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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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Während Raios seine Gespräche mit dem verliebten Soldaten schenkelklopfend in allen Einzelheiten schilderte, nahm ich die schimmernde Münze an mich und betrachtete sie genau. Sie schien mir neu, soweit ich es beurteilen konnte, die Prägung war klar und unversehrt. Nicht der kleinste Kratzer lief über das hochmütige Profil des Großkönigs, das auf der Münze prangte. Unwillkürlich kam mir Sokrates in den Sinn, der bei der denkwürdigen Vollversammlung nach dem Untergang unserer Flotte diese eine Frage aufgeworfen hatte. «Woher hat Sparta die Schiffe? Woher hatte Sparta das Silber für ihren Bau?» Und noch ein Gesicht sah ich vor mir, während der persische Dareikos zwischen meinen Fingern blinkte: das Gesicht des persischen Kapitäns mit der kleinen Nase und dem dunklen Bart, der das Kinn umrahmte. Vielleicht, so dachte ich mir, vielleicht ist Sokrates' Frage einfach nur in einem einzigen Punkt falsch gestellt. Vielleicht brauchten die Spartaner gar kein Silber für ihre Flotte, sondern bezahlten mit Gold.

Für den nächsten Tag war wieder eine Vollversammlung einberufen, aber ehe ich mich auf den Weg zur Pnyx machen konnte, erhielt ich Nachrichten aus Piräus, glückliche Nachrichten, wie ich glaubte. Mein Schiff war eingekommen, das Schiff mit seiner Fracht aus Mazedonien, auf das ich im letzten Herbst vergeblich gewartet hatte. Der ebenso kluge wie erfahrene Kapitän hatte beidrehen lassen, als er die Ägäis von den Spartiaten blockiert fand, und war nach Mazedonien zurückgekehrt, wo er Unterkunft fand, bis der Seeweg wieder frei war. Nun war er hier, um seinen Kontrakt zu erfüllen, und mein lieber Freund Chilon ließ sofort nach mir schicken, damit ich die Fracht in Besitz nehmen konnte.

Natürlich sattelte ich gleich Ariadne, um mit ihr und dem Boten - kein anderer als der Flüchtling aus Lampsakos, den Chilon bei sich aufgenommen und während der gesamten Zeit der Belagerung beherbergt hatte - auf schnellstem Wege zum Kantha-ros zu kommen. Ich verspürte, wie ich gestehen muss, ohnehin keine Neigung, eine Vollversammlung zu besuchen, die unter der wachen Aufsicht spartanischer Soldaten stand. Was sollte man schon beschließen? Etwa Widerstand gegen die Besatzer? Es würden sich doch wieder nur einige Leute wichtigtun und über Belanglosigkeiten streiten. Mit Grausen dachte ich an den kleinen Theramenes mit dem dicken Bauch und dem dauernden Grinsen und gab einem beherzten Ritt und der Arbeit am Hafen deutlich den Vorzug vor einer seiner Reden. - Und so kam es nun einmal, dass ich ausgerechnet die Versammlung verpasste, deren Verlauf und Ergebnis das Schicksal Athens für die nächsten Monate bestimmen und die der Ursprung von so viel Leid, Unglück und Verbrechen sein sollte: Ich erinnere mich gut, wie ich mir am Abend nach meiner Rückkehr aus Piräus noch die Füße vertreten ging. Die Arbeit war getan, die Ladung überprüft, gelöscht und von einigen Tagelöhnern in meine Keller gebracht worden. Ich fühlte mich wohl wie nach einem warmen Bad und meinte, allen um mich herum müsste es ebenso gehen. Sollte ich nicht bemerkt haben, was um mich herum geschah, die Grüpp-chen übersehen, die sich überall bildeten, und das Getuschel der Menschen überhört? Ich muss gestehen, so war es, leider.

Am Ares-Tempel sah ich Xenophon. Er unterhielt sich mit ein paar fremden Soldaten; nichts schien ihn in jenen Tagen mehr zu interessieren als das Militär.

«Xenophon, mein Freund!», grüßte ich von Weitem, als er sich auch schon aus der Gruppe löste und, aus Freundespflicht, wie mir schien, zu mir kam. Mit ihm hatte ich gar nicht gerechnet. Ich war gerade auf dem Weg zum Hause Simons, um dort vielleicht Sokrates zu treffen, den ich schon lange nicht gesehen hatte.

«Ich wollte dich nicht stören», sagte ich entschuldigend, «bleibe ruhig bei deinen Kameraden. Ich mache nur einen kleinen Abendspaziergang.»

«Nein, ich wollte sowieso los», antwortete er und legte mir vertraulich den Arm um die Schulter. «Ich begleite dich gerne ein Stück.»

