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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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Wir hatten das Tor beinahe erreicht. Ein paar Soldaten saßen gelangweilt auf den Zinnen. Sie ließen die Beine baumeln.

«Was gibt's Neues?», rief ich ihnen zu.

«Was soll's schon geben?», kam die Antwort von oben. «Die Bastarde warten ab. Sie schlachten unser Vieh und kochen daraus ihre widerliche Blutsuppe!»

«Bleibt auf der Hut!», sagte ich streng. «Denkt daran, was sie mit unseren Schiffen gemacht haben. Sie können von einem Moment auf den anderen losschlagen.»

«Schon gut, Hauptmann», gaben sie zurück, und allzu leicht war zu hören, wie sehr sie meiner Ermahnungen überdrüssig waren.

Während ich mit den Soldaten sprach, nahm Sokrates seinen Schild vom Rücken und setzte sich auf einen Steinquader, der ein paar Schritte vom Tor entfernt aus der Mauer ragte. Dort verharrte er regungslos, auch noch, als ich meinen kurzen Wortwechsel mit den Wachen beendet hatte und zu ihm kam. Das Licht der Morgensonne schien ihm ins Gesicht, trotzdem blieben seine Augen offen. Ganz klar und durchscheinend schienen mir seine Züge, ganz anders, als sie mir in Kephalos' Garten im Feuerschein der Fackeln begegnet waren. Als ich näher zu ihm trat, sah ich, wie sich seine Lippen bewegten. Sein guter Geist sprach zu ihm. Ich setzte mich neben ihn; er nahm mich gar nicht wahr. Ich wartete und streckte die Beine aus. Der Tag versprach warm zu werden. Schon jetzt brannte die frühe Sonne auf meinen ledernen Harnisch. Eine zweite Morgenmüdigkeit überkam mich, ich musste gähnen. Sokrates nahm keine Notiz von mir. Ich betrachtete ihn von der Seite. Stumm bewegten sich seine Lippen. Seine Augen standen ganz fern; er war als Knabe einmal schon im Himmel.

«Was geht bloß in dir vor?», fragte ich, nachdem ich ihn eine ganze Weile beobachtet hatte, aber er antwortete nicht. Er blieb in sein stilles Gespräch vertieft. Seine Augen blieben offen und starr. Obwohl er in die Sonne sah, blinzelte er nicht.

«Sokrates!», rief ich und stieß ihn an. Verwundert rieb er sich die Augen.

«Oh, Nikomachos, verzeih mir. Ich war einen Moment nicht da», entschuldigte er sich.

«Schon gut, ich hatte nur Angst, du verbrennst dir die Augen. Du hast noch nicht einmal geblinzelt», erklärte ich. Ich ließ ihm einen Moment Zeit, zu sich zu kommen.

«Weißt du, was ich mich frage, lieber Sokrates», begann ich nach einer Weile. «Kritias war doch dein Schüler?» Sokrates nickte vorsichtig.

«Was ist zwischen euch beiden vorgefallen? Wieso habt ihr euch überworfen?»

Sokrates antwortete nicht gleich. Er rieb sich die Beine, als wären sie ihm im Sitzen steif geworden.

«Das ist eine sehr lange Geschichte», erwiderte er schließlich beinahe verlegen. «Ich erzähle sie dir ein andermal. Hab Geduld mit einem alten Mann, dessen Augen brennen.» Mit diesen Worten erhob er sich mit einer für ihn ganz ungewöhnlichen Eile. «Ich denke, ich sollte jetzt doch zu meiner Einheit gehen. Man muss seine Pflicht tun, nicht wahr?»

Er wandte sich zum Gehen, zögerte aber doch einen Augenblick.

«Kannst du dich noch an unser erstes Treffen erinnern?», fragte er, bevor er sich endgültig verabschiedete.

«Sehr gut sogar», antwortete ich aufrichtig. «Du wolltest wissen, was mich zu dir führte, nicht wahr? Die Philosophie war es nicht ... Obwohl die Frage, was Gerechtigkeit ist, auch für den Hauptmann der Bogenschützen nicht unbedeutend sein kann und vielleicht immer wichtiger wird?»

«Du hast ein außergewöhnliches Gedächtnis», bemerkte Sokrates mit einer gewissen Anerkennung. Dann winkte er mir zu und ging.

ε

die Spartaner griffen nicht an, an jenem Tage nicht, nicht an den folgenden Tagen und nicht in den nächsten Wochen. Aber sie hielten die Stadt eisern umklammert. Lysander mit seiner gewaltigen Flotte blockierte den Seeweg, Pausanias und sein Landheer hielten die Stadttore verriegelt. Wir blieben gefangen. Nach wie vor ließen die Spartaner die wenigen Siedler, die sich in die Nähe Athens wagten, passieren, aber sie nahmen ihnen die Waffen, jedes Stück Brot und jeden Tropfen Wasser, den sie bei sich trugen, sodass auch uns endlich klar wurde, welche Strategie sie verfolgten. Was kein Feind je versucht hatte und vorher auch nicht hätte gelingen können, war durch den Untergang der attischen Flotte mit einem Male möglich. Athen sollte ausgehungert werden - und tatsächlich, die Stadt begann schon sehr bald zu hungern. Und mit jedem Flüchtling wurde die Not größer.

