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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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Dem kalten Hungerwinter folgte ein Frühling, der, wie um uns zu beschämen, an Farbe und Pracht alles übertraf, was ich je erlebt hatte. Von einem Tag auf den anderen grünten die Gärten am Fuße der Akropolis, die Zedern und Pinien schüttelten das Grau des Winters ab, und die Oliven-, Apfel- und Quittenbäume öffneten ihre Blüten in verschwenderischer Fülle. Ein solcher Frühling verhieß reiche Ernte, aber er verhieß sie eben nur. Noch war kein Apfel zu pflücken und keine Olive reif. Die Toxotai mussten die Hungernden mit Ruten aus den Obstgärten treiben, damit sie in ihrer Not nicht die Blüten aßen.

Endlich kam Nachricht von Theramenes. Es werde Frieden geben, hieß es, die Spartaner würden abziehen, ja sie wollten uns sogar mit Weizen und Saatgut versorgen, wurde gemun-kelt. Ich wagte nicht, es zu glauben. Aber doch, es sei gewiss, erzählte man allerorten. Nichts außer vielleicht der Pest verbreitete sich in Athen so schnell wie ein Gerücht.

Wenige Tage später wurde die nächste Vollversammlung einberufen. Sie bot ein gespenstisches Bild. Tausende halbverhungerter Männer mit hohlen Wangen und hohlen Augen schleppten sich auf die Pnyx; kaum hatten sie noch genug Kraft in den Knochen, den Berg zu erklimmen. Die Greise, die noch vor wenigen Monaten auf den vordersten Bänken gesessen hatten, blieben verschwunden, und die Jungen, die ihnen folgten, waren vorzeitig vergreist. Auch an mir schlotterte der Chiton. Wenn mich meine Vorräte auch durch den Winter gebracht hatten, hatte ich doch viel Gewicht verloren ... Und zwischen diesen mageren Gerippen stand ein kleiner, dicker, wohlgenährter Theramenes, der sich wieder alle Mühe geben musste, sein Gesicht in gramvolle Falten zu legen. Lysander und die Ephoren hatten diesen Unterhändler mehr als augenscheinlich nicht hungern lassen.

Die Athener nahmen ihre Plätze ein und blieben still. Sogar zum Lärmen fehlte ihnen die Kraft, dabei war das Lärmen doch ihre zweite Natur. Trotzdem stand etwas in den glanzlosen Augen der Männer, das lauter war als jeder empörte Zwischenruf. Theramenes baute sich am Rednerpult auf und zog den Mantel eng um die Schultern. Er bemerkte deutlich, wie sehr er sich von uns unterschied, und versuchte zu bedecken, was für jedermann so offensichtlich war. Dann berichtete er.

Nachdem Lysander ihn fortgeschickt habe, sei auch er nach Sellasia an der Grenze zum Gebiet der Spartaner gegangen, um unmittelbar mit den Ephoren zu verhandeln. Dort habe er aber Wochen warten müssen, bevor sie überhaupt nur einen berittenen Boten nach ihm geschickt hätten. Eines Morgens sei endlich ein junger Offizier in seine Kammer getreten, kaum dass er an die Tür geklopft habe. Der habe ihn nur gefragt, was er wolle und über welche Vollmachten er verfügte. «Über alle», habe Theramenes geantwortet. Erst da sei ihm gestattet worden, zusammen mit zwei Begleitern lakonischen Boden zu betreten.

Die Spartaner brachten Theramenes und seine Freunde in einem schlichten Wohnhaus unter und ließen ihn erneut warten. Tag und Nacht wurde das Anwesen bewacht. Es war ihnen verboten, auch nur einen Fuß auf die Straße zu setzen. Niemand durfte ein Wort an sie richten. Ein alter, taubstummer Sklave brachte ihnen täglich das Allernötigste ...

Das Allernötigste - bei diesem Wort regte sich Empörung in der Versammlung, und Theramenes beeilte sich weiterzusprechen.

Der Sklave war der Einzige, der das Haus je betrat. Nach drei Wochen des Wartens waren Theramenes und seine Begleiter fest entschlossen, den grausamen Ort wieder zu verlassen und nach Athen zurückzukehren. Aber die Wachen ließen sie nicht vorbei. Am Himmel standen schon die Sternbilder des Frühlings, als endlich ein alter Spartanergeneral als Abgesandter der Ephoren zu ihnen kam. Zwei tiefe Narben liefen ihm über das mürrische Gesicht. Seine Haut war von den Wettern gegerbt. Sie baten ihn einzutreten, aber er blieb in dem kleinen Garten vor ihrem Haus stehen. Sie brachten ihm einen Stuhl, aber er setzte sich nicht.

