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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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In jener Nacht hatte ich einen Traum, an den ich mich selbst heute noch nur mit Furcht und Scham erinnere. Ich fand mich bei der großen Panathenäenfeier inmitten von Freunden und Nachbarn. Ich wusste, mein Vater hätte bei mir sein sollen, aber er war nirgendwo zu sehen. Wir standen eng beieinander und warteten, bis die gesamte Prozession aus jungen Mädchen, Edelfrauen und Würdenträgern an uns vorbeigezogen war. Dann kamen die Wagenlenker. Schon von Weitem erkannte ich Lykon, der sich lüstern an Kritias schmiegte. Ich wollte meinen Blick von ihnen wenden, aber es gelang mir nicht. Als die beiden gerade an mir vorbeifuhren, streckte Lykon sich mir entgegen, als wollte er meine Hände fassen. Kaum hatte er mich berührt, sah ich nicht mehr ihn, ich sah Aspasia vor mir. Erschrocken ließ ich ihre Hände los, sie entschwand unerreichbar. Wie ein vergifteter Dolch bohrte sich mir etwas in die Seele. Ich versuchte Aspasia nachzulaufen, aber die Männer meines Demos hielten mich an Händen und Füßen fest, bis sie nicht mehr zu sehen war.

Es wurde Morgen, als sie mich weckte. Ein erster grauer Lichtstrahl fiel durch die Fensterläden. Wir lagen noch immer auf dem Fell. Das Feuer im Kamin war erloschen. Aspasia hatte eine Decke über uns gelegt, damit wir nicht froren. Sie reichte mir eine Schale Milch und wartete, bis ich in Ruhe ausgetrunken hatte. Erst dann begann sie zu sprechen.

«Ich habe Angst um die Kinder», sagte sie. «Ich glaube, wir sollten nicht in Athen bleiben. Wir sind in Gefahr.»

Ich legte mich zurück und sah an die Decke. Das goldene Licht der Herdflammen war erloschen. Der Raum war grau und traurig wie der frühe Morgen.

«Du willst wirklich weg?», fragte ich.

«Ja, wir müssen, ich bin mir sicher.»

Sie strich mir durchs Haar. Ich wusste, sie hatte recht. Es gab keinen Zweifel. Die Kinder waren in Gefahr. Wir mussten sie schützen.

«Ich werde euch zu Chilon nach Piräus bringen», sagte ich.

«Und du?», fragte sie leise.

Ich antwortete nicht.

Am nächsten Abend, kurz nach Sonnenuntergang, brachen wir auf. Aspasia hatte den Tag mit Packen zugebracht, während ich versucht hatte, einige Erkundigungen einzuziehen. Ich konnte nicht glauben, dass die Athener ihre Stadt Kritias und einer Handvoll Aristokraten ohne Gegenwehr überlassen würden, die Stadt, die sie selbst errichtet, geführt und gelenkt hatten. Aber so geschah es; tatsächlich scherte sich einfach niemand darum. Die Menschen waren froh, den Krieg und die Belagerung heil überstanden zu haben. Jetzt bauten sie ihre Geschäfte wieder auf und sahen zu, wie sie ihre Familien satt bekamen. Wer Athen nun regierte, das kümmerte sie nicht.

«Was soll schon passieren?», sagte Raios in seiner Goldschmiede, den ich an jenem Tag zuletzt besuchte. «Du siehst schwarz. Lass sie sich ein bisschen austoben! Bevor die Dreißig etwas anrichten können, schicken die Athener sie längst wieder zum Teufel! Die Menschen hier haben einen Perikles dreimal angeklagt und einen Alkibiades davongejagt, was will ein Kritias da ausrichten? Lass uns mit den Spartanern unsere Geschäfte machen und kümmere dich nicht um diesen Haufen Trottel!»

Und so wie Raios dachten die meisten.

Ich war wieder auf dem Weg nach Hause und überlegte, ob die Entscheidung für Piräus nicht übereilt war, als mir ein Trupp Toxotai entgegenkam. Es waren sechs Soldaten in voller Montur, gerüstet mit Bogen und Weidenruten. Ich kannte die meisten noch aus meiner Zeit als Hauptmann.

«Na, wohin geht es denn?», rief ich ihnen zu, als sie meinen Weg kreuzten.

«Ah, der alte Hauptmann!», antwortete der Anführer des Trupps, und auch die anderen murmelten eine Begrüßung. «Wir sind auf dem Weg zur Kaserne. Es gibt einen neuen Kommandanten, der uns sehen will!»