Wie immer traf es zuerst die Armen. Die Kolonisten, die nach Athen als ihrer Mutterstadt zurückgekehrt waren, hatten kaum ein Dach über dem Kopf, geschweige denn Land, das sie hätten bestellen können. Baten sie zunächst noch um Arbeit gegen einen Teller Suppe, boten sie bald schon ihre Söhne und Töchter auf den Märkten feil. Die Bettler auf der Agora, die früher nach einer Münze gefragt hatten, flehten um ein Stückchen Brot und drohten sich gegenseitig totzuschlagen, wenn einer ihr Revier verletzte. Bald klopften Kinder mit weiten Augen und hohlen Wangen an jedes Tor und warfen sich für einen wurmstichigen Apfel auf die Knie. Dann traf es auch die Bürger: zunächst die kleinen Handwerker und Krämer, dann die Händler, Marktbeschicker und Kaufleute, Lagerhalter, Sklavenhändler und Sklavenhalter, Ärzte und Salber, die Manufakturisten und Minenbesitzer. Die Preise für Korn kletterten täglich höher, und wer wohlhabend war, musste bestürzt erkennen, dass er sein Silber nicht essen konnte. Verschont blieben nur die einen, diejenigen, die immer verschont werden, die Großgrundbesitzer, und natürlich gehörte Kritias zu ihnen. Während schon die ersten Kinderleichen verbrannt wurden, sah ich ihn noch fröhlich und wohlgenährt durch die Straßen reiten, zwei Wachen an jeder Seite, die ihm die Hungernden vom Leib hielten.

Aber ich will ehrlich sein: Zu meinem großen Glück und manchmal auch zu meiner Beschämung traf es auch meine Familie nicht so wie die übrige Stadt. Ich hatte das Geschäft meines Vaters in den letzten Jahren vernachlässigt und viel mehr Vorräte an Wein, Öl und Honig in unseren Kellern angelegt, als kaufmännische Vernunft dies billigen konnte. Raios, mein Onkel und Schwiegervater, hatte denn auch schon mehr als nur einmal mahnende Worte an mich gerichtet, um mich wieder auf den Pfad der geschäftlichen Tugenden zu führen, fürchtete er doch um das Wohl seiner Tochter, vor allem aber seiner Enkel. Nun verderben Wein, Öl und Honig nicht, und während der Hunger wie ein Fluch über Athen kam, lagerten Hunderte Fässer sizilianischen Weins, apulischen Öls und mazedonischen Honigs in den Kammern unter unserem Haus und wurden zu höchst begehrten Tauschwaren auf den zahllosen Schwarzmärkten um die Tempel. Der Wein, das Öl und der Honig wurden zu flüssigem Gold, ja zu mehr noch als Gold. Sie halfen mir, meine Familie durch die Zeit der Belagerung und des Hungers zu bringen, und mehrten meinen Wohlstand.

Eine Schande, eine Schmach? Der Kaufmann einmal mehr als Kriegsgewinnler? Ich bekenne, dass ich in jenen Monaten der Belagerung Athens zu essen hatte und gleichwohl nicht an meine Mitbürger, sondern nur an die Meinen dachte. Meine Keller halfen mir, meine Familie zu retten, während ich mit meinen Metöken auf den Mauern stand und Tag für Tag vergeblich auf den Angriff wartete. Die Spartaner draußen vor den Mauern wurden dagegen gut versorgt. Lysanders Flotte bildete die Seebrücke zu den fruchtbaren Äckern ihrer Heimat, wo die Heloten das Land für ihre Herren bestellten, das diese ihnen geraubt hatten. Mein Verhalten war nicht tugendhaft, gewiss, aber es ist ein merkwürdiges Ding um die Tugend. Ein jeder führt sie im Munde, ein jeder opfert ihr vor dem Zeus-Altar ein mageres Huhn, solange er noch fette Vögel in seinem Stall ste-hen hat - und doch schickt er nur seines Nachbars Kinder auf das Feld der Ehre, während er die eigenen verbirgt. Ich kenne Generäle, die ihre großen und starken Söhne in Weiberkleider hüllten, um sie vor den Soldatenwerbern und Rekruteuren in Sicherheit zu bringen. Und hat Achilles' Mutter aus Angst um ihren Sohn nicht genau dasselbe getan? Es gibt Momente, da denkt jeder nur an die Seinen, und so tat ich es auch.

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