«Was sollen wir mit euch Athenern nur machen?», fragte er, nachdem er sie eine Weile gemustert hatte wie seltene Tiere auf dem Markt. «Unsere Verbündeten raten uns, eure Stadt zu zerstören, eure Männer zu töten und eure Weiber und Kinder zu verkaufen ... Das wäre gewiss auch das Vernünftigste, was wir tun könnten. Aber eure Väter haben Seite an Seite mit unseren Vätern gekämpft und die Perser vom griechischen Boden vertrieben. Es gab eine ruhmreiche Zeit für euer Stadt. Daher unser Angebot: Ergebt euch und ihr dürft leben. Ihr könnt eure Häfen behalten und Handel treiben. Was von eurer Kriegsflotte übrig ist, liefert ihr aus. Eure Mauern müssen fallen. Das ist unser einziges Angebot und das letzte Wort. Geht nach Hause und entscheidet.»

Mit dieser Nachricht wurden die Athener entlassen. Das war es also: Wie Hunde, die einen Kampf verloren haben, ihrem Bezwinger die ungeschützte Kehle offenbaren müssen, bevor er von ihnen ablässt, hatten wir uns gänzlich der Gnade der Spartiaten zu unterwerfen und ihnen die Stadt schutzlos auszuliefern. Konnten wir uns aber darauf verlassen, dass sie Wort hielten und uns schonten? Konnte es der Hund, der die Schlagader entblößt?

Es ist doch ein merkwürdiges Ding mit den Menschen. Noch vor wenigen Wochen hatte die Forderung der Spartaner, die Mauern zu schleifen, wütende Stürme entfacht. Unseren ersten Unterhändlern hatten wir verboten, über die Mauern auch nur zu sprechen. Und nun? Zermürbt und hungrig nahmen wir es hin, wie Theramenes sie den Ephoren als Morgengabe überließ, ohne zu wissen, was das gewaltige Spartanerheer tun würde, wenn sich die jungfräuliche Athene vor den Augen dieser Männer entblößt und sich der Gnade der Spartiaten überantwortet hätte. Mehr noch: Mit den wenigen Tieren, die wir noch besaßen und nicht geschlachtet hatten, rissen wir selbst noch die Mauer ein, und die Jünglinge der Stadt spielten Musik dazu.

Als der erste Quaderstein der Mauer fiel, fiel Athen. Wir ergaben uns ohne einen einzigen Schwerthieb. Als die Mauer niedergerissen war, öffneten wir unsere Tore und senkten die Häupter. Draußen wartete schon das ruhmreiche spartanische Heer. Der Krieg war zu Ende, wir waren besiegt. Lysander fuhr in Piräus ein.

ξ

ich hatte vom tür aus beobachtet, wie sie die Mauer schleiften. Von dort aus sah ich auch das Heer des Feindes heranrücken. Noch bevor der erste eisenbeschlagene Spartanerstiefel aber athenischen Boden berührte, verließ ich meinen Posten, um zu meiner Frau und meinen Kindern zu kommen, die zu Hause warteten. Schon vor einigen Monaten hatten wir im Keller einen kleinen, nur über eine verborgene Falltür erschlossenen Raum eingerichtet und mit Betten, Decken, Wasser und Vorräten ausgestatten, um uns dort einige Tage zu verstecken. Dorthin wollten wir uns nun zurückziehen, um zu sehen, ob die Spartaner ihr Wort halten und unser Leben vorschonen würden. Aspasia erwartete mich gespannt. Sie hatte die Kinder bereits nach unten geschickt, aber selbst nicht in den Keller gehen wollen, bevor ich nicht dazukam. Ich küsste sie dankbar und nickte, als ich ihren fragenden Blick sah. Das genügte, und sie wusste, dass Mauern und Stadt gefallen waren. Aspasia schlug kurz die Augen nieder, besann sich aber schnell. Der weibliche Geist ist in den Momenten der Gefahr sehr viel mehr auf die Familie und den eigenen Hausstand gerichtet als auf den Staat. Die Frau trauert daher weniger um den Verlust einer Stadt als der Mann und sorgt sich mehr darum, im Augenblick der Gefahr ihre Nächsten um sich zu scharen.

Aspasia drängte zum Aufbruch. Ich suchte aber noch einen alten Bogen, um ihn mit nach unten zu nehmen. An der Waffe selbst lag mir nichts, aber ich wollte sie unter keinen Umständen in den Händen des Feindes wissen. Ich konnte sie aber im ganzen Haus nicht finden. Endlich erinnerte ich mich, den Bogen im Schuppen gelassen zu haben, als ich meinen Söhnen zuletzt Unterricht gegeben hatte. Aber auch dort suchte ich vergeblich. Ich öffnete gerade eine alte Truhe, um nachzusehen, ob ich ihn vielleicht dort verstaut hatte, als ich hörte, wie das große Eingangstor ins Schloss fiel. Ich ging sofort hinaus, konnte aber weder im Garten noch im Gang eine Menschenseele entdecken. Sicher, mich getäuscht zu haben, gab ich die Suche auf und ging in die Küche, wo der Einstieg zu unsrem Versteck offen stand. Ich kletterte hinunter und fand Aspasia allein.

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