«Einen neuen Hauptmann?», fragte ich erstaunt und beeilte mich, mit der Patrouille mitzulaufen. «Es wurde doch noch gar kein neuer Hauptmann gewählt! Was ist denn mit dem alten geschehen?»

Der Soldat hob die Arme. «Davon weiß ich nichts», erwiderte er. «Sie haben uns nur gesagt, wir hätten einen neuen Kommandanten. Er will uns sehen. Er soll gestern eingesetzt worden sein.»

«Und wie heißt er?», fragte ich entgeistert.

«Keine Ahnung», antwortete der Truppenführer und sah verlegen an mir vorbei. Es kam ihm seltsam vor, dass ich einfach mit ihm mitmarschierte. «Aber ein paar Kameraden kennen ihn. Es soll ein erfahrener Soldat sein ... He, Aritos!», rief er einem der jüngeren Bogenschützen hinter sich zu. «Du hast den neuen Hauptmann doch schon gesehen, oder?»

«Ja, gestern Abend. Aber nur kurz», tönte es aus der letzten Reihe.

«Wie heißt er?», rief der Anführer.

«Ich habe den Namen nicht verstanden», antwortete der Soldat. «Aber er hat eine riesige Narbe. Sie geht über das ganze Gesicht.»

Ich blieb stehen und ließ die Toxotai ziehen. Was hatte der junge Bogenschütze da gesagt? Der neue Hauptmann hatte eine Narbe mitten im Gesicht? Sofort sah ich die Fratze vor mir: nachts in der Gasse vor unserem Haus. Eine Hand an meiner Gurgel. Stinkender Atem, der mir wie Pesthauch entgegenschlägt. Neben mir ein Schrei. - Sollte er der neue Hauptmann der Toxotai sein? Meiner Toxotai? Das war nicht möglich! Er war Anaxos' Mann, was sollten er und sein Herr mit den Dreißig zu schaffen haben? Es gab so viele Soldaten mit Narben ... Sicher war es ein anderer. Wieso sollte gerade er? Nein!

Die Erinnerung an den Abend, an dem mein Vater umgekommen war, verließ mich an dem Tag nicht mehr. Auch nicht, als Aspasia, die Kinder und ich uns endlich im Schutze der Dunkelheit davonmachen konnten. Jetzt, da die stolzen Athener Mauern niedergerissen dalagen, war es leicht, die Stadt über Schleichwege zu verlassen. Niemand achtete darauf, wie wir, bepackt mit unseren Habseligkeiten, erst durch das Metö-kenviertel zogen und uns dann, Akropolis und Lykabettos im Rücken, in Richtung Meer wandten. Trotzdem sprach keiner von uns ein Wort, bevor wir nicht die Stadt und ihre Gefahren hinter uns gelassen hatten.

Die Nacht war hell. Wie eine leuchtende Silberschale stand der Vollmond am klaren Himmel, so nah, als könnte man ihn anfassen. Aspasia und unser kleiner Sohn ritten auf Ariadnes Rücken, die ruhig und friedlich einherschritt. Mein großer Sohn ging an meiner Seite. Ich führte das Tier am Zügel. Linker Hand floss der Ilisos. Er würde uns bis zum Meer begleiten. Der Wind spielte in den Wipfeln. Man hätte sich kaum eine schönere Nacht vorstellen können als diese Nacht des Abschieds.

«Du bist bedrückt», sagte Aspasia, als wir beinahe schon die Hälfte des Weges hinter uns hatten.

«Wir werden uns eine Zeit lang nicht sehen», antwortete ich.

«Du willst nach Athen zurück?», fragte sie.

«Ja, ich werde dort gebraucht. Sobald es geht, komme ich nach.»

«Wir brauchen dich auch. Bist du sicher, dass wir nicht zusammen in Piräus bleiben sollten, bis in Athen alles vorbei ist?», fragte sie. «Mein Vater meint, Kritias wird sich nicht lange halten.»

«Ich bin sicher», antwortete ich und hoffte, sie würde nicht weiter in mich dringen. Hier vor den Kindern und in der Nacht des Abschieds konnte ich ihr nicht erzählen, was ich erfahren hatte. Ich fühlte ihren Blick in meinem Nacken und sah zu ihr hoch. Sogar im Mondlicht war zu erkennen, dass sie mir misstraute. Ich fühlte es deutlich. Aber sie ließ es gut sein, und ich war ihr dankbar dafür.

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