«Du sprichst viel mit den Spartanern in letzter Zeit», bemerkte ich, als wir ein paar Schritte gegangen waren.

«Findest du das falsch?», fragte er sofort.

«Nein, es fiel mir nur auf. Was zieht dich so zu ihnen?»

«Weißt du, Nikomachos», antwortete er, «ich glaube, es sind gar nicht die Spartaner, die mich so anziehen. Es ist das Fremde, das mich nicht mehr loslässt, und Athen, das mich abstößt.»

«Du willst fort?»

Xenophon nickte, fast verschämt.

«Weißt du», sagte ich, als wir schon vor Simons Werkstatt standen, «ich glaube nicht, dass etwas falsch daran ist, wenn es dich wegzieht. Du bist ein junger Mann. Du hast keine Frau und keine Kinder. Wenn du die Welt kennenlernen willst, ist das der beste Moment. Ich will dich nur um eins bitten ...»

«Ja?», fragte er gespannt.

«Sprich mit Sokrates.»

Xenophon versprach es. Er schien mir erleichtert. Dabei hatte ich kaum verstanden, was ihn so bewegte und was ihn wegtrieb.

Ich klopfte an und trat bei Simon ein. Xenophon folgte mir. Der strenge Geruch von frisch gegerbtem Leder stand im Raum. Simon saß auf einem Schemelchen und trieb wütend einen Nagel in eine Sohle.

«Er ist nicht da!», sagte er, ohne aufzusehen, nahm den nächsten Nagel aus dem Mund und schlug ihn mit beinahe noch größerer Wut in den Schuh.

«Hast du ihn denn heute schon gesehen?»

«Seit der Versammlung nicht mehr.»

Wir machten, dass wir davonkamen. Simon war an sich ein umgänglicher Mensch, aber hin und wieder wurden ihm die vielen Sokratesschüler doch zu anstrengend. Dann wurde er einsilbig, und wenn auch das nichts half, warf er jeden aus dem Laden, der nichts mit Schuhen zu tun hatten. Xenophon und ich kannten seine Launen allzu gut und suchten schnell das Weite.

«Wie war eigentlich die Versammlung?», fragte ich, nachdem wir wieder vor dem Tholos-Gebäude standen. Die Sonne ging gerade unter und tauchte die Häuser um uns in bronze-farbenes Licht.

«Das weißt du nicht?», rief Xenophon aus. «Warst du denn nicht auf der Pnyx?»

«Nein», antwortete ich entschuldigend, «ich war am Hafen. Eines meiner Schiffe ist eingelaufen.»

«Dann hast du aber etwas versäumt», meinte Xenophon. «Stell dir vor: Die Prytanen» und dieses Wort unterstrich er mit einer abfälligen Geste in Richtung Rathaus, «haben vorgeschlagen, ein Gremium zu wählen, das die Gesetze der Stadt überarbeiten und Athen dann nach diesen neuen Gesetzen regieren soll.»

«Regieren? Du meinst, sie haben eine neue Regierung eingesetzt, die auch noch die Gesetze umzuschreiben darf?»

«Genau so ist es!», bestätigte er mit allem Nachdruck.

«Aber, das ... das ist das Ende der Demokratie! Sie haben eine Oligarchie eingesetzt!»

«Genau, das haben sie getan.»

Ich musste mich setzen.

«Und das Volk hat das einfach so hingenommen?»

Xenophon zog die Augenbrauen hoch. «Das Volk war nicht da», antwortete er lapidar. «Die Pnyx war leer. Es waren vielleicht tausend Stimmbürger oben. Niemand hat es für möglich gehalten, dass bei dieser Versammlung irgendetwas Wichtiges beschlossen werde könnte - bis auf diejenigen natürlich, die alles eingefädelt haben.»

«Mein Gott, was für ein Betrug», stöhnte ich und schüttelte ungläubig den Kopf. «Und wer gehört jetzt zu dieser Regierung?»

Xenophon biss sich auf die Lippen. Es war, als fluchte er innerlich, weil ausgerechnet er es sein musste, der mir diese Neuigkeit überbrachte, und gleich sollte ich auch erfahren, warum.

«Sprich!», sagte ich trocken. Xenophon nahm sich viel zu viel Zeit für die Antwort, und mich überkam eine dunkle Ahnung.

«Es sind dreißig Männer», begann er langsam, «alle aus den reichsten Familien, wie du dir denken kannst. Ich konnte mir gar nicht alle Namen merken: Theramenes ist natürlich dabei ... Das kannst du dir sicher denken. Auch einige andere Namen sind bekannt: Polychares, Melobios, Eratosthenes, Hip-pomarchos ...» Xenophon zuckte mit den Schultern.

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