwortete sie. Sie war ganz ruhig bei dieser Feststellung.

«Das denke ich auch. Er kann meinen Auftritt vor dem Areopag nicht vergessen haben.»

Aspasia erhob sich langsam und strich mir über den Nacken.

«Komm zu mir», sagte sie in ungewohnter Offenheit und ließ ihr Gewand vor meinen Augen fallen. Das Feuer zeichnete einen goldenen Schimmer auf ihre nackte Haut. Das üppige schwarze Haar fiel ihr über die Schultern auf die weißen Brüste. Ich erhob mich und küsste sie. Mein Herz schlug wie wild. Ihre Lippen schmeckten nach Honig, nach Wein. Der betörende Geruch ihres weiblichen Körpers stieg mir in die Nase, eine Mischung von Blütenduft, Haut und Haar. Sie löste meinen Chiton und schmiegte ihren schlanken Körper an mich. Ihr Bauch schien zu glühen, wie sie ihn gegen meine Lenden drückte. Ich umarmte sie und umfasste ihren festen Po. Aspasia seufzte leise. Dann zog sie mich zu Boden, wo ein dickes Fell den Eingang zu unserem Kellerversteck verbarg. Sie öffnete ihre Beine und nahm mich sofort auf. Ich musste achtgeben, mich nicht gleich in ihr zu verlieren wie ein Jüngling. Ich sah sie an. In ihren Augen spiegelten sich die Flammen. Für einen Moment wusste ich nicht, ob sie ein Mensch, ein Tier oder eine Göttin sein mochte. Sie war so schön, dass ich ihren Anblick kaum ertragen konnte. Ich schloss die Augen, fühlte ihren Körper, lauschte ihrem Atem, roch ihren Duft und glaubte irgendwann ganz mit ihr zu verschmelzen